Nein! Doch! Ohh! – ein Brief in meinem Kastel
(© pixabay / planet_fox)
Das Tempo steigt: Berufsleben, Alltag, Einkäufe, Kommunikation, etc. – im digitalen Zeitalter wird alles schneller und schneller. Wie Schnecken ziehen wir dabei unsere Schleimspuren durch das Internet und die sozialen Medien – zur Freude (und Profit) der Datenkraken wie Google, Facebook & Co. Umso bemerkenswerter ist daher, was sich vor wenigen Tagen im Postkasten (nicht Mailbox!) der E&W-Redaktion fand: Ein echter Brief. Auf echtem Papier, verfasst von einem echten Menschen. „Faszinierend”, würde ein bekannter Vulkanier jetzt wohl sagen…Wir leben bekanntermaßen im Informationszeitalter, und aus der Flut an Nachrichten jene herauszufiltern bzw. überhaupt in Erfahrung zu bringen, die wirklich wichtig sind, gehört zu unseren elementaren Aufgaben als Fachmedium. Die richtig „guten” bzw. „heißen” Infos bekommt man jedoch nur in den allerseltensten Fällen als Pressemitteilung auf dem sprichwörtlichen Silbertablett serviert, sondern erfährt sie vielmehr (und zumeist) im direkten, persönlichen Gespräch, manchmal stößt man durch Glück oder Zufall auf etwas (ja, auch das kommt vor) und ab und an kommen Tippgeber von sich aus auf uns zu – beispielsweise eben mit einem Brief. Als wäre das an sich nicht schon ungewöhnlich genug, waren die darin geäußerten Hinweise nicht nur brisant, sondern auch fundiert und den Tatsachen entsprechend (wie die Recherchen der E&W-Redaktion ergaben), und als Tüpfelchen auf dem „I” war der gesamte Text zudem völlig fehlerfrei geschrieben. Hut ab, da hat sich jemand echt Mühe gegeben, waren wir uns im Redaktionsteam einig – dass wir uns mehr von dieser Art wünschen würden, muss wohl nicht extra betont werden. Und vermutlich ebenfalls nicht, dass die journalistische Neugier quasi reflexartig die Frage aufwarf, wer der Verfasser dieses Schriftstücks gewesen sein könnte. Nun, ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, aber mir ist in diesem Zusammenhang etwas in den Sinn gekommen, das ich vor gar nicht allzu langer Zeit gelesen hatte.
Eva Menasse schreibt in ihrem (übrigens sehr empfehlenswerten) Buch „Alles und nichts sagen” über den Zustand der Kommunikation, dass es dafür früher nur zwei grundlegende Möglichkeiten gab: Zum einen die „gesprochene Sprache mit der ihr immanenten Gnade von Flüchtigkeit, Vergänglich- und Vergesslichkeit, die alle Affekte und Übertreibungen abschwächt und ausgleicht.” Zum anderen die „geschriebene Sprache, der etwas Überlegteres, Gültigeres, Gewichtigeres innnewohnte, schon weil man viel mehr Zeit und Mühe darauf verwenden musste. Das Ergebnis (der Brief, das Flugblatt, das Buch) trug die Art seiner Entstehung als zusätzliche Qualität in sich.” So weit, so treffend – gerade auch für den Brief an die E&W-Redaktion. Doch mittlerweile sieht die Welt anders aus, wie Menasse bei ihrem Schwenk zur Moderne erörtert: „Heute haben wir ein giftiges Hybrid aus beidem. Der Unterschied zwischen gesprochen und geschrieben ist fast zur Gänze aufgehoben, denn selbst das, was man irgendwo murmelt, wird wahrscheinlich aufgezeichnet. Digitale Kommunikation feuert fast so schnell wie gesprochene Sprache, obwohl der Adressat im nebeligen Irgendwo ist – sie erreicht ihn trotzdem. Niemand kann sich vor seinen verschiedenen Accounts verstecken, aber ohne sie zu leben, schafft auch kaum einer. Gleichzeitig wirkt diese Kommunikation – trotz aller Tippfehler, albernen Emojis und verwackelten Videos – schon wegen ihrer Unlöschbarkeit gültiger, kann auch Jahre später hervorgeholt und als Beweisstück präsentiert werden. Und dazu tritt dann noch, wie in einem Fluch, Märchen oder in einer Epidemie, die schier unendliche Vervielfältigbarkeit.”
