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Montag, 5. Juni 2023
Interview mit go-e Geschäftsführer Vincent Marbé

„Die Elektromobilität wird sich durchsetzen”

Elektromobilität | Wolfgang Schalko | 15.02.2023 | |  Menschen, Unternehmen, Wissen
Vor etwas mehr als fünf Jahren ist go-e von Feldkirchen in Kärnten aus angetreten, mit seinen intelligenten Ladestationen für Elektroautos den internationalen Markt zu erobern. In der DACH-Region zählt das Unternehmen bereits zu den erfolgreichsten und bekanntesten Marken auf diesem Sektor – im Gespräch mit E&W erläutert CEO Vincent Marbé die Faktoren für den Erfolg, wohin die Reise gehen soll und welche Bedeutung „Made in Austria” hat.

E&W: Die Vision von go-e lautet, führender Anbieter von Ladestationen für Elektroautos in Europa zu werden. Wie soll das gelingen?

Vincent Marbé: Wir wollen konsequent fortsetzen, was wir schon in den letzten Jahren aufgebaut haben, uns auf unsere Stärken konzentrieren und im ständigen Wandel bleiben. Es wird eine Erweiterung des Produktportfolios geben, außerdem wollen wir das Verständnis der Kundengruppen in unseren Zielmärkten verbessern und das Thema Elektromobilität weiterhin sehr holistisch denken. Zudem bauen wir heute gleichzeitig ein Qualitätsmanagement im Haus auf, es kommen monatlich neue Mitarbeiter – und damit neue Kompetenzen – ins Unternehmen und last but not least entwickeln wir von der Hardware über die Software bis hin zur App alles selbst. Gerade hier sind es sehr oft die neuen Kollegen, die uns auf Blind Spots aufmerksam machen, an die wir zuvor nicht gedacht hatten. Genau diese Bereitschaft, uns ständig weiterzuentwickeln und selbst in Frage zu stellen ist der Weg, der uns zu unserem Ziel führen wird.

Stichwort Sortimentserweiterung: Viele Mitbewerber haben ein deutlich breiteres Portfolio – woran denkt go-e konkret?

Wir sehen ein enorm breites Portfolio von 20 oder 30 Lademöglichkeiten, wie es einzelne Hersteller bieten, eigentlich als Problem am Markt – denn da verliert der Kunde leicht den Überblick. In diese Falle wollen wir nicht hineintappen, folgen aber trotzdem der klaren Erkenntnis, dass es verschiedene Usecases und verschiedene Zielgruppen mit entsprechenden Bedürfnissen gibt – der Endkunde zuhause wird z.B. kein 4G- oder 5G-Modul brauchen, eine komplett öffentliche Ladestation hingegen ziemlich sicher schon.
Für uns besteht die Herausforderung darin zu entscheiden, welche Unterscheidungsmerkmale wir anbieten wollen und wie wir diese sichtbar machen – aber ohne uns in dem Versuch aufzureiben, eierlegende Wollmilchsäue herzustellen und am Ende unsere Kunden zu verlieren. Von daher: Ja, es wird Sortimentserweiterungen geben, mit denen wir versuchen möglichst klare Usecases zu erfüllen und die Unterschiede in der Produktpalette möglichst deutlich aufzuzeigen. Und das Ganze stets begleitet von interessanten Softwarelösungen, denn wir sehen uns als Anbieter von Komplettlösungen rund um das Laden von Elektroautos.

Die Softwareabteilung wird also entsprechend mitwachsen müssen?

„In fünf Jahren wird uns jeder, der sich in Europa mit Elektromobilität beschäftigt, kennen“, ist go-e CEO Vincent Marbé überzeugt. Er steht zusammen mit CEO Susanne Palli an der Spitze des Ladetechnikspezialisten mit Sitz in Feldkirchen (Kärnten).

Definitiv. Derzeit haben wir in Summe knapp 130 Arbeiter und Angestellte. Rund 25 Leute sind im Bereich F&E tätig, davon befassen sich 20 im weitesten Sinne mit Software, d.h. von unserer App über das Backend bis hin zur Firmware auf den Geräten. Das ist ein ziemlich bunter Haufen, auf den wir auch sehr stolz sind – wir verzeichnen inzwischen über 30 Nationalitäten in der Firma. Die meisten der Entwickler sind allerdings an unserem Standort in Berlin, weil es nicht möglich war, die Leute hierher nach Kärnten zu bekommen.

Ist Software als „Stand alone-Produkt” ein Thema?

Solche Überlegungen gibt es. Eigentlich sollten ja alle Unternehmen, die im Bereich Elektromobilität tätig sind, nicht ihr eigenes Süppchen kochen und versuchen sich selbst zu profilieren, sondern zusammenarbeiten um das Thema weiterzubringen. Jeder hat seine Stärken und die sollten nebeneinander koexistieren und sich gegenseitig vorantreiben – vereinfacht gesagt: 1+1=3. Wir glauben daran, dass wir uns vernetzen müssen und haben daher von Anfang an ein eigenes API. Wir machen Dinge selbst, wenn es einen entsprechenden Mehrwert für den Kunden hat, aber wenn wir glauben, der Mehrwert für den Kunden wird größer, wenn wir unsere Lösung mit der eines Partners kombinieren, sind wir offen für Kollaborationen – denn es geht immer um den Mehrwert für den Kunden.

Die go-e Wallboxen sind top ausgestattet und auch preislich attraktiv – wie schafft man das mit einer Fertigung in einem Hochpreisland wie Österreich?

