Montag, 30. Januar 2023
Kommentar E&W 11 – 2022

Die Glücksformel

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 13.11.2022 | Bilder | |  Meinung
Vor Corona mussten sich Unternehmen darum kümmern, dass sie Kunden bekommen. Heute müssen sie nicht mehr nur Kunden anlocken, sondern auch Personal. Doch wie soll das in Multikrisenzeiten funktionieren?

Die Situation ist beschissen, um es in aller Deutlichkeit zu sagen – für Unternehmen, vom Händler bis zum Gastronomen. Vor Corona musste man sich darum kümmern, dass man Kunden bekommt; sie anspricht, begeistert und dazu bringt, wiederzukommen. Nun muss man nicht mehr nur Kunden anlocken, sondern auch Personal, das sich quantitativ (viele sagen auch qualitativ) in Luft aufzulösen scheint. Ich frage mich: Wo sind die Leute? Was tun jene Menschen, die nicht arbeiten (wollen)? Wovon leben sie? Warum kommt Arbeit für sie nicht in Frage? …

Kurz: Es mangelt aktuell an Kunden (im Grunde an ihrer Tendenz, das Geld derzeit eher nicht auszugeben und wenig Kauflust aufzubringen) und an Personal. Experten tun sich ja leicht mit ihrem Blick durch die rosarote Theoriebrille. Sie sagen (und das klingt noch dazu so einfach): „Machen Sie Kunden zu Fans und Mitarbeiter zu Freunden bzw. Familienmitgliedern.“ Unterm Strich soll dabei rauskommen, dass beide Personengruppen Ihren Laden betreten und sich denken: „Jö, da gefällt‘s mir! Hier her möchte ich wiederkommen“ – ob mit einer Kaufabsicht oder mit der Absicht hier zu arbeiten. Und dann sollen sie das auch gleich noch all ihren Freunden und Bekannten erzählen, damit die genau so empfinden.

Es geht ums Begeistern. Es geht darum, Ihr Geschäft so attraktiv zu gestalten, mit so viel Wohlfühlatmosphäre aufzuladen, dass die Leute gar nicht anders können, als Gefallen daran zu finden. Doch: Wie soll das funktionieren? Aufgrund der immer größer werdenden Kaufzurückhaltung und der immer geringer werdenden Kundenfrequenz fehlt irgendwann das nötige Kleingeld, um in den eigenen Laden zu investieren und ihn immer wieder neu und interessant zu gestalten. Und mit der abnehmenden Mitarbeiterfülle fehlt (weil man alles selbst machen muss) vor allem auch bald einmal die Zeit (und die Kraft), sich um irgendetwas anderes zu kümmern, als um die wirklich überlebensnotwendigen Dinge. Der Frust, der sich dadurch aufbaut, macht es einem natürlich auch nicht unbedingt leichter, den großen Kundenbegeisterer und coolen Arbeitgeber zu mimen.

Die Situation ist prekär. Nur im Stress und kein Personal bedeutet, dass die Kunden irgendwann unzufrieden sein werden und nicht mehr kommen. Aber ein Laden ohne Kunden ist mit Sicherheit kein attraktiver Arbeitsplatz für potentielle Mitarbeiter. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Man kann nur hoffen, dass jene Leute, die sich zu schade sind für manche Berufe oder die ihre Zeit als zu wertvoll erachten, um sie mit Arbeit zu verbringen, irgendwann draufkommen, dass sie zum Ausleben ihrer „Life-Balance“ (das Wort „Work“ kommt in diesem Zusammenhang ja nicht mehr vor) doch das nötige Kleingeld brauchen. Und dass sie erkennen, dass ein Job nicht nur „kaputtarbeiten“ bedeutet und „Lebenszeitverschwendung“ ist, sondern, dass ein Job auch Spaß machen und erfüllend sein kann. Dafür müssten dann wiederum die Arbeitgeber Sorge tragen. Sie müssten sicherstellen, dass sich die Mitarbeiter wohl und wertgeschätzt fühlen. Denn: Nicht mehr nur der Kunde, auch der Mitarbeiter ist heutzutage König. Und die Gleichung, die es zu lösen gilt, lautet: Geht‘s den Mitarbeitern gut, geht‘s dem Unternehmen gut, weil: sind die Mitarbeiter glücklich, sind auch die Kunden glücklich.

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