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Montag, 16. Februar 2026
Die Barcode-Verschwörung

So viel mehr als nur harmlose Streifen

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 25.05.2025 | Bilder | | 2  Meinung
So viel mehr als bloß ein schnödes Registriersystem: Der Barcode. (Bild: (Bild: pixabay.com) So viel mehr als bloß ein schnödes Registriersystem: Der Barcode. (Bild: (Bild: pixabay.com) Ich nahm Sie, liebe Leser, schon einmal mit auf eine Reise in die Welt der skurrilen Glaubensansätze und Theorien – damals inspiriert durch eine kuriose Presseaussendung. Vor kurzem flatterte wieder eine solche in mein Mailpostfach, wobei es dieses Mal um geheimnisvolle, bösartige Strich- und Zahlenkombinationen geht, die überall im Handel – auch bei Ihnen im Geschäft – lauern.

Die vermeintliche Gefahr lauert im Handel. Nein, nicht Fett, nicht Zucker, Salz oder Alkohol, auch keine „brand“gefährlichen Akkus, dilettantisch zusammengepfuschten Kabel oder Chemikalien – nein, dieses Mal soll es wirklich ernst sein, denn: Strich- oder auch Bar-Codes bedrohen uns! Da sind sich zumindest viele Verbraucher sicher. Hinter dem Registriersystem lauern nämlich gesundheitsgefährdende Strahlen, mystische Symbole und unheilbringende Zeichen.

Der Beweis

Für viele Menschen sind Barcodes viel mehr als nur harmlose Streifen. Die senkrechten Striche auf so einem Barcode wirken wie Antennen, erklärt da zum Beispiel ein deutscher Bundesbürger, namens Peter, in die Kamera von Spiegel TV. Antennen hätten eine Resonanz, eine Schwingung und diese übertrügen sich auf unser biologisches System und das wäre in unserer Aura nachweisbar.

Der Beweis erfolgt bei einem Freiluftversuch in Peters Garten. Mittels Wünschelrute wird er die Aura (bzw. das biodynamische Feld) seiner anwesenden Frau messen – einmal ohne und einmal mit dem schlechten Einfluss eines zugegenen Strichcodes. Dazu geht Peter, bewaffnet mit der Wünschelrute auf seine (an dem Punkt noch strichcodeunbelastete) Gattin zu. In einer Distanz von rund 4 Metern kreuzen wie von Zauberhand die beiden „Arme“ der Wünschelrute. Bis hierher könne Peter das biodynamische Feld spüren, sagt er in die Kamera. Bis hierher reiche also auch die Aura seiner Frau. Diese nimmt dann eine Pet-Wasserflasche, mit einem Strichcode auf dem rückseitigen Etikett, in die Hand, hält sie (ganz wichtig!) vor ihren Solarplexus und der Versuch geht in die zweite Runde. Die Spannung steigt! Wird die Aura (zuerst bei 4 Metern spürbar) durch den Strichcode beeinflusst? Oh Wunder: Der Punkt, ab dem die Aura spürbar ist, verkürzt sich auf nur mehr 2 Meter – dieser Beweis ist ja wohl eindeutig erbracht. „Die durch den Strichcode negativ beeinflusste Schwingung des Wassers überträgt sich auf die Aura. Diese wird daraufhin kleiner und das kann einfach nicht gut sein, denn alles was uns kleiner macht, ist nicht gut“, erklärt Peter besorgt.

Die Wunderwaffe(n)

Doch zum Glück gibt es eine Wunderwaffe, die den schädlichen Code unschädlich macht, und die Peter und seine Gattin natürlich besitzen. Diese sieht aus wie ein hässliches Tablett mit hohem Holzanteil und Sternsymbolen, die vom weltberühmten Grafiker M.C. Escher entworfen sein könnten. Es  nennt sich „Hildegard Orgonakkumulator“ und kostet – je nach Anbieter – läppische 1.200 Euro aufwärts. Die Barcode-Verschwörungsgläubigen legen alle Produkte, die sie nachhause bringen und die mit einem Strichcode auf der Verpackung versehen sind (ja „selbst BIO-Produkte“, wie Peters Frau in oben erwähntem Filmchen eindringlich warnt), auf dieses Tablett, und schon sind die schädlichen Strahlen neutralisiert. Das dauert allerdings seine Zeit. Zumindest zwei bis drei Stunden müssen die Waren schon auf dem Orgonakkumulator liegen, damit er seine Wirkung entfalten kann (Anmerkung: TK-Spinat und TK-Pizza sind dann aufgetaut auch gleich).

