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Donnerstag, 25. Juli 2024
Editorial E&W 7-8/2024

Nicht völlig friktionsfrei

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 07.07.2024 | Bilder | | 2  Meinung
Der Klimawandel ist eines der beherrschenden Themen unserer Zeit – wenig überraschend, geht es doch um nichts Geringeres als die Zukunft unseres Planeten (und damit auch um jene seiner Bewohner). Etwas im wahrsten Sinne des Wortes Außergewöhnliches ist im Gange, das von den einen als „Krise” oder gar „Katastrophe” bezeichnet und von den anderen als „im Rahmen” und wenig besorgniserregend abgetan wird. Einigkeit herrscht weitestgehend zumindest darüber, dass ein Gegensteuern in irgendeiner Form unumgänglich ist. Und mittendrin die Elektrobranche, die zwar nicht an den Schalthebeln der Macht, dafür aber am Know-how und den technisch-handwerklichen Fähigkeiten sitzt, um für die Lösung – Stichwort Energiewende – zu sorgen.

So weit, so gut. Oder eben nicht, denn es ist höchst erstaunlich (und auch besorgniserregend), mit welcher Verhemenz, zum Teil auch Arroganz und Ignoranz, ein nicht gerade kleiner Teil unserer Gesellschaft (wie auch in anderen Staaten) versucht, diese so wichtigen Veränderungen zu verhindern und tatenlos am Status quo festzuhalten. Folgendes war in der ersten Juliwoche auf orf.at zu den parlamentarischen Debatten zur Klimakrise zu lesen: „Diese (Anm.: FPÖ-Abgeordnete Dagmar Belakowitsch) bezeichnete Maurers Rede später als ‚Kabarettvorstellung‘. Die Warnung vor der Klimakrise entstamme ‚grüner Ideologie‘, im Sommer sei es immer schon heiß gewesen. Wenn man Leuten etwas ‚aufs Auge drücken‘ wolle, argumentiere man mit der Wissenschaft.” Ich gebe zu: Wissenschaftlichkeit als Vorwurf sorgt bei mir für Kopfschütteln – liegt doch im Wesen der Wissenschaft das ständige Hinterfragen, der Vergleich neu gewonnener Erkenntnisse mit den bisherigen Annahmen und das laufende Adaptieren der daraus resultierenden Handlungen.

Im gleichen orf-at-Beitrag stand auch: „Johannes Schmuckenschlager (ÖVP) war zumindest insofern mit dem Koalitionspartner seiner Partei einverstanden, als die Klimakrise eine große Belastung in vielen Bereichen sei. Gleichzeitig kritisierte er ‚alarmistische‘ Kommunikation mit Weltuntergangsszenarien, die von NGOs, aber auch politischen Parteien betrieben werde.” Derartige Äußerungen – von nennen wir sie „beharrenden Kräften” – zeugen vom Dilemma, in dem die gesamte Klimadebatte und mehr noch die damit einhergehenden erforderlichen Maßnahmen stecken: Vermeidet man Alarmismus, kommt der Konter des „Wird-schon-alles-nicht-so-schlimm-Werdens”, werden die wahrscheinlichen und/oder schlimmsten zun befürchtenden Entwicklungen skizziert, droht der Verfall in eine Endzeitstimmung, weil man offenbar nichts mehr tun und den Planeten ohnehin nicht retten könne. Auf der anderen Seite führt das Ergreifen von (wirksamen!!) Maßnahmen dazu, dass das Ausmaß des Klimawandels eingedämmt wird und somit die Bereitschaft sinkt, weitere Schritte zu setzen. Unternimmt man hingegen nichts, kann es sehr schnell zu spät sein.

Das Ganze erinnert im Kern frappierend an das „Modell der fünf Phasen der Trauer”, nach dessen Autorin auch Kübler-Ross Modell genannt. Demnach durchlaufen Patienten mit tödlicher Erkrankung fünf Phasen mit unterschiedlichen Gefühlen, wenn sie sich mit ihrem Tod auseinandersetzen. Die erste Phase ist das Leugnen, in der Betroffene die Diagnose anzweifeln und an einer falschen, vorteilhafter erscheinenden Wirklichkeit festzuhalten. Typisch ist hier eine vorübergehende Abwehrhaltung. Als zweites stellt sich Frustration ein, die sich oft durch Aussagen wie „Warum ich? Das ist nicht fair!“, „Warum passiert das?“ oder „Wer ist daran schuld?“ äußert. Danach folgt das Feilschen: Häufig suchen Betroffene einen Handel der Art längeres Leben gegen einen veränderten Lebensstil bzw. einen dahingehenden Kompromiss. In der vierten Phase kommt es zur Depression: „Ich bin so traurig, warum sich noch um irgendetwas kümmern?“ oder „Ich sterbe sowieso bald, also was soll‘s?“ – die Betroffenen verzweifeln an der Erkenntnis ihrer eigenen Sterblichkeit. Als letzte der fünf Phasen stellt sich die Akzeptanz ein: „Es wird gut sein.“ oder „Ich kann‘s nicht bekämpfen, dem nicht entgehen: Ich kann mich genauso gut darauf vorbereiten.“ Die Betroffenen fügen sich ihrem Schicksal bzw. dem Unvermeidbaren. Jeder, der sich für die Klimadebatte interessiert oder in irgendeiner Form involviert ist, kann die gängigen Für- und Wider-Argumente nun gerne selbst einordnen.

