Montag, 30. Januar 2023
Überlegungen zum Begriff Wertschätzung

Arbeit, die sich lohnt

Hintergrund | Dominik Schebach | 13.11.2022 | |  
Manche Begriffe werden inflationär verwendet, unachtsam. Dabei zahlt es sich aus, ihnen hin und wieder auf den Zahn zu fühlen. Der Begriff Wertschätzung gehört dazu.

Wenn gegenseitige Wertschätzung das Verhältnis zwischen Herstellern und Händlern beschreibt, dann bezeichnet das in der Regel die gelebte Partnerschaft unter gleichberechtigten Teilnehmern. Eine Kooperation auf Augenhöhe, welche auf den jeweiligen Stärken der einzelnen Partner aufbaut und für beide Seiten zum Vorteil gereicht. So eine Beziehung kann nur funktionieren, wenn sich der mächtigere Partner – und machen wir uns nichts vor, es gibt immer einen mächtigeren Partner in so einer Beziehung – zurücknimmt und die Bedürfnisse der kleineren Partner berücksichtigt. Letztendlich müssen sich alle Beteiligten als vollwertige Mitglieder einer Gemeinschaft sehen. Und jeder weiß auch, was er an dieser Kooperation hat. Solche auf gegenseitiger Wertschätzung begründeten Partnerschaften sind belastbar und beständig und im Endeffekt erfolgreich, wie die vielen erfolgreichen Formen der Zusammenarbeit zwischen Handel und Industrie in unserer Branche immer wieder zeigen.

So weit, so gut. Am 17. Oktober 2022 bin ich in der Tageszeitung „Der Standard“ allerdings über einen interessanten Beitrag gestolpert. Unter dem Titel „Was Personaler tun müssen, um Stellen wieder attraktiv zu gestalten“ ging es um den Fachkräftemangel und das Werben von Nachwuchskräften. Da kam u.a. auch Mario Derntl zu Wort. Der Chef der Lehrlingsinitiative Zukunft.Lehre.Österreich sprach hier ausdrücklich die Wertschätzung an, die junge Menschen erfahren, welche in ihren Betrieben gerne und zufrieden eine Lehre machen. Wenn zufriedene Lehrlinge die erfahrene Wertschätzung als einen der wichtigsten Gründe für die Entscheidung zu einem Lehrbetrieb angeben, dann läuft meiner Einschätzung nach etwas schief.

Nicht für die betroffenen Lehrlinge, die haben offensichtlich das große Los gezogen. Und auch nicht für die jeweiligen Lehr-Betriebe, weil die wirklich alles richtig gemacht haben. Das Problem sind die vielen anderen Betriebe, welche dieses Unterscheidungsmerkmal erst zu einem so relevanten Kriterium machen. Und das noch größere Problem ist das schlechte Image, welches Industrie, Gewerbe und Handel offensichtlich noch immer wie einen Rucksack mitschleppen. Wenn noch immer der Eindruck vorherrscht, dass Lehrlinge in ihren Betrieben keine Wertschätzung erfahren, dann bekommen die vielen ausgezeichneten Lehrbetriebe in der Wirtschaft gar nicht einmal die Chance, sich als moderne, kompetente und eben auch ihre Mitarbeiter sowie Lehrlinge wertschätzende Unternehmen und Arbeitgeber zu beweisen.

