Montag, 30. Januar 2023
Editorial E&W 12/2022

Die tägliche Dosis Irrsinn

Wolfgang Schalko | 11.12.2022 | Bilder | |  Meinung

Wolfgang Schalko
Irgendwas „ist” ja bekanntlich immer. Und gerade wenn schon etwas ist, kommt es meist noch dicker. Corona beispielsweise, und dann Putin. Blickt man ein Jahr zurück, werden Erinnerungen an Lockdowns, Corona-Tests und Debatten zur Impflicht wach. Turbulente Zeiten, in denen die Pandemie und ihre Auswirkungen unseren Alltag bestimmten. Und dennoch hätte Ende 2021 wohl niemand gedacht, dass es da – verglichen mit dem, was 2022 folgen sollte – noch relativ ruhig zuging.

Ein klarer Indikator dessen, was die Menschen beschäftigt, ist das, worüber sie sprechen. Dahingehend erlaubt des Wort – wie auch das Unwort – des Jahres entsprechende Aufschlüsse. Bei der Wahl des Österreichischen Wortes des Jahres 2022, die alljährlich von der Gesellschaft für Österreichisches Deutsch (GSÖD) der Uni Graz in Kooperation mit der Austria Presse Agentur (APA) durchgeführt wird, setzte sich diesmal „Inflation“ durch – vor „Klimabonus“ und „Korruption“. Die Ängste, Nöte und Sorgen der Bevölkerung spiegeln sich auch im Unwort des Jahres wider: Hier rangiert „Energiekrise“ auf Platz eins, gefolgt von „Heizschwammerl“ und „Beinschab-Tool“. Den Spruch des Jahres prägte einmal mehr Bundespräsident Alexander van der Bellen: Mit überwältigender Mehrheit wurde „Das darf doch alles nicht wahr sein!“ auf den ersten Platz gewählt. Der Satz fiel in der Rede über die Korruption bei Postenbesetzungen nach Bekanntwerden der Aussagen von Thomas Schmid bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und ist – unabhängig davon – im heurigen Jahr wohl jedem von uns das eine oder andere Mal durch den Kopf gegangen.

Ich für meinen Teil habe beim Wort bzw. eher Unwort des Jahres ja den „Putinversteher” vermisst – als Ausdruck einer Geisteshaltung, die immer offenkundiger zu einem Problem wird. Vor allem gesellschaftlich, aber auch im Geschäftsleben. Denn der allgemeine Umgangston wird nicht nur spürbar rauer, die getätigten Aussagen erscheinen zunehmend undurchdacht und bisweilen nur noch hirnlos. Wir stumpfen in mehrerlei HInsicht ab. Dabei darf es aus meiner Sicht keinen Platz für Diskriminierung, Intoleranz, Polemik und gewaltsame Auseinandersetzungen geben. Ebenso wie es – Stichwort Klimakatastrophe – kein Relativieren oder Rütteln an wissenschaftlicher Evidenz und überprüfbaren Fakten geben darf. Selbstverständlich müssen Regeln aufgestellt werden, die allgemein gültig sind, die es einzuhalten und deren Einhaltung es zu exekutieren gilt. Aber gerade wir – die wir uns gerne als „westliche Welt”, die „Speerspitze der Demokratie” und eine mündige, aufgeklärte Gesellschaft sehen – sollten uns auch im Klaren darüber sein, dass es mit Worten alleine nicht getan ist und man am Ende des Tages stets an den Taten gemessen wird. Hier offenbart sich oftmals eine Diskrepanz, deren Überwindung mehr als nur ein guter Vorsatz fürs neue Jahr sein sollte.

