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Samstag, 15. Juni 2024
Editorial E&W 6/2024

Klingt wie Nokia

Hintergrund | Dominik Schebach | 09.06.2024 | Bilder | |  Meinung
Immer wieder stehen in der Politik Entscheidungen an, um die sich die Verantwortlichen herumdrücken wollen. Um dem Wahlvolk nur ja keine Veränderungen zuzumuten, werden wichtige Weichenstellungen auf die lange Bank geschoben und stattdessen halbgare Lösungen präsentiert. Der jüngste Gipfel im Bundeskanzleramt ist dafür ein leuchtendes Beispiel.

Erinnern Sie sich noch an die Diskussion um das Rauchverbot in Lokalen? Damals hat die Politik versucht, es allen recht zu machen. Vor allem den Wirten, welche sich Lokale ohne Tabakrauch nicht vorstellen konnten und lautstark nach einer Regelung mit Raucherbereich riefen, wollte die ÖVP in der Regierung zumindest einen Kompromiss bieten. Offensichtlich trachtete man danach, die eigene Klientel nicht zu sehr zu verärgern. Dass die ausgeheckte Regelung nicht den Vorgaben des Gesundheitsschutzes entsprach und deswegen bald gekippt würde, war absehbar. Trotzdem ließ sich die Regierung von einer Lobby vor sich hertreiben, die offensichtlich Angst vor Veränderung hatte. Im Endeffekt kam das totale Rauchverbot in der Gastronomie trotzdem, das vorhergesagte Lokal​sterben trat nicht ein, aber die Wirte blieben auf den Kosten für die zwischenzeitlich getätigten Umbauten weitgehend sitzen. Das bezeichne ich nicht als eine erfolgreiche Interessenpolitik.

Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen und wieder regiert die Angst vor notwendiger Veränderung, wie die unsägliche Diskussion über das „Verbrenner-Aus“ zeigt. Die ganze Argumentationskette für und wider wurde in den vergangenen Jahren zur Genüge durchgekaut. Zumindest bei einer rationalen und ehrlichen Bewertung der Argumente dürften die Verkehrswende und die Vorteile der Elektromobilität überhaupt nicht mehr andiskutiert werden. Trotzdem wird das Thema wiederbelebt, wobei vor allem der Schwenk zu batteriebetriebenen Fahrzeugen in Frage gestellt wird. In Deutschland tun sich bei der Diskussion vor allem die CDU und FDP hervor. Die haben zumindest das Argument, dass sie über die Jahre laut dem Spendenregister des deutschen Bundestages von den BMW-Eignerfamilien Klatten und Quandt mehrere Millionen Euro Parteispenden bekommen haben. Zur Einordnung: Das Unternehmen hat sich als einziger deutscher Autobauer nicht auf einen Abschied vom Verbrennungsmotor festgelegt. In Österreich versuchen sich derweil Bundeskanzler Karl Nehammer und die ÖVP bei dieser Debatte zu profilieren – siehe Autogipfel im Bundeskanzleramt. Dort forderte Nehammer u.a., dass die EU technologieoffen bleibe und dass bei der geplanten Evaluierung 2026 das Verbrenner-Aus fällt. Das implizite Versprechen bleibt das gleiche: „Wir sorgen dafür, dass sich nichts ändert; ihr könnt weitermachen, wie bisher; und trotzdem wird alles gut, schlaft weiter.“

