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Montag, 20. April 2026
Aus der E&W 1-2/2025: Künstliche Intelligenz in der Wirtschaft

„Eine neue Dynamik“

Hintergrund | Dominik Schebach | 17.02.2025 | Downloads | |  Wissen
FH-Prof. DDr. Sebastian Eschenbach ist Head of Department Digital Economy sowie Deputy Chair of the Academic Board der FH Wien.  FH-Prof. DDr. Sebastian Eschenbach ist Head of Department Digital Economy sowie Deputy Chair of the Academic Board der FH Wien.  (© D.Schebach) Künstliche Intelligenz ist derzeit das Modethema. Kein Wunder, verspricht doch die Technologie massive Einsparungs- und Gewinnmöglichkeiten sowie die Entlastung von ungeliebten Tätigkeiten. Doch was ist dran an dem Hype um die künstliche Intelligenz und wie weit ist die Technologie, wenn es um den Einsatz in kleinen und mittleren Unternehmen geht, bzw. wo kann ein KMU mit KI für sich die größte Hebelwirkung erzeugen? Zur Beantwortung dieser Fragen sprachen wir mit FH-Professor DDr. Sebastian Eschenbach, Head of Department of Digital Economy der FH Wien der WKW.

Derzeit geben die USA das Tempo bei der Entwicklung in Sachen künstlicher Intelligenz vor. Gelehrt und geforscht wird zu dem Thema allerdings auch hier zu Lande – unter anderem am Department of Digital Economy der FH Wien der WKW. An der Fachhochschule, wo man sich der Informatik aus wirtschaftlicher Sicht nähert, werden nun vertiefende Lehrveranstaltungen zu AI oder künstlicher Intelligenz angeboten. Dazu umfasst die Spezialisierung „AI for Business“ drei Module, die sich mit den theoretischen und praktischen Aspekten von AI-basierten Informationssystemen beschäftigen. Die Studierenden lernen, wie sie Daten analysieren, AI-Funktionen verstehen und anwenden sowie AI-basierte Softwarelösungen auswählen und einführen – sowie die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte des Einsatzes von AI.

E&W: Herr Professor Eschenbach, Sie sind an der FH Wien der WKW Head of Department of Digital Economy. Ihren Studentinnen und Studenten bieten Sie nun auch eine vertiefende Ausbildung in Richtung Künstlicher Intelligenz an. Aus Sicht eines KMU: Wie soll man KI einschätzen? Ist das das nächste große Ding oder ein Hype?

Eschenbach: Künstliche Intelligenz ist derzeit vollkommen im Fluss. Einerseits beschäftigen wir uns an der Forschung und der Wirtschaft schon länger mit KI als einem Aspekt der Digitalisierung. So habe ich meine Diplomarbeit über Expertensysteme in der Wirtschaft geschrieben und das ist schon eine Zeit lang her. Auch in der Praxis gibt es schon viele Anwendungen wie etwa Predictive Maintainance für Aufzüge oder Lagerhaltungssysteme. Das hat außerhalb der jeweiligen Industrie kaum Wellen geschlagen. Was allerdings neu ist, sind diese Large Language Models (LLM) oder Generativ AI, womit Content erzeugt wird. Damit wurde in dem Feld eine neue Dynamik erzeugt.

„Wo es allerdings um die Geschäftsgrundlage geht, wo man sich strategisch etwas holen kann, dort sollte auch der Schwerpunkt bei der Einführung von KI im Unternehmen sein.“

Sebastian Eschenbach

Hier muss man allerdings zwei Punkte beachten: Da ist einerseits der Hype, der vor allem von der Börse sowie den Medien getrieben wird und bei allen neuen Technologien auftritt. Diesen Hype braucht es, um die Entwicklung anzuschieben, aber auf diesen Boom wird höchstwahrscheinlich ein Bust folgen. Diese Kurve gab es bisher bei allen neuen Technologien. Andererseits wird die Technologie mittelfristig Eingang in alle Tools finden, sodass auch KMUs künstliche Intelligenz für sich nützen können. Wenn in Zukunft allerdings alle diese AI-Tools verwenden, dann wird künstliche Intelligenz dem einzelnen Unternehmen keinen Wettbewerbsvorteil bringen.