In meinem Postfach finden sich jeden Tag 300-400 neue E-Mails und damit fast zwangsläufig auch jede Menge Nachrichten der Kategorie „zum Kopfschütteln”. Manchmal hat das Ganze sogar einen Namen – z.B. Gunther Pitterka. Über den Der Salzburger Eisenbahn-Transport- und Logistikunternehmer kam eine Pressemitteilung, wonach er kurz davor stünde, Weltmeister beim „Sammeln“ von Flughäfen zu werden. Was es nicht alles gibt… Dazu muss man wissen, dass eine Gemeinschaft aus Flugenthusiasten sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit möglichst viele verschiedene Flughäfen anzufliegen und das auch wettbewerbsartig zu dokumentieren (einzusehen auf www.flugstatistik.de). Mit dem Flug von Portoroz in Istrien zum Aeroporto Nicelli in Venedig-Lidurger sollte Pitterka also Weltrekordhalter werden – mit 1582 (!) verschiedenen angeflogenen Flugplätzen. Ob Derartiges noch zeitgemäß ist, überlasse ich Ihnen zu beurteilen. Und auch die Aussendung der Vereins „Mein Auto“ (Ja, auch den gibt es…), die „in einer Reaktion auf die vielerorts grassierende Anti-Auto-Polemik” titelte: „Auto-Bashing gefährdet Arbeitsplätze und Steuern in Milliardenhöhe“.

Das Wort „Irrsinn” kommt einem zwangsläufig auch in den Sinn, wenn man an den Black Friday Sale und seine Begleiterschienungen denkt (wobei der Run der Konsumentedrauf trotz teils besonders irrer Preise diesmal gar nicht so irrsinnig groß war). Umweltministerin Gewessler nutzte den Black Friday nicht zum Schnäppchen-Shoppen, sondern um eine Initiative zur Beseitigung des „Retourenproblems“ im Onlinehandel zu präsentieren: Um die systematische Vernichtung von online bestellten und zurückgeschickten Textilien, Elektrogeräten & Co. zu unterbinden, wurde ein Vernichtungsverbot für Neu- und neuwertige Waren in den Raum gestellt. Während eine mögliche Umsetzung ohnehin noch völlig unklar ist, darf man sich getrost schon jetzt fragen: Wie kaputt ist das System, damit über so etwas überhaupt diskutiert werden muss? An anderer Stelle, nämlich bei der wieder aufgeflammten Debatte rund um ein Pfandsystem für Lithium-Batterien und -Akkus (siehe dazu auch die Coverstory dieser Ausgabe), warnte Bundesgremialobmann Robert Pfarrwaller zwar eindringlich davor, immer gleich die Gesetzeskeule zu schwingen und stattdessen zunächst Aufklärung und Bewusstseinsbildung in solch heiklen Fragen zu betreiben, aber nicht erst einmal hat sich gezeigt, dass Ver- bzw. Gebote die gewünschte Wirkung erzielen und damit ihre Berechtigung haben. Dass der Elektrohandel dabei nicht immer das „Bürokratieopfer” mimen muss, steht auf einem anderen Blatt. Noch eine bemerkenswerte Nachricht aus dieser Kategorie: „Zeitverschwendung verschärft Fachkräftemangel”. Eine neue Studie in Deutschland hat aufgezeigt, dass es zwar genügend Fachkräfte gebe, diese jedoch ein Drittel ihrer Arbeitszeit verschwenden – vor allem wegen eines ineffizienten Umgangs mit der Digitalisierung.

Wesentlich subtiler kommt der Irrsinn oft im Business-Alltag daher, wenn Forderungen von Geschäftspartnern mit kleiner Schritten dreister werden, die Konditionen zitzerlweise gekürzt und die Gesprächsbasis sukzessive verloren geht. Mit dem „Entmenschenln” droht sich das vielleicht bedeutsamste Charakteristikum guter Geschäftsbeziehungen schleichend zu verabschieden. Traurigerweise dann wohl auf nimmer Wiedersehen.

Auch wenn (oder eben weil) das alles nicht „ohne“ ist und es vermutlich auch nicht leichter wird, wünsche ich Ihnen allen ruhige und erholsame Weihnachtstage sowie ausreichend Zeit, in sich zu gehen und Kraft für das neue Jahr zu tanken. Und ich möchte Ihnen – angesichts der unzähligen Irrsinnigkeiten, die tagtäglich rund um uns passieren – noch etwas zum Nachdenken mitgeben: Wo kämen wir denn hin, wenn es keine Verrückten mehr gäbe?

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