Donnerstag, 23. März 2023
Comeback oder vom Aussterben bedroht?

Über das Warten. Oder: Leo spendet keinen Trost

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 19.02.2023 | Bilder | |  Meinung
Niemand wartet gerne. Und trotzdem verbringen wir unzählige Stunden damit. Doch warum hat das Warten eigentlich so einen unangenehmen Beigeschmack? Ich habe gerade Zeit, ich muss nämlich warten, also mache ich mir so meine Gedanken ...

Der Mensch verbringt im Laufe seines Lebens angeblich rund fünf Jahre mit Warten (Windows Benutzer noch viel mehr 😉  ). Ich warte auch gerade. Darauf, dass es weiter geht, ich stehe nämlich im Stau. Wussten Sie, dass der Österreicher im Schnitt 25 Stunden pro Jahr im Stau steht? Das wären auf ein Autofahrerleben (also abzüglich der Jahre alt Kind und Greis, in denen man üblicherweise nicht Auto fährt) gerechnet 1.250 Stunden.

Ich glaube die wenigsten Menschen warten gerne. Verständlich, wird das Warten doch in den allermeisten Fällen mit Negativem assoziiert, wie zB mit Zeit vergeuden, langweilen, untätig sein, Zeit totschlagen. Warten steht auch in unmittelbarem Zusammenhang mit Geduld. Ob ich ein geduldiger Mensch bin? Hmmmmm …. lassen Sie es mich mit den Worten meines Liebsten erklären: Nicht, dass ich nicht anwesend gewesen wäre, als Gott die Geduld an die Menschen verteilte. Ich war da! Es hat mir nur zu lange gedauert 🙂

Nachdem ich gerade Zeit habe, mache ich mir Gedanken. Worüber? Übers Warten natürlich.

Also … was ist Warten eigentlich? Laut Definition bedeutet Warten die Zeit verstreichen zu lassen beziehungsweise untätig zu sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft. Im öffentlichen Raum sind unzählige Bereiche für diese erzwungene Form des Untätigseins reserviert. Am Bahnhof, am Flughafen, am Gang diverser Ämter oder beim Arzt. Und die kleinen, meist gläsernen Häuschen am Straßenrand mit den grün-gelben „H”-Schildern davor dienen dem gleichen Zweck: Entweder dem Hoffen auf bessere (Abfahrts-)Zeiten, oder dem auf den Bus.

Ganze Industrien leben gut vom Warten. Ob die Erbauer eben erwähnter Warte-Häuschen, die Ausstatter von Arztwartezimmern oder die Macher jener Zeitschriften und Magazine, die in ausschließlich eben diesen Wartezimmern aufliegen. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? In den Warteräumen diverser Arztpraxen liegen Magazine herum, die man sonst nirgends findet. Und in Wartezimmern liest man vor allem Magazine, in die man sonst niemals auch nur einen Blick werfen würde. Oder kämen SIE auf die Idee, zu Hause beim Frühstück „Haut & Allergie” zu lesen? Oder die „OrthoPress”, das Lifestyle-Magazin für alle Fragen rund um den Bewegungsapparat? In der Arztpraxis liest man so etwas schon … weil die dort ausliegenden Exemplare massentauglicher Medien wie News, Profil oder Trend nämlich meist schon einige Monate, wenn nicht Jahre alt sind bzw aus Mangel an Alternativen (den Playboy bzw das Playgirl gibt es dort ja nicht 😉 ).

