Montag, 28. November 2022
Vom Ende der paradiesischen Zustände

Eingeholt von der „Normalität“

Hintergrund | Dominik Schebach | 25.09.2022 | Bilder | |  Meinung
Orientierung tut Not. Orientierung tut Not. (© Burkhard Vogt/pixelio.de) Dass wir uns rasenden Veränderungen gegenübersehen, ist inzwischen ein abgedroschener Allgemeinplatz. Angesichts der großen Verunsicherung wünscht man sich die gewohnten stabilen Rahmenbedingungen herbei. Was ist allerdings, wenn dieses sichere Umfeld der vergangenen Jahre die Ausnahme war – und Chaos der eigentliche Normalzustand ist?

Ich möchte heute einen Gedanken weiterspinnen, den ich in meinem letzten Kommentar vom 11. September 2021 angerissen habe. Dazu will ich kurz ausholen: Am vergangenen Handelstag konnte man wieder vielen Vortragenden lauschen. Einer von ihnen war auch Botschafter und Sektionsleiter im Außenministerium Thomas Oberreiter. Er ging in seinem Vortrag „Die Zukunft Österreichs im veränderten internationalen Umfeld“ auf genau diese oben gestellte Frage ein. Denn die vergangenen 33 Jahre waren im Rückblick betrachtet paradiesische Zustände in Westeuropa.

In dem Zeitraum seit dem Ende des kalten Krieges herrschte in Europa eine umfassende internationale Sicherheit, Energie war historisch gesehen extrem billig und die großen gesellschaftlichen Konflikte, welche die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, schienen überwunden. In dieser Zeit – in der sich Menschen hier zu Lande nicht um Krieg, Hunger oder Energiemangel sorgen mussten – wurde in Europa ein bisher unbekanntes Maß an Wohlstand geschaffen. Das war möglich, weil die Konflikte in dieser Zeit innerhalb von Europa durch Verhandlungen und die Schaffung gemeinsamer Regeln anstellen durch bewaffnete Konflikte gelöst wurden. – Als Historiker muss man sagen, diese waren praktisch der Normalzustand in Europa während der gesamten Neuzeit.

Durch den Ausbruch der jetzigen Ukrainekrise wurden wir „in die Normalität zurückgeholt“, erklärte dann auch Oberreiter. „Wir sind zurück in einer komplexen Realität.“ Eine komplexe Realität, die wir schon längst überholt geglaubt haben. Darum ist es umso schmerzhafter, dass wir die vergangenen Jahre des Überflusses mit dem Betrachten von Katzenvideos auf Facebook oder TikTok verbracht haben, anstatt die wirklich drängenden Probleme anzugehen. Aber vielleicht stimmt es wirklich, dass die großen Entwicklungsschritte nur unter dem Eindruck existenzieller Krisen erfolgen können.

Deswegen ist es auch sinnlos, den paradiesischen Zuständen nachzuweinen. Stattdessen werden wir uns wohl oder übel für längere Zeit auf chaotische Zustände einstellen müssen. Und wir sollten uns sehr schnell überlegen, welchen Leitsternen wir in dieser Phase folgen wollen.

Bilder
Orientierung tut Not.
Orientierung tut Not. (© Burkhard Vogt/pixelio.de)
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