„Dieser so häufig verwendete Begriff ist eigentlich eine Chiffre, ein Platzhalter für ein ganzes Bündel an Dingen wie Anerkennung oder Aufmerksamkeit.“

Damit hat die Branche aber ein akutes Problem, das in den kommenden Jahren immer größer wird. In der Vergangenheit wurde der Mangel an Lehrlingen und damit der fehlende Nachwuchs in den Betrieben durch den steten Zustrom an Arbeitskräften aus den angrenzenden Staaten Osteuropas ausgeglichen. Einer Vielzahl an arbeitssuchenden Menschen stand so über lange Jahre eine begrenzte Zahl von offenen Stellen gegenüber. Da musste man nicht viel in die Mitarbeiter investieren und für einen Job haben viele Arbeitssuchende offensichtlich so einiges in Kauf genommen. Doch Osteuropa hat aufgeholt, das Lohnniveau ist gestiegen und die Corona-Pandemie hat ebenfalls zu einer Reorientierung geführt, womit dieser Zustrom stark zurückgegangen ist. Damit nicht genug, schnappt jetzt die demographische Falle zu. Es kommen einfach weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Das hat zur Folge, dass unmittelbar vor dem Erscheinen dieser Ausgabe die Statistik Austria für das dritte Quartal mehr als 200.000 offene Stellen gemeldet hatte. Davon entfielen rund die Hälfte auf den Dienstleistungssektor. Und damit greifen die altbekannten Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage – nur dieses Mal mit umgekehrten Vorzeichen und dem entscheidenden Unterschied, dass die Währung im Wettbewerb um die besten Nachwuchskräfte eben nicht nur Geld ist.

Damit kommen wir zurück zur Wertschätzung. Dieser so häufig verwendete Begriff ist eigentlich eine Chiffre, ein Platzhalter für ein ganzes Bündel von Dingen wie Anerkennung oder Aufmerksamkeit. Schließlich gehören aber auch eine funktionierende Kommunikation im Betrieb sowie ein Verständnis für die Beweggründe des anderen dazu. Im Kern ist Wertschätzung für mich damit vor allem einmal permanente Arbeit. Aber sie lohnt sich. Denn ein bewusstes Eingehen auf sein Gegenüber passiert nicht so nebenbei. Für echte Wertschätzung muss man in Aufmerksamkeit investieren und eine offene Kommunikation auf Augenhöhe suchen. Dazu muss man sich nicht gegenseitig um den Hals fallen, jedoch ist dieses „Ich sehe dich, ich nehme dich als Menschen wahr“ eigentlich eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Ganz besonders wichtig wird dies, wenn es um den Nachwuchs geht. Damit ist aber auch klar, dass Wertschätzung eben nicht ein „in Watte packen“ des Gegenübers ist. Wertschätzung manifestiert sich auch darin, dass man an seinem Gegenüber berechtigte Kritik äußern kann und diese Kritik auch angenommen wird, womit ein sehr produktives Arbeitsumfeld entstehen kann – ein Arbeitsumfeld, in dem man sich wohlfühlt, in das man sich einbringen möchte und von dem man schließlich seinen Freunden in der Freizeit erzählen möchte.

Wertschätzung allein reicht allerdings nicht aus, um das Nachwuchsproblem in der Branche zu lösen. Wir müssen auch darüber reden – in den lokalen Medien, aber ebenso in den sozialen Netzwerken. Noch mehr, als es bisher der Fall war. Denn der Elektrofachhandel und das Installationsgewerbe befinden sich im Wettbewerb mit vielen anderen Branchen und Bildungswegen. Da muss man sich Gehör verschaffen. Und es geht auch um den oben erwähnten Rucksack, den die Branche noch immer mit sich herumschleppt – vielleicht nicht immer in der Wahrnehmung bei den Jugendlichen selbst, sehr wohl allerdings in den Augen der Eltern. Aber auch diese Informationsarbeit lohnt sich. Bei der Kommunikation sollte man allerdings eines nicht übersehen: Im Begriff Wertschätzung steckt eben auch das Wort Wert. Man schätzt sich, weil man gemeinsame Werte teilt. Sie bilden das Fundament in der Beziehung. Das gilt auch in Bezug auf den Nachwuchs. Da lohnt es sich auch, nach den Werten junger Menschen zu fragen und die eigenen zu hinterfragen, ansonsten bleibt Wertschätzung für den Nachwuchs ein leeres Wort.

 

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