Auf die derzeitige Dynamik haben auch wir an der Fachhochschule Wien reagiert. Wir sind hier an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und IT, allerdings betrachten wir diese aus der Perspektive der Wirtschaft. Hier bieten wir das Bachelor-Studium Digital Business an. Das ist so, wenn Sie wollen, das Schweizer Taschenmesser der Digitalisierung. Zusätzlich wollen wir unseren Absolventen auch die Möglichkeit geben, sich mit dem Thema künstliche Intelligenz zu beschäftigen. Denn daran wird man in Zukunft nicht vorbeikommen, weswegen wir zusätzliche vertiefende Lehrveranstaltung und Masterstudiengänge eingeführt haben. Zudem startet im Frühjahr bei uns ein Drei-Jahres-Projekt, bei dem es darum geht, wie AI KMUs dabei unterstützt, Innovationen zu machen.

E&W: Wenn es allerdings derzeit noch ein Hype ist, wie soll man nun als KMU mit dem Thema KI umgehen?

Das Department Digital Economy ist an der FH Wien im 18. Wiener Gemeindebezirk beheimatet. Unter dem Titel „AI for Business“ wurden dort nun vertiefende Lehrveranstaltung zum Thema künstliche Intelligenz gelauncht. (Bild: FH Wien)

Eschenbach: Auch wenn viele KMU derzeit wahrscheinlich von Software-Verkäufern belagert werden, sollte man bei KI einen kühlen Kopf bewahren. So wird derzeit auf viele Anwendungen einfach der Batch KI geklebt. Deswegen sollte man als KMU die Entwicklung genau beobachten und – falls vorhanden – auch eigene personelle Ressourcen abstellen, aber man sollte sich von dem Thema nicht verrückt machen lassen. Denn ich glaube nicht, dass genau jetzt der Zug unwiderruflich abfährt. Außerdem muss man seine Hausaufgaben bei der Digitalisierung erledigen. Diese ist die Grundlage für die spätere Einführung von KI-Anwendungen. Das sollte die erste Message sein.

Die zweite Message ist aber, dass man schon jetzt die potenziellen Einsatzgebiete für KI im Unternehmen identifizieren sollte. Dabei geht es vor allem auch um die Frage, wo könnte man als Kleinunternehmen in meiner Branche den größten Wettbewerbsvorteil mit Hilfe von KI herausholen.

E&W: Unsere Leser sind im Elektrofachhandel und im Gewerbe. Wo sehen Sie das größte Potenzial für Künstliche Intelligenz in einem typischen KMU in diesen Branchen?

Eschenbach: Dazu muss ich ein wenig ausholen: Wir haben vor ein paar Jahren eine Studie mit knapp 20 eigentümergeführten KMUs gemacht – darunter auch ein Unternehmen aus der Elektrobranche – und uns angesehen, wie diese Unternehmen durch die Digitalisierung kommen. Nach unseren Erkenntnissen kämpften diese Unternehmen vor allem mit einem Bereich, in dem KI weiterhelfen könnte.

Dies betrifft den entscheidenden Erfolgsfaktor vieler KMUs: Die extreme Kundennähe, womit sie auch unglaublich flexibel agieren. Besonders im B2B-Bereich kennen die KMUs die Bedürfnisse ihrer Unternehmenskunden sehr genau und haben oft auch einen persönlichen Draht zu den Entscheidern. Damit können diese Kleinunternehmen auch gegen größere internationale Konkurrenten bestehen. Allerdings lässt sich dieser Aspekt des Betriebs in der Digitalisierung schwer abbilden und hängt oft an einer einzigen Person im Unternehmen.

„Derzeit kämpfen bei KI alle mit gleichlangen Spießen.“

Sebastian Eschenbach

In diesen Bereichen der Vernetzung und des Customer Relationship Managements sowie Key Accountings  – um in BWL-Terms zu bleiben – könnten KMUs meiner Einschätzung nach besonders stark von der Einführung von KI profitieren. Wenn ich diese individuelle, super-flexible und persönliche Kundenbetreuung dank KI besser machen kann als meine Konkurrenten, dann erhalte ich hier einen Hebel im Wettbewerb. Dementsprechend würde ich diesen Bereich am genausten beobachten, mich mit diesen Tools am intensivsten beschäftigen und gegebenenfalls auch investieren. Dinge, die alle machen (wie z.B. Prozessmanagement oder Lagerverwaltung) da muss ich mitschwimmen. Wo es allerdings um die Geschäftsgrundlage geht, wo man sich strategisch etwas holen kann, dort sollte auch der Schwerpunkt bei der Einführung von KI im Unternehmen sein.

E&W: Als KMU kann man allerdings nicht eine eigene Lösung entwickeln. D.h. das müssen immer Standardprodukte sein und mit diesen Werkzeugen muss man auch umgehen können.