Die meisten würden sich wie digital naives verhalten, „die glücklich mit den bunten Perlen, äh, Apps spielen, ohne Sinn dafür, warum sie ihnen geschenkt wurden. Niemand würde Pillen schlucken, die umsonst auf der Straße verteilt werden, im Gegenteil steigt die generelle Medikamenten- und Impfskepsis seit Jahren an, vielleicht in einem ähnlichen Ausmaß, in dem die wissenschaftliche Qualitätssicherung präziser wird. Aber wenn es um Gratis-Apps geht oder das Kleingedruckte der Datenverarbeitung in den geliebten sozialen Medien, sind die meisten zu allem bereit.”
Ein messerscharfer Befund, wie ich meine, und wie der Zufall will, fand sich dazu passend kürzlich ein Mail mit folgender Überschrift in meinem Postfach (diesmal dem elektronischen): „INSTAGRAM kennt Ihre sexuellen Vorlieben. FACEBOOK weiß von Ihrem Alkoholproblem.”
INSTAGRAM kennt Ihre sexuellen Vorlieben. FACEBOOK weiß von Ihrem Alkoholproblem.
Wie ich wenige Zeilen später erfuhr, handelte es sich dabei um die Einladung zu einer Pressekonferenz, bei der der Verbraucherschutzverein (VSV) gemeinsam mit der deutschen Kanzlei Baumeister & Kollegen, der österreichischen Kanzlei Salburg Rechtsanwälte und dem österreichischen Prozessfinanzierer Padronus seine Kampfansage an den Meta-Konzern vorstellen wollte. Und diese dürfte es ordentlich in sich haben: In Deutschland und Österreich wurde jeweils eine Verbandsklage gegen Meta Platforms Ireland Ltd. eingereicht. Die Klagen richten sich gegen die weitreichende Überwachung der Bevölkerung durch Meta, die nach Ansicht von Padronus und des VSV gegen europäisches Datenschutzrecht verstößt. Es soll sich dabei um die größte Verbandsklage handeln, die im deutschsprachigen Raum je eingebracht wurde, und ein Präzedenzfall für ganz Europa geschaffen werden.
„Meta weiß über uns weit mehr, als wir ahnen – von unseren Einkäufen über unsere Medikamentensuche bis hin zu persönlichen Problemen. Möglich machen das die sogenannten Business-Tools, die quer durchs Internet eingesetzt werden. So ist der US-Konzern auf Drittseiten selbst dann dabei, wenn wir längst aus der Plattform ausgeloggt sind oder unsere Browser-Einstellungen Datenschutz versprechen. Das verstößt gegen die europäische Datenschutzgrundverordnung“, erklärte dazu Padronus-GF Richard Eibl, der den Streitwert mit 25 Milliarden Euro bezifferte. Auch für den Tech-Giganten vermutlich keine „Peanuts”. Mehr Details und Hintergründe können Interessierte übrigens auf meta-klage.at nachlesen.
Apropos: Ich bin Ihnen natürlich noch eine Antwort auf die „Was-Frage” schuldig: Was in dem eingangs erwähnten Brief stand, können Sie in redaktionell aufbereiteter Form HIER nachlesen.


Über mich wissen eigentlich alle sozialen Medien etwas, doch es stammt von den durchschnittlich 5(!) Fakeaccounts pro Medium, die in meinem REAL(!)-Namen dort herumgeistern. Es ist also komplett falsch, was die zu wissen glauben.
Fakeaccounts? Ja, aber ich meine jene, welche die jeweilige Plattform selbst anlegt.
Allein auf FB habe ich dzt. 7 solcher Realnamen-Accounts, obwohl ich seit 2012 davon weg bin. (Das einzig echte, von mir angelegte und von mir geschlossene Profil dort ist übrigens noch immer samt allen Daten sichtbar (aber für mich unzugänglich)).
Ja, sicher gibt es noch weit mehr Verstrickungen zwischen den Plattformen. Doch ein nie löschbares Profil bietet weiterhin Daten zur allgemeinen Entnahme und Nutzung durch alle feil.
Was der VSV (hinter dem Link meta-klage.at) gegen machen kann? Nix. Ich habe es versucht …