Weitere Hilfe gegen die schurkischen Strichcodes liefert (na klar!) das Internet. Man findet eine Vielzahl an Stickern mit einfachen grafischen Zeichnungen darauf, die (natürlich nur gegen einen gewissen Obolus) Hilfe versprechen. Zahlreiche „Experten“ entzaubern die bösen Striche – dabei könne doch auch bloß ein schnöder Filzstift Abhilfe schaffen, wie an anderer Stelle im Netz erklärt wird. Man muss mit dem Stift lediglich zwei halbe, überlappende Ovale über den Strichcode zeichnen (siehe Bild) und schon ist dieser unschädlich gemacht.

Präventivschlag

Scheinbar gibt es gar nicht so wenige Spinner, die an diese sogenannte Strichcode- oder Barcode-Verschwörung glauben. Zumindest sind es so viele, dass sogar herstellerseitig darauf reagiert wurde. So hat zB. der deutsche Safthersteller Rabenhorst vor einiger Zeit

Das „Hildegard Orgonakkumulator“ gilt als Wunderwaffe gegen böse Barcode-Strahlen. (Bild: Screenshot kleinanzeigen.de)

zum Präventivschlag ausgeholt, indem ein entscheidendes Detail auf den Strichcodes seiner Rotbäckchensaft-Getränkeflaschen veränderte. Und zwar findet sich nun seit einiger Zeit ein simpler Querstrich am oberen Rand des Strichcodes, der die Strahlung unschädlich machen soll. Den Strichcode-Verschwörungstheoretikern unter den Rotbäckchensaft-Konsumenten reicht das sichtlich und Rabenhorst hat mit wenig Aufwand eine ganze Kundengruppe glücklich gemacht.

Und: Es ist schon einige Jahre her, da hat auch der Bio-Hersteller Sonnentor seine Strichcodes eine Zeit lang durch einen Querstrich „entstört“. Auch Sonnentor habe damit auf Kundenwünsche reagiert und diese umgesetzt. Als dem Unternehmen allerdings die Tragweite dieses simplen Strichs über dem Barcode bewusst wurde, hat man ihn umgehend wieder entfernt, denn die Einstellung, die sich dahinter verbirgt, entsprach damals nicht den Werten von Sonnentor – und das tut es auch heute nicht. „Symbolik ohne Substanz hat keinen Platz in unseren Regalen!“, betont der Kräuterprofi angesprochen auf das Thema.

Man muss mit dem Stift lediglich zwei halbe, überlappende Ovale über den Strichcode zeichnen – schon ist der Strichcode unschädlich gemacht. (Bild: pixabay.com)

Teufelszeug

Doch die Sache mit den bösen Strahlen und Energien ist nur eine Theorie hinter der Barcode-Verschwörung. Da gibt es auch noch einen anderen Ansatz, der von ziemlich extremen Hardcore Verschwörungstheoretikern vertreten wird. Diese orten nämlich den Teufel höchstpersönlich bzw. zumindest teuflische Botschaften hinter den Strichcodes. „Das Buch der Offenbarung sagt uns, dass in den letzten Tagen niemand etwas ohne die Zahl 666 kaufen oder verkaufen kann. Und tatsächlich trägt heute jedes Produkt der Welt die Zahl 666 in sich (…)“, so Apokalyptiker im Internet, die die Zahl des Teufels (666) verborgen hinter drei vertikalen, auf jedem Strichcode befindlichen Doppelstrichen zu erkennen glauben …

Doch bevor man gleich den Exorzisten ruft, sollte man jemanden fragen, der beruflich mit Barcodes zu tun hat, dann bekommt man nämlich eine viel profanere Erklärung für die drei Doppelstriche. Es handle sich dabei lediglich um ein Start-, ein Trenn- und ein Endzeichen auf dem Strichcode, damit dieser von den Scannern auch als solcher erkannt wird.