Der Ko-Autor des Modells, David Kessler, hat die fünf Phasen auch auf die Covid-Pandemie angewendet: „Ganz am Anfang sahen wir das Leugnen: Das Virus wird uns gar nicht betreffen. Da war Ärger: Ihr haltet mich/uns zu Hause fest und beschränkt mein Leben, meine Aktivitäten. Es gab Feilschen: Ok, wenn ich soziale Kontakte für zwei Wochen vermeide, dann ist doch alles gut, oder? Da war Trauer: Ich weiß gar nicht, wann das alles enden wird. Und es gab Akzeptanz: Es passiert. Ich muss herausfinden, wie es weitergeht.” Dabei hat er den aus meiner Sicht entscheidenden Zusatz getätigt: „Wie man sich vorstellen kann, liegt die Kraft in der Akzeptanz. Durch das Akzeptieren erlangen wir wieder Kontrolle.”
Das halte ich deshalb für so wichtig, weil viele der aktuellen Debatten – nicht nur, was den Klimawandel bzw. die Erderwärmung und die Ursachen dafür (menschgemacht ja oder nein?) angeht – in eine Richtung abzudriften drohen, die nicht nur jeder Sachlichkeit entbehrt, sondern diese sogar ganz bewusst ignoriert. Schon im 19. Jahrhundert hat Gustave le Bon in dem 1895 erschienen Werk „Psychologie der Massen” verschiedenste Aspekte der Massenbildung und der Funktionsweise von Massenbewegungen akribisch untersucht. Der französische Autor hat erkannt, dass Verhaltensmuster des Individuums in einer Masse völlig ausgeschaltet bzw. ausgeblendet werden, was bedeutet, dass der Einzelne – so rational, gesittet oder gebildet er auch sein mag –innerhalb einer Massenbewegung völlig resistent gegenüber fachlichen und sachlichen Argumenten ist und ausschließlich von der Emotion gelenkt wird. Auch dieses Phänomen ist in der momentanen „Wir-gegen-alle-anderen”-Konstellation der Klimadebatte für mich leider häufig erkennbar und wird nur allzugerne ausgenutzt.

Doch ich möchte Sie mit einem Lichtblick in die Sommerpause entlassen: Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der BOKU hat auf der Touristen-Insel Albarella nachhaltige Lösungen getestet und gezeigt, dass eine Bevölkerung, die bereit ist, sich zu verändern und neue Technologien zu nutzen, ihre Emissionen innerhalb von zehn Jahren um 75% auf das Niveau der 1960er Jahre senken kann. Einzige Einschränkung für noch größere Erfolge seien die notwendigen Energieverluste und die Aufrechterhaltung der Bevölkerungsdichte – dafür seien sowohl der Wille zur Veränderung als auch wirtschaftliche Bereitschaft erforderlich.

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Kommentare (2)

  1. witzig, dass sie in einem Artikel die Medien gemachte Grippewelle mit dem Medien gemachten Klimawandel vergleichen.
    Nur beruhen ihre Schlussfolgerungen nicht auf wissenschaftlichen Fakten sondern auf Gerülpse und Gepfurze (c) Witzekanzler Kogler
    Vielleicht sollte sich ihr Medium eher auf die Informationslage der Branche fokusieren und die Propaganda den dafür bezahlten Systemmendien überlassen.

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  2. Gut geschrieben und beschrieben, meiner Meinung nach befindet sich die Menschheit schon immer in der Phase der Akzeptanz. Zur Zeit fallen allerdings viele von der Frustration direkt in die Depression. Nachdem sicher ein Großteil der Leser aus der Technik kommt wissen wir das Evolution ihre Zeit braucht wie wir es im Bereich des Umweltschutzes zumindest Zeit meines Lebens praktiziert haben, das ist ja auch eine Frage der Finanzierbarkeit.

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