Donnerstag, 30. Juni 2022
Ukraine-Krieg und Inflation

HV Händlerbefragung: „Ergebnisse stimmen besorgniserregend“

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 21.06.2022 | |  
Eine Blitzumfrage des Handelsverbands unter Handelsbetrieben zeigt, dass die Umsätze auf Grund des Ukraine-Krieges und der Inflation um durchschnittlich -14% einbrechen. 75% der Betriebe kämpfen mit Lieferverzögerungen und 41% mit Personalmangel. Die enormen Preissteigerungen in der Beschaffung seien die größte Herausforderung für Einzelhändler, wie der Handelsverband sagt.

Der Ukraine-Krieg und die pandemiebedingten Kapazitätseinschränkungen in Asien haben die Preise in ganz Europa in die Höhe getrieben. Die aktuelle Teuerungswelle habe sich wie prognostiziert verfestigt und stelle zunehmend für alle Handelsformate und Warengruppen eine existenzielle Herausforderung dar, wie der Handelsverband sagt. Hinzu komme ein Personalmangel „von historischem Ausmaß“: „Rund 20.000 offene Stellen können allein im Einzelhandel nicht zeitnah besetzt werden“, so der Verband, der in einer Blitzumfrage (bitte Juni) erhoben hat, wie es den heimischen Händlern – vom KMU bis zum filialisierten Konzern – derzeit geht.

Händlerbefragung

Die Ergebnisse der Befragung präsentieren sich wie folgt:

  • Die österreichischen Händler erwarten für das Gesamtjahr 2022 (im Vergleich zu 2019) einen Umsatzverlust von -14% aufgrund des Ukraine-Kriegs und der Inflation.
  • 75% der heimischen Händler verzeichnen aktuell Lieferverzögerungen bzw. -engpässe.
  • 41% haben derzeit mit Personalmangel zu kämpfen. Bei 15% aller Betriebe ist deshalb nur ein eingeschränkter Betrieb (bis hin zu Filialschließungen) möglich.
  • Ein Fünftel der Branche leidet unter verstärkter Personalfluktuation.
  • Der Umsatz in Q2/2022 ist gegenüber Q2/2021 um durchschnittlich -8% zurückgegangen.
  • Die Kundenfrequenz in Q2/2022 hat sich gegenüber Q2/2021 um -12% reduziert.
  • Als größte Herausforderungen nennen die Händler die enormen Preis- und Kostensteigerungen (in Beschaffung, Logistik, etc.) sowie Beschaffungsengpässe und Lieferverzögerungen im Einkauf.

Der Handel steckt in einem Dilemma

„Die Ergebnisse unserer Befragung zeigen deutlich, welche massiven Folgen die Teuerungswelle auf den österreichischen Handel hat, die sich immer mehr verfestigt. Einerseits legen die Beschaffungspreise immer mehr zu und andererseits gehen die Umsätze der Händler durch die Kaufkraftreduktion immer deutlicher zurück“, so Handelsverband Geschäftsführer Rainer Will. „Die Kundenfrequenz ist zuletzt um 12 Prozent eingebrochen. Selbst beim Kauf von Lebensmitteln gibt es inzwischen spürbare Verschiebungen. Zwei Drittel der Konsumenten achten bewusst darauf, wie viel sie für den täglichen Einkauf ausgeben und greifen vermehrt zu günstigeren Produkten. Aufgrund der Inflation treten immer mehr Wechselkäufer auf, die statt zu Bio eher zu konventionellen Produkten greifen müssen.“

Die Crux für den Handel

Die Crux für den Handel ist laut Will: „Einerseits müssen Waren so teuer wie noch nie beschafft werden, andererseits ist bereits jeder zweite Österreicher gezwungen, sich finanziell einzuschränken. Die Inflation frisst sich von den Geringverdienern bis in den Mittelstand hinauf und verfestigt sich immer mehr in weiten Teilen der Bevölkerung.“

Mietvertragsgebühr abschaffen und regionalen Handel entlasten

Vor diesem Hintergrund sei das dreistufige Anti-Teuerungspaket der Bundesregierung ein wichtiges Signal. „Die strukturellen Entlastungen zur Stärkung der Kaufkraft treten zwar später als erhofft in Kraft, aber insbesondere die Abschaffung der kalten Progression und der Startschuss für die Senkung der Lohnnebenkosten sind langjährige Kernforderungen des Handelsverbandes, die nun Stück für Stück umgesetzt werden. Klar ist aber auch, dass wir weiterhin auf Platz 3 der EU-Staaten mit den höchsten Lohnnebenkosten bleiben werden, daher hoffen wir auf weitere Schritte in diesem Bereich. Die Erhöhung des Klimabonus auf 500 Euro ist ebenso sinnvoll wie die Zusatzzahlung zur Familienbeihilfe und die Möglichkeit für Arbeitgeber, ihren Beschäftigten eine Mitarbeiterprämie von 3.000 Euro steuerfrei auszubezahlen“, so der HV GF.

Eine gezielte Entlastung von mitarbeiterintensiven KMU-Betrieben mit regionaler Wertschöpfung durch deren Betriebsstätte in Österreich stehe seit langem aus. Daher erneuert der Handelsverband seine Forderung nach einer Abschaffung der Mietvertragsgebühr. „Diese umgangssprachlich als ‚Papierverbrauchssteuer‘ bezeichnete Gebühr aus der Zeit Maria Theresias ist Gift für den Beschäftigungs- und Wirtschaftsstandort Österreich und kostet heimische Händler tausende Euro im Jahr, noch bevor diese überhaupt den ersten Euro verdienen können. Damit werden lenkungspolitisch genau jene Geschäftsmodelle belastet, die wir eigentlich unterstützen sollten. Ein Unikum, denn innerhalb der EU ist Österreich der letzte Nationalstaat, der eine solche Abgabe einfordert“, sagt Will.

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