Das erhebende Gefühl des Durchstreichens
Stress-Bälle sind gut zum Dampfablassen am Büro-Arbeitsplatz – aber bei weitem nicht das einzige probate Mittel. (© Pixabay/Bella H.)
Aller Vorteile und Arbeitserleichterungen der digitalen Technik zum Trotz bin (und bleibe) ich bekennender Anhänger von Stift und Papier. Unter anderem in Form von handgekritzelten Notizzetteln und To-do-Listen. Das mag für viele vielleicht anachronistisch klingen, ist aber von unschätzbaren Wert – für das Berufsleben und mehr noch für das persönliche Wohlbefinden.Ich weiß nicht, ob es eine altersbedingte Erscheinung ist oder schlichtweg der Menge an Dingen bzw. Aufgaben geschuldet, die es zu erledigen gilt, aber ohne irgendeine Gedächtnisstütze wäre ich im Arbeitsalltag hoffnungslos verloren (so wie vermutlich auch viele, viele andere da draußen). Mein mentaler Spickzettel ist die To-do-Liste, und zwar tatsächlich in physischer Form. Auf meinem Schreibtisch finden sich also stets mehrere, bevorzugt A5 große Papierblätter, die mit den diversen To-do’s befüllt werden.
Natürlich handelt es sich dabei bloß um eine Art „Werkzeug”, ein Mittel zum Zweck, aber aus einer anderen Perspektive betrachtet ist jeder dieser Zettel ein kleines Kunstwerk: Sie wachsen. Sie verändern sich. Sie sind immer da (in der Regel mindestens ein paar Tage) – erst recht, wenn man etwas drüberlegt oder sie beiseite schiebt: Dann stellt sich unweigerlich dieses „Da war doch noch was”-Gefühl ein. Außerdem bieten sie Raum für kleine Kritzeleien oder sonstige expressionistische Anwandlungen.
Das mit Abstand Beste ist aber das Durchstreichen eines „Merkwortes”, sobald die die dazugehörigen Aufgabe erledigt ist (bzw. sich, aus welchen Gründen auch immer, erledigt hat). Ich streiche immer kreuzweise, dh was getan ist, bekommt ein großes „X” verpasst (von links nach rechts oder gar chaotisches „Durchschmieren” setzt in meinem Fall deutlich weniger Glückshormone frei). Jedes dieser Kreuzerl ist Balsam für die meistens stressgeplagte Seele. Man kann hunderte von E-Mails löschen, aber dadurch stellt sich nicht annähernd der gleiche Effekt ein. Vielleicht, weil die gelöschten Mails dann wirklich „weg” sind, während die erledigte Aufgabe unter dem „X” noch sichtbar ist – und man im wahrsten Sinne des Wortes stets vor Augen hat, was man schon geschafft hat. Und als Krönung des Ganzen darf man den vollständig abgearbeiteten Zettel dann noch einmal genussvoll überfliegen und dann, zu einer Kugel zusammengeknüllt, in hohem Bogen in die Rundablage befördern. Einfach herrlich!
Der Vollständigkeit halber möchte ich noch kurz auf zwei weitere „Helferlein” aus meinem Arbeitsalltag eingehen: Erstens das Post-it. Das habe ich eine zeitlang versucht, hat sich allerdings als nicht praktikabel erwiesen. Man hat die Aufgabe zwar in schönen bunten Farben in Augenhöhe (zumindest am Anfang), aber irgendwann wird selbst der größte Monitor zu klein für die vielen Pickerl. Dazu kommt, dass sich die Temperaturentwicklung eines iMac sehr ungünstig auf die Klebeeigenschaften der Post-its auswirkt. Das sieht dann irgendwie nach eckigen Riesen-Konfetti auf der Tastatur aus und regt mehr auf als ab. Zweitens die digitale Erinnerungs-Funktion im Outlook, am Smartphone o.Ä.: Diese Geräte sind zwar unglaublich verlässlich beim Erinnern, was sich immer wieder als durchaus große Hilfe erweist, jedoch ist mir das Erstellen derart vieler digitaler Notizen, die ich täglich auf Papier kritzle, schlichtweg zu mühsam.
Fazit: Es ist gut zu wissen und zugleich höchst erbaulich, dass sich mit kleinen physischen Handlungen derart große psychologische Wirkung erzielen lässt. Und weil’s gar so schön ist: 


Wie wahr!