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Donnerstag, 13. Juni 2024
Aus dem Bundesgremium

Bianca Dvorak: „Personalsituation im EFH wird immer brisanter”

Die Branche | Wolfgang Schalko | 16.03.2023 | | 1  Branche, Wissen
Bundesgremial-GF Bianca Dvorak fordert in Sachen Arbeitsmarkt rasches und durchdachtes Handeln der Politik. Bundesgremial-GF Bianca Dvorak fordert in Sachen Arbeitsmarkt rasches und durchdachtes Handeln der Politik. (© Stephan Huger) Wie am gesamten Arbeitsmarkt klaffen auch im Elektrohandel große personelle Lücken – daran können auch die zuletzt wieder steigenden Lehrlingszahlen nichts ändern. Im E&W-Interview erläutert Bundesgremialgeschäftsführerin Bianca Dvorak die möglichen Ursachen, wo akuter Handlungsbedarf besteht und warum das Zauberwort „Flexibilität” heißt.

Wie stellt sich aus Sicht des Bundesgremiums die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt dar und wie schätzt man die weitere Entwicklung ein?

Bianca Dvorak: Nicht sehr positiv – es wird immer brisanter. Die Betriebe suchen immer mehr Leute und bekommen diese fast nicht, also versuchen sie z.B. mehr Lehrlinge selbst auszubilden. Während wir in den letzten Jahren noch gesehen haben, dass mehr potenzielle Mitarbeiter eine Teilzeitbeschäftigung suchen, dreht sich dieser Trend jetzt wieder. Die Menschen wollen doch wieder vermehrt Vollzeit arbeiten, neue Mitarbeiter ebenso wie aktive, die gerade in Teilzeit beschäftigt sind – weil sie sich‘s anders nicht leisten können.

Welches Stimmungsbild zeichnen die Mitglieder draußen?

Neben der aktuellen Tendenz zu mehr Vollzeit ist schon etwas länger zu beobachten, dass sich gerade bei den jüngeren Generationen sehr viel geändert hat in Hinblick darauf, was die Prioritäten bei der Arbeit betrifft. Hier muss man aufpassen, damit man diese Entwicklung nicht verpasst. In der Lehre kommen demnächst die ersten Vertreter der Generation Alpha (Anm.: Geburtenjahrgänge 2010-2025) auf uns zu, und die sind nach neuesten Studien völlig anders gestrickt als die bisherigen: Die sind total digital, haben eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne – was nicht heißt, dass sie weniger aufnehmen können, nur eben anders – und lassen sich überhaupt nicht über einen Kamm scheren, d.h. die Individualisierung, die schon in den letzten Jahren bemerkbar war, schreitet extrem voran.

Mit den Systemen, die wir derzeit haben, kommen wir da nicht weiter – gerade was die Lehrlingsausbildung betrifft. Denn die heutigen Lehrpläne stammen ja aus den 1980er-Jahren, d.h. da sind drei Generationen dazwischen. Daher ist die Politik jetzt wirklich gefordert, dass sie in die Gänge kommt und das alles überarbeitet. Nicht nur kosmetisch, sondern substanziell: Man muss sich ernsthaft fragen, wie man die Lehrausbildung auch auf die Bedürfnisse der Zielgruppe ausrichten kann. Momentan ist sie weder ausgerichtet an den Bedürfnissen der Unternehmen noch an denen der Lehrlinge – und das adäquat aufzustellen, sehe ich als Riesen-Herausforderung für die nächsten Jahre. Die Unternehmen wollen nämlich ebenfalls nicht länger in dieses strenge Korsett verfrachtet werden, wie es jetzt der Fall ist. Bis die Ersten der Generation Alpha in den Lehrberuf einsteigen, bleiben noch ein, zwei Jahre, d.h. gerade genug, um noch etwas zu ändern – aber da muss unsere Politik nun rasch tätig werden!

Wie aktiv bringt sich das Bundesgremium bei dieser Neugestaltung ein?

Wir mahnen schon relativ lange immer wieder ein, den Lehrplan zu überarbeiten, und haben jetzt tatsächlich eine Zusage bekommen, dass die Lehrpläne für den Einzelhandel in diesem Jahr überarbeitet werden sollen. Allerdings sind diese auch an die Vorgaben gebunden, die wiederum selbst nicht taufrisch sind – das „neue” kompetenzorientierte Lehrsystem gibt es auch schon seit vier, fünf Jahren. Es bringt aber leider nichts, wenn man zwar etwas ändert, aber auf den Stand von vor ein paar Jahren. Man ist hier also immer hinten nach, weil es noch nicht bei allen Entscheidungsträgern angekommen ist, dass wir uns ja nicht mit den aktuellen Lehrlingen und deren Bedürfnissen beschäftigen müssen, sondern mit der nächsten Generation – denn die ist betroffen, wenn der neue Lehrplan in Kraft tritt.

Geht man bei dieser Thematik gemeinsam mit anderen Branchen vor?

Wir haben einerseits die Unterstützung der Bundessparte Handel, die ebenfalls sehr dahinter ist, den Lehrberuf Einzelhandelskaufmann zu modernisieren. Andererseits läuft eine Nachwuchskampagne, die einfach zeigen soll, was es überhaupt gibt – denn das Angebot ist gerade auch in der Elektrobranche so vielfältig, dass die Menschen nicht wissen, was man da alles machen kann und welche Möglichkeiten bestehen.