Das mag emotional gut tun, klingt aber ansonsten wie ein Rezept aus einem Führungsseminar von Nokia aus dem Jahr 2009 zum Umgang mit den damals neu vorgestellten Smartphones. Aber offensichtlich haben unsere Politiker Angst vor notwendigen Entscheidungen, bzw. sie lassen sich von einer veränderungsfeindlichen Grundstimmung bei einigen Wählergruppen sowie Lobbys vor sich hertreiben und versuchen es allen recht zu machen. Die Folge ist, dass die ach so wichtige heimische Fahrzeugindustrie zwischen den Stühlen sitzt. Denn die heimischen Betriebe müssen eine auslaufende Technologie künstlich am Leben erhalten, anstatt diese auslaufen zu lassen, während der größte Automobilmarkt der Welt China längst auf die neue Antriebstechnologie getrimmt ist – mit den entsprechenden Skaleneffekten, der dazugehörigen politischen Unterstützung und in weiterer Folge Vorteilen beim Preis. Damit ist der Versuch, das Vorgestern einzuzementieren, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Dabei es ist die Aufgabe der Politiker, die notwendigen Veränderungen voranzutreiben sowie dafür zu sorgen, dass dabei möglichst niemand unter die Räder kommt. Stattdessen gehen sie den Weg des geringsten Widerstandes. Der Anpassungsbedarf bzw. die schmerzliche Kur wird damit nur in die Zukunft verschoben. Dann allerdings werden die Kosten höher ausfallen, die Einschnitte werden schmerzhafter sein und es werden deutlich mehr Menschen als Verlierer dastehen. Wer also derzeit Schlaftabletten verteilt, sollte zumindest so ehrlich sein, und über die langfristig unerwünschten Nebenwirkungen sprechen.

„Wer also jetzt Schlaftabletten verteilt, sollte zumindest so ehrlich sein und über die langfristig unerwünschten Nebenwirkungen sprechen.“

Ganz kann man die Österreicher allerdings auch nicht aus der Pflicht entlassen. Insofern ist die jetzige Diskussion um die Verkehrswende bis 2035 gewissermaßen nur ein Symptom. Es ist klar, dass es eine große Gruppe mit wenig Appetit auf Veränderung gibt. Mag sein, dass das aus einer allgemeinen Verunsicherung herrührt, dass für einen Teil der Bevölkerung die emotionale Bindung an das Motorengeräusch noch immer zu stark ist, oder dass sich diese Menschen nicht mit einer neuen Technologie beschäftigen wollen. Allerdings können wir die Augen nicht davor verschließen, dass die Veränderungen auf uns zukommen, ob wir wollen oder nicht. Herumlavieren kostet uns unter diesen Umständen nur Zeit, die wir nicht haben. Wir haben allerdings jetzt die Chance, die Entwicklung in die von uns gewünschte Richtung zu lenken und uns ein möglichst großes Stück vom zukünftigen Kuchen zu sichern – ob das nun die oben genannte Fahrzeugindustrie betrifft, oder andere Bereiche rund um die Elektrifizierung des täglichen Lebens. Das bedeutet, unsere Stärken entsprechend aufzubauen und Innovationen zu fördern, auch wenn wir uns dafür von bekannten Bereichen wie der Fertigung von Verbrennungsmotoren, wo wir vielleicht derzeit führend sind, verabschieden müssen. Wer das nicht tut, wird wie Nokia im Consumer-Geschäft aussortiert.

Anstatt sich weiterhin hinter dem Geschwafel von Technologieoffenheit zu verstecken, das nur unsere Zögerlichkeit kaschieren soll, sollte man dazu jetzt die Weichen stellen und die Übergangszeit nutzen – im Bereich der Fahrzeugindustrie immerhin zehn Jahre. Denn nur mit klaren Entscheidungen kann ein kleines Land wie Österreich im Verbund mit Europa reüssieren. Dann können wir auch unsere Stärken in Bereichen des Maschinenbaus, des Supply-Chain-Managements oder der Elektro- und Elektronik-Industrie ausspielen. Die heimische Fahrzeugindustrie kann sich auf eine neue Technologie konzentrieren und die Mitarbeiter aufbauen, die Elektrizitätsversorger können ihre Infrastruktur anpassen und die Kunden können sich auf die neue Technologie einstellen. Tun wir das nicht, bleibt alles beim bekannten Klein, Klein und Österreich wird voraussichtlich noch vor dem Verbrenner-Aus von der Konkurrenz aus Fernost mit Elektroautos links und rechts überholt.

Für die Elektrobranche ist die Elektrifizierung des Individualverkehrs jedenfalls eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Zumal man die Elektromobilität als Teil eines Gesamtpakets gemeinsam mit Photovoltaik und Smart Home sehen kann. Das sollte uns auch dazu motivieren, die richtigen Entscheidungen für die notwendigen Veränderungen einzufordern.

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