Der USP unseres Unternehmens besteht darin, dass wir von A bis Z entwickeln. Wir sind somit nicht abhängig von diversen Standardkomponenten-Herstellern wie viele unsere Mitbewerber, die lediglich solche Standardkomponenten zusammenkaufen und diese dann in einem Gehäuse verknüpfen – das ist allein schon von den Materialkosten her relativ teuer und lässt noch dazu relativ wenige Unterschiede zwischen den Herstellern zu, weil am Ende jeder die gleichen Features hat. Dadurch, dass wir unsere Produkte komplett selbst entwickeln – indem wir z.B. anstelle einer fertigen Logik-Kontrolleinheit nur die Basis-Komponenten gemäß unseren Anforderungen fertigen lassen und auf diese dann unsere eigene Software aufspielen – haben wir die Kosten im Griff. Natürlich sind die Löhne in Österreich nicht die billigsten, aber das ist eben Teil der sozialen Verpflichtung, die wir als Unternehmen sehen und der Region gegenüber wahrnehmen. Wenn man will, ist das drin – natürlich kann man auf den letzten Cent runterdrücken, aber letztlich leidet dann die Qualität bzw. die Menschen, die am Produkt arbeiten. Und das ist für uns einer der Kernwerte: Dieses Unternehmen ist die Summe der Menschen, die es zum Leben erwecken und es immer weiter entwickeln. Jeder Euro, den man dafür ausgibt, ist es zehnmal wert.

Welche Rolle spielt „Made in Austria”?

Ich persönlich betrachte mich als Weltbürger und finde, dass hinter „Made in”-Bezeichnungen nicht viel steckt, weil ja jeder Hersteller Supply Chains hat, die um die ganze Welt gehen. Wir leben alle auf dem gleichen Ball und es wäre daher schön, wenn wir uns irgendwann einmal alle als Einheit sehen würden. Aber in Österreich beim Endkunden hat „Made in Austria” definitiv einen Mehrwert, zumal die Österreicher einen ausgesprochen großen Wert auf die Herkunftsbezeichnung legen. Natürlich sagt es schon auch etwas darüber aus, woher wir kommen und wo die Wertschöpfung stattfindet – „Made in Austria” steht ja groß auf unseren Verpackungen. Und es zeigt auch, dass wir versuchen, regionale Komponenten zu verwenden und die Transportwege kurz zu halten, d.h. es spiegelt den Nachhaltigkeitsgedanken wider.

Wo steht go-e in fünf Jahren?

Das ist eine schwierige Frage, weil es darauf ankommt, welche Aspekte gemeint sind – Mitarbeiteranzahl, Jahresumsatz, etc. Wir werden sicher um einiges größer sein, aber die wichtigere Frage ist: Wer bzw. was werden wir sein? Und hier lautet die Antwort, dass wir in fünf Jahren ein noch bunterer Haufen sein werden als schon jetzt und wir werden gleichzeitig eine gut geölte Maschinerie sein, die sich weiterhin selbst bereichern kann und die sehr flexibel auf die verschiedensten Entwicklungen rundherum reagieren wird. Und wir werden in fünf Jahren insgesamt noch weiter sein, was unsere Produkte nochmals interessanter machen und zusätzliche Mehrwerte für unsere Kunden und andere Stakeholder bieten wird. Ob wir bis dahin ein paar hundert Millionen Umsatz machen und ob wir 400 Leute sind oder 2.000, wird sich ergeben.

Wenn wir der führende Anbieter für Elektromobilität in Europa sein wollen, müssen wir neue Märkte erschließen – daran arbeiten wir z.B. gerade in Schweden, mit Business Development vor Ort inkl. Aufbau einer eigenen Personalstruktur. Denn wir werden niemals in die Kultur eindringen können, wenn wir nicht mit den Menschen vor Ort sprechen. Dahingehend noch etwas: In fünf Jahren wird uns jeder, der sich in Europa mit Elektromobilität beschäftigt, kennen.

Welche Zukunft hat die E-Mobilität?

Wir wären nicht in diesem Feld tätig, wenn wir nicht daran glauben würden. Klar hat die Elektromobilität derzeit auch ihre Schwächen, insbesondere die Technologie der Batterien stellt uns vor Probleme. Aber da gibt es sehr viel, das kommen wird und genau auf diese Probleme eingeht, wie etwa der Einsatz weniger problematische Rohstoffe als Lithium. Die Technologie per se ist gut und von daher sind wir fest davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird. Bei einigen Parametern kommen auch die Behörden ins Spiel, denn es bringt z-B. relativ wenig, wenn wir zwar E-Autos fördern, diese dann aber alle mit Kohlestrom geladen werden. Ähnliches gilt bezüglich des notwendigen Ausbau des Stromnetzes, wo es gar nicht so viel braucht, wenn wir die richtigen Rahmenbedingungen setzen und gute Kommunikation zwischen den Netzen und den Geräten ermöglichen – hier ist die Kombination aus Photovoltaik und Elektromobilität extrem spannend, zumal Strom aktuell auch der einzige Treibstoff ist, den man selbst zuhause herstellen kann. Unterm Strich muss einfach Aufklärung betrieben werden und es geht letztlich auch um die Frage, wie wir Mobilität generell gestalten wollen – was eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Thema ist. Aber wenn wir schon Autos brauchen, die uns bewegen, dann ist Elektromobilität die am wenigsten schlechte Lösung, die wir heute haben.

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