Vor allem im Bereich der Kundenbetreuung könnten KMUs nach Ansicht von Prof. Eschenbach langfristig profitieren: „Wenn ich diese individuelle, super-flexible und persönliche Kundenbetreuung dank KI besser machen kann als meine Konkurrenten, dann erhalte ich hier einen Hebel im Wettbewerb.“(Foto: D.Schebach)

Eschenbach: Ein Kleinunternehmen hat nicht die Ressourcen, so eine Anwendung selbst zu entwickeln – das wird sich nicht einmal für spezielle Nischenanwendungen wirklich auszahlen. So gesehen werden KMU immer Standardwendungen nutzen. In dieser Hinsicht ist KI ein Werkzeug. Aber nur damit umzugehen, ist zu wenig. Ich muss eine strategische Perspektive im Unternehmen entwickeln. D.h., wenn z.B. die Kundenbeziehung der Kern meines Geschäftserfolges ist, dann muss ich wissen, welche KI-Lösungen dazu am Markt sind und wie sie mir helfen können. Ansonsten werde ich bald von der Entwicklung überrollt. Kann ich allerdings solche Lösungen für mich nutzen, um meine Geschäftsgrundlage zu verbessern, gewinne ich einen großen Hebel für meinen langfristigen Erfolg.

Derzeit ist es allerdings so, dass sich viele Unternehmen bei der Digitalisierung vor allem mit Prozessfragen beschäftigen. Man investiert in Bereiche, die einem jeden Tag auf den Wecker gehen – wie z.B. die Dienstreisen-Abrechnungen. Das entlastet zwar die Mitarbeiter, entwickelt aber auf Dauer keinen weiterführenden strategischen Vorteil für das Unternehmen.

E&W: Wenn Sie sich die derzeitige Entwicklung ansehen, wie lange wird es dauern, bis KI-Anwendungen in der Praxis angekommen sind?

Eschenbach: Vor allem in der Kundenkommunikation bzw. -betreuung werden KI-Systeme bereits eingesetzt. Für Online-Shops oder -Marktplätze stellt sich die Situation in Sachen KI nochmals etwas anders da, weil es hier vor allem um intelligente Suchfunktionen geht. Und die Toleranz der Endkunden gegenüber unintelligenter Suche wird meiner Einschätzung nach immer geringer.

E&W: Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen bei der Einführung von KI-Systemen für KMUs?

Eschenbach: Die liegen sicherlich im Bereich der Daten. Ein großer Konzern kann intern ein KI-System umsetzen und mit den eigenen Daten trainieren, sodass die Anwendung damit lernen kann. Ein KMU wird weniger leicht genügend Daten generieren können, um ein LLM zu trainieren. Und damit stellen sich Fragen zum Datenschutz.

Für Unternehmen ist es ein Dilemma. Denn derzeit kämpfen bei KI alle mit gleichlangen Spießen, wie die Schweizer sagen würden. Auch das kleinste Unternehmen kann auf der Pro-Version von ChatGPT mit denselben Funktionen arbeiten, wie ein zehnmal größerer Konkurrent. Das ist die gleiche Software und die gleiche Intelligenz. Wenn ich mich da abkapsle, habe ich als KMU keinen Vorteil mehr. Damit ist das letztendlich auch eine Datenschutzdiskussion, die derzeit geführt wird. Da müssen vor allem auch wir in Europa eine Antwort finden. Denn es ist fraglich, ob Europas Stärke bei der Regulierung hier auf Dauer erfolgreich sein kann. Wir müssen neue Wege gehen und einerseits Nutzer im Umgang mit Daten sehr sorgfältig schulen und andererseits auch Risiken eingehen, um Chancen zu nutzen.

 

 

Sparringpartner

An der FH WKW Wien wird aber nicht nur gelehrt, sondern auch geforscht. So initiiert die Hochschule regelmäßig Studierende-Projekte mit Unternehmen, bei denen verschiedene Probleme der Digital Economy wie z.B. die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kleinunternehmen begleitet werden. Die Fachhochschule ist dabei kein Consultant und liefert auch keine fertigen Lösungen. Dafür erhält das Unternehmen für ein Semester einen „Sparringpartner“ in Form der Studierenden und ihrer Betreuer, mit denen man z.B. Konzepte erstellen kann.

 

 

Zur Person: FH-Prof. DDr. Sebastian Eschenbach

FH-Professor Sebastian Eschenbach hat Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftspsychologie studiert – und war in der Unternehmensberatung, Marktforschung sowie Industrie tätig. Aktuell baut er an der FH-Wien der WKW das Department Digital Economy auf. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Fragen des strategischen Managements im Kontext der digitalen Transformation.

 

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