Menschen in die Branche zu holen, ist eine Seite der Medaille, die andere sind die Unternehmen selbst – wie sieht es dort aus?

Die Werbekampagne der Sparte Handel lockt junge Menschen auch in die Elektrobranche.

Wir hören auch von dieser Seite immer mehr, dass die strengen Voraussetzungen hinderlich sind. Es hängt sehr viel an einer Flexibilisierung. Die Generationen, die da jetzt kommen, haben ganz andere Skills als die bisherigen – doch die werden momentan überhaupt nicht gefordert und man müsste den Unternehmen die Möglichkeiten geben, diese Skills einzusetzen bzw. zunächst einmal Ideen liefern, welche Vorteile solche Skills für das Unternehmen haben können. Dass man als Unternehmer seine Lehrlinge bezahlen muss, während die Ausbildung an Schulen von der Allgemeinheit getragen wird, ist natürlich auch ein gewisses Problem. Hier wäre es für die Unternehmen von Vorteil, Leute zu bekommen, die schon ein bisschen älter sind und somit reifer. In dieser Hinsicht halte ich die Duale Akademie für ein gutes Projekt, wo nach der Matura im Rahmen einer verkürzten Lehrzeit verschiedene Schlüsselkompetenzen vermittelt werden.

Wo liegen die Ursachen für den aktuellen Personalmangel? Ist dieser gar hausgemacht? Und braucht der Elektrohandel eine Imagepolitur?

Ja, die braucht er sicher. Viele Elektrohändler sind ja moderne Unternehmen, die sich stark mit Zukunftsthemen beschäftigen, wie z.B. der Energiewende. Da bieten sie einerseits einen zukunftssicheren Job, was in der Wahrnehmung wieder wichtiger zu werden scheint, und andererseits die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung – denn gerade die Jungen wollen einen Job nicht nur wegen des Geldes machen, sondern um etwas beizutragen. Daher unterstützen wir auch eine neue Kampagne der gesamten Elektrobranche, d.h. gemeinsam mit den Elektrotechnikern, die darauf aufmerksam machen soll, dass die Elektrobranche eine „grüne Zukunftsbranche” ist. Die Kampagne wird voraussichtlich im Sommer/Herbst ausgerollt und richtet sich v.a. an potenzielle Lehrlinge, deren Eltern sowie an Menschen, die sich umschulen lassen möchten.

Sind die Auswirkungen des aktuellen Personalmangels schon spürbar?

Man merkt, dass allen voran die Firmenchefs mehr arbeiten, um das zu kompensieren, und oft müssen auch die Mitarbeiter einiges abfedern – z.B. in Form von mehr Überstunden, was wiederum zu höheren Kosten führt. Parallel dazu dauert auch die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern immer länger, d.h. hier steigen die Kosten ebenfalls. Und am Ende muss man mangels Alternativen oft jemand nehmen, der die gewünschte Qualifikation gar nicht mitbringt und den Neuzugang noch selbst ausbilden. Zudem hat der Mangel an Arbeitskräften dazu geführt, dass die Gehälter insgesamt steigen. Gleichzeitig merken wir aber auch, dass die Unternehmen insgesamt deutlich flexibler werden, z.B. durch individuelle Beratungen außerhalb der normalen Geschäftszeiten – d.h. auch da ist Flexibilisierung das zentrale Thema.

Gibt es abseits der zuvor angesprochenen Kampagne weitere Initiativen des Bundesgremiums, Fachkräfte in den Handel zu holen?

Es gibt noch eine Lehrlingskampagne der Sparte Handel, die in Social Media-Kanälen wie Snapchat oder TikTok läuft und sich direkt an potenzielle Lehrlinge richtet. Das Ganze hat ein bisschen „Fun-Charakter“ und kommt sehr gut an. Weiters funktionieren auch unsere Webinare immer noch sehr gut: Diese richten sich zwar an Personen, die schon in der Branche sind, aber die Lehrlinge lieben dieses Format, bei dem wir eine bunte Mischung aus Fachinfos und Social- bzw. Soft-Skills bieten. Als nächstes ist hier im Frühling ein Social Media Webinar speziell für Lehrlinge geplant, beidem wir aufzeigen wollen, wie man all diese Plattformen auch in einem beruflichen Kontext verwenden kann.

Bringen neue Lehrberufe etwas?

Grundsätzlich sind neue Lehrberufe nicht an allen Stellen gerne gesehen, da es schon jetzt schwierig genug ist, den Überblick zu bewahren. Aber genau deshalb muss man eben versuchen, diese alten Strukturen aufzubrechen und z.B. neue Module einbauen. Ein modulares System ist aus meiner Sicht sehr sinnvoll – zumal der Handel ja gerade für Wiedereinsteiger interessant ist, da Teilzeit und zu Randzeiten gearbeitet werden kann.

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Kommentare (1)

  1. Kann ich bestätigen, die Lehrpläne der Berrufsschulen sind großteils aus den 80er Jahren, jene der Pflichtschulen stammen aus der Zeit Maria Theresia`s.

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