Please hold the line

Auch die Betreiber von Telefonhotlines verdienen gutes Geld mit Warten – wobei nicht die Betreiber warten müssen, sondern ihre Kunden klarerweise. 68 Stunden ihrer Arbeitszeit verbringen durchschnittliche Arbeitnehmer jedes Jahr in Telefonwarteschleifen, sagt eine amerikanische Studie. Und wenn sie nach Feierabend einen Flug umbuchen wollen, wenn die Internetverbindung streikt oder sie bei ihrem Telefonanbieter die Höhe der Rechnung reklamieren wollen, warten sie weiter – beschallt von Fahrstuhl-Dudelmusik in der Dauerschleife, vertröstet von den immer gleichen Beteuerungen einer Computerstimme: „Haben Sie noch etwas Geduld. Wir sind gleich für Sie da.“ Doch nicht immer, wenn die Anrufer schmoren müssen, sind die Leitungen tatsächlich überlastet – für viele Unternehmen gehören die Wartezeiten beim Kundenservice angeblich zum Geschäftsmodell, lautet der Vorwurf. Denn meist laufe der Gebührenzähler schon, bevor sich am anderen Ende der Leitung überhaupt ein Servicemitarbeiter meldet. Die Warteschleife koste die Kunden somit nicht nur Zeit, sondern mitunter auch viel Geld. Die Firmen hingegen erzielen damit zusätzliche Einnahmen – noch bevor sie überhaupt eine Serviceleistung erbracht haben. (Die Firmen bestreiten das natürlich. Keiner lasse seine Kunden absichtlich warten und das habe überhaupt nichts mit Geschäftemacherei zu tun). Nach einen Berechnung der Grünen-Bundestagsfraktion verblasen unsere Nachbarn, also die deutschen Bundesbürger, im Jahr übrigens 144 Millionen Euro in Telefonwarteschleifen, in der oft trügerischen Hoffnung, dass am Ende der gebührenpflichtigen Service-Hotline ein kompetenter Gesprächspartner abhebt. Meist hebt zwar irgendwann jemand ab, doch selten ist er kompetent.

Man sieht: Das Warten hat auch eine bedeutende volkswirtschaftliche Komponente. In England gibt es sogar den Beruf des „Waiters”. Warum der so heißt, wird deutlich, wenn die bei uns „Kellner” genannte Servicefachkraft nach einer dreiviertel Stunde mit leeren Händen zum Tisch zurückkehrt und sich danach erkundigt, was man denn gleich noch mal bestellt hätte.

Der linke und rechte Schuh

Warten ist ja eng mit Hoffen verbunden, wie der linke und der rechte Schuh desselben Paares. So hofft man zB auf den Lottogewinn und wartet auf ihn – in den allermeisten Fällen vergebens. Man hofft (und wartet) auch auf besseres Wetter bzw. auf die längst fällige Gehaltserhöhung. Manche hoffen auf einen Sitz in der Bundesregierung – hoffentlich ebenso vergeblich. Der Autofahrer, der eine alte Dame an der Ampel vor sich hat, wartet und hofft ebenfalls, nämlich darauf, dass die Dame endlich das Gaspedal findet, zumal schon seit einer gefühlten Minute Grün ist. In dem Zusammenhang fällt mir übrigens ein: Betrunkene überfahren das Stoppschild, Kiffer warten, bis es grün wird 🙂

Und apropos Kiffer: Man kann versuchen Wartezeiten auch sinnvoll und kreativ zu überbrücken. So könnte man beispielsweise ambitionierte philosophische Themen von existentieller Bedeutung durchdenken. Etwa, wie lange ein Moment dauert, ob die Mitarbeiter einer Teefabrik auch Kaffeepausen haben, warum eine Uhr nach rechts läuft und nicht nach links, ob ein Kreis einen Anfang und ein Ende hat oder ob es möglich ist, ein Joint-Venture zu rauchen …

… Scherz beiseite.