Die Top 5

Mit dem Aberglauben rund um Bar-, Strich- sowie auch QR-Codes (letztere sind ein ähnliches Instrument wie die beiden erstgenannten, allerdings können QR-Codes viel mehr Information speichern) wird auch an anderer Stelle aufgeräumt – und zwar seitens der Bauer PK GmbH. Das auf Lösungen im Bereich Produktkennzeichnung und -identifikation spezialisierte Unternehmen hat sich die fünf gängigsten Barcode-Verschwörungstheorien angesehen und eine Antwort darauf gegeben.

Die Plätze eins und zwei („Im Strichcode steckt die Zahl des Teufels“ und „Strichcodes senden gefährliche Strahlung aus“) wurden oben eingehend thematisiert. Interessant – und neu in diesem Zusammenhang – sind die Plätze drei bis fünf. So seien QR-Codes „ein Werkzeug zur totalen Überwachung“. Demnach wird die Nutzung von QR-Codes gel

Manche Hersteller reagieren mit einem simplen Querstrich am oberen Rand des Strichcodes, um die „Strahlungsbedenken“ mancher ihrer Kunden zu entkräften. (Screenshot, youtube)

egentlich als Teil einer globalen Kontrollagenda dargestellt – etwa im Zusammenhang mit Impfzertifikaten oder Einlasssystemen. „Dabei speichern QR-Codes lediglich Verweise, etwa auf Webseiten oder verschlüsselte Datensätze. Die eigentliche Information steckt nicht im Code, sondern auf dem dahinterliegenden Server – dessen Nutzung transparent nachvollziehbar ist“, erklärt Bauer.

Eine weitere Verschwörungstheorie besagt, dass „geimpfte Menschen versteckte QR-Codes unter der Haut tragen“. Diese kursierte im Zuge der COVID-19-Pandemie und behauptete, dass Geimpfte mit dem Smartphone „gescannt“ werden könnten – und dabei ein QR-Code sichtbar werde. Diese These wurde durch ein virales Video verbreitet, entpuppte sich (Überraschung!) aber als Manipulation. „QR-Codes bestehen aus Kontrasten auf Oberflächen, nicht aus subkutanen Markierungen“, kommentiert Bauer.

Und schließlich kannten schon die Maya QR-Codes und zwar mit Hilfe von Außerirdischen – so eine weitere Verschwörungstheorie. In manchen Internetforen wird behauptet, dass QR-Code-ähnliche Muster bereits in Maya-Artefakten gefunden wurden – angeblich ein Hinweis auf überirdische Technologien. „Solche Theorien stützen sich auf rein visuelle Ähnlichkeiten und entbehren jeglicher wissenschaftlichen Basis“, sagt Bauer, laut dem der QR-Code stattdessen im Jahr 1994 von einem japanischen Unternehmen für industrielle Zwecke entwickelt wurde. ICH glaube ja: Diese Japaner waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch Außerirdische! 😉

Wie auch immer …

Es gibt zum Glück Menschen, die versuchen sich dem Thema rational und basierend auf gesundem Menschenverstand zu nähern. Einen davon möchte ich abschließend zitieren und zugleich all jenen, die nun beim Anblick diverser Barcodes ein mulmiges Gefühl bekommen, versichern: „Es ist davon auszugehen, dass diese Theorien zum einen auf einer Faszination am Mystischen (Satanismus) und zum anderen auf technischem Unverständnis und Technikfeindlichkeit fußen. Die Strahlungstheorie ist nur durch vollkommenes Ignorieren aller technischen Fakten aufrechtzuerhalten. Jegliche Angst vor dem Barcode ist also vollkommen unbegründet.“

Es gibt also gar keinen Grund für schlechte Stimmung, ähhh, … Schwingung … denn unterm Strich ist ein Strich einfach nur ein Strich 🙂

(Foto: Pexels, Pixabay)
Bilder
So viel mehr als bloß ein schnödes Registriersystem: Der Barcode. (Bild: (Bild: pixabay.com)
So viel mehr als bloß ein schnödes Registriersystem: Der Barcode. (Bild: (Bild: pixabay.com)
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Kommentare (2)

  1. Mich betrifft das alles nicht, ich habe mir auf einer sehr seriösen Esoterik-Messe einen Aluhut gekauft und der entböst all diese Strahlen und hilft laut Verkäufer auch gegen Chemtrails und Reptilienmenschen… und im schlimmsten Fall kann ich mir darin beim Heurigen mein Schnitzel einpacken lassen. 😉
    Schönen Sonntag!

    8

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