Den meisten Menschen gelingt es ja nicht, die Wartezeit mit positiven Gedanken zu verbinden. Das Warten wird als lästig empfunden und daraus erwächst eine negative Grundstimmung, die weit über das eigentliche Ereignis hinausgehen und bis zum Verfluchen der gesamten Menschheit führen kann. Dabei war das scheinbar nicht immer so. „Das Warten – so unangenehm es sein konnte – hatte etwas Positives“, meint etwa der Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer von der Uni Mannheim. „Da war dieser Moment der Kontemplation. Ein Moment der Pause. Man ließ die Welt auf sich wirken. Man konnte nachdenken. Dass das verschwindet, ist sicherlich ein Problem. Das wird etwas sein, das uns nachhaltig verändern wird.“ Vorderer meint damit, dass das reine Warten ausstirbt. Jedenfalls das Warten im Sinne von Nichtstun ohne Ablenkung durch Surfen, Chatten oder Spielen.

Viele können es sich schon gar nicht mehr vorstellen: Einfach nur gegen die Wand starren. In den Himmel schauen. Andere Leute beobachten. Ausharren und sich in Geduld üben. Heute gibt es das praktisch nicht mehr, weil nahezu jeder mit einem Smartphone ausgestattet ist und sich die Zeit damit vertreibt. Aber ist das Ende der Langeweile wirklich eine Erlösung? Für einige Wissenschaftler ist es das nicht. So sagt der Professor und Philosoph Stefan Gosepath: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“

Der Mensch braucht die Langeweile und die Phasen des Nichtstuns, um selbst Ideen zu entwickeln, sagt Gosepath. ZB während einer Fahrt in der U-Bahn: Man schaut aus dem Fenster, lässt seinen Gedanken freien Lauf und plötzlich hat man einen guten Einfall. Plötzlich weiß man, wie man etwas anpacken muss. „Das ist natürlich nicht garantiert, aber wenn man keine Gelegenheiten für solche Gedanken schafft, dann kommen sie auch nicht“, sagt Gosepath. „Man muss ihnen Raum geben.“

Und nicht nur das Denken, auch das Sehen könnte an Qualität verlieren, wenn das Warten vollends abgeschafft wird. Es geht um die Fähigkeit, genau hinzuschauen. Wenn man früher jeden Morgen an derselben Haltestelle wartete, fielen einem kleinste Veränderungen auf. Die Frau, die auch jeden Morgen dort stand, trug einen neuen Mantel. Die Leute von gegenüber hatten andere Vorhänge. Der Apfelbaum bekam erste Knospen. War es eine Straße, die man weit einsehen konnte, versuchte man, den Bus schon möglichst früh zu erkennen. „Da kommt er!“ – „Nein, das ist nicht der 42-er, das ist der 23A!“ Solche Dialoge an der Haltestelle sind ausgestorben. 🙁

Es gibt allerdings Menschen, die davon überzeugt sind, dass das Warten ein Comeback erleben wird. Peter Vorderer zum Beispiel. Er sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass wir uns diese Momente des Wartens zurückholen werden. Die Zunahme von Kommunikation in Situationen, in denen man bisher nicht (oder nur mit seinem direkten Gegenüber) kommuniziert hat, ist so dramatisch, dass es hier unweigerlich eine Gegenreaktion geben muss.“

Alles nimmt ein gutes Ende

„Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann”, sagte Leo Tolstoi. Das mag auf vieles zutreffen. Nach mittlerweile 70 Minuten im Stau auf der A23 spendet MIR diese Erkenntnis allerdings nicht wirklich Trost. Aber ich kann zumindest die These widerlegen, der zufolge Menschen mit Macht nicht warten müssten (Menschen mit Macht lassen höchstens warten, heißt es). Wenn sich am Knoten Vösendorf nämlich ein Gemüsetransporter aus Rumänien quer legt, beißt der inmitten der ruhenden Autoschlange feststeckende, cholerische Generalmanager ebenso ins Lenkrad wie der unterbezahlte Leiharbeiter vor ihm. Im Stau sind alle gleich. Da ist es g’hupft wie g’hatscht, ob der Bonze in der Firma oder Zuhause was zu melden hat oder nicht. Und aus diesem Grund werde auch ich weitermachen … zwangsläufig … mit dem Warten 🙂

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