Rückkehr ins Mittelalter?
KI hat auch weitreichende Auswirkungen auf die Ausbildung.
Künstliche Intelligenz wirft auch in der Ausbildung ein recht dorniges Problem auf: Wenn Anwendungen wie ChatGPT und wie sie immer heißen mögen die Routinearbeit bzw. die einfachen Aufgaben übernehmen, wie sammeln Berufseinsteiger in der Zukunft die notwendigen Erfahrungen?Das Eingehen auf Kundenwünsche, das Entwerfen maßgeschneiderter Lösungen, eine aus tiefer Erfahrung gespeiste Intuition und natürlich der Realitätscheck mit dem menschlichen Wissen um die Bedürfnisse des Alltags – für all diese Dinge wird man auch in Zukunft Menschen in der Wirtschaft benötigen. Sich wiederholende Abläufe bzw. die Routineaufgaben werden in Zukunft dagegen von KI-Agenten übernommen. In dieser Vision der zukünftigen Arbeitswelt ist Künstliche Intelligenz ein Werkzeug, welches dazu dient, die menschlichen Arbeitskräfte für die wirklich wichtigen Aufgaben freizuspielen. Die menschlichen Mitarbeiter sind in diesem Szenario entsprechend qualifiziert, sie verfügen über die notwendige Erfahrung und Kompetenz, um die außergewöhnlichen Geschäftsfälle für das Unternehmen zu bewältigen. Die Dinge, an denen eine KI scheitert – und diese Fälle wird es auch weiterhin regelmäßig geben – müssen weiterhin von Menschen erledigt werden. Nicht zuletzt werden Menschen die mit einer KI-Anwendung erzielten Ergebnisse überprüfen und in einen größeren Kontext setzen müssen.
So weit, das Bild der Futurulogen und Zukunftsforscher. Bleibt die oben implizierte Frage: Woher kommen diese qualifizierten und kompetenten Mitarbeiter? Wo sollen die zukünftigen Nachwuchskräfte die notwendige Erfahrung sammeln, um ihre Rollen zu erfüllen. Wenn die Routinetätigkeiten, die kleinen Projekte, mit denen die Berufseinsteiger ihre ersten Sporen verdienen können, schneller und billiger von einer KI erledigt werden können, dann werden Unternehmen sich in kürzester Zeit entsprechend umstellen. Und hier denke ich vor allem an Jobs im Vertrieb, in der Planung, der Logistik, der IT, der Entwicklung, der Organisation usw.. Als Ausweg aus diesem Dilemma wird in den USA mancherorts die Rückkehr der mittelalterlichen Zünfte beschworen. Ich sehe die Entwicklung eher als eine Chance für eine uns bekannten Institution: Der Lehre.
Denn der Erfahrungsschatz in einem Unternehmen wird – davon bin ich überzeugt – weiterhin von Mensch zu Mensch weitergegeben. In Zukunft wird dies allerdings nicht nur in den klassischen Lehrberufen zutreffen, sondern eben auch solche, welche heute vor allem mit einer schulischen oder universitären Ausbildung verbunden sind. In diesen Berufsfeldern wird man noch viel mehr als derzeit sich das notwendige Zusatzwissen aneignen, indem man neben der formalen Ausbildung einem erfahrenen Mentor über die Schulter blickt. Und das unter Umständen über mehrere Jahre.
Damit wird sich auch das Verhältnis zwischen Schüler und Ausbildner ändern. Eine Rückkehr der mittelalterlichen Zünfte mit ihren strengen Hierarchien und Kontrolle über die Mitglieder sehe ich jetzt nicht, aber die Lehre wird sich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen müssen. Ich glaube daher, dass Schüler/Lehrling und Ausbildner in Zukunft noch viel mehr als bisher ein Team bilden und von den jeweiligen Stärken profitieren werden Aber wie immer diese Entwicklung verläuft, sie bedeutet einen tiefgreifenden Umbau des Ausbildungssystems. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Ausbildner. Denn diese müssen sich daran messen lassen, ob ihre Schützlinge gegen den Wettbewerb der KI-Systeme bestehen können. Und natürlich muss die Ausbildungsarbeit in irgendeiner Weise abgegolten werden.
Aber auch für die Gesellschaft wird das Auswirkungen haben. Denn in so einem System erhält der Einzelne fast automatisch weniger Entfaltungsspielraum. Die brillanten Einzelkämpfer, welche Kraft ihres Genies neue Lösungen finden, wird es immer geben – und um die muss man sich auch keine Sorgen machen. Aber die restlichen Berufseinsteiger werden im Wettbewerb gegen die KI jeden Vorteil benötigen, den sie kriegen können. Und diese Berufseinsteiger werden unter Umständen auch ihre Individualität zurückschrauben, um in dem „Schüler-Meister-System“ unterzukommen. Das wäre ein Fehler. Denn in einem von KI-geprägten Wirtschaftssystem, werden wir gerade jene Mitarbeiter benötigen, welche mit ihren Ideen die Grenzen des Bekannten ausloten oder sogar sprengen.

Die Schule ist tot, es lebe die Lehre!
Es macht keinen Sinn jahrzehntelang die Schul- bzw. Studienbank zu drücken und
beim Abschluss mit irgendwo knapp 30 oder drüber nicht mehr Wissen gesammelt zu haben, als ein Milliardstel der KI. Und ganz so nebenbei hat dann man keine Pensionszeiten gesammelt bzw. verdient man viel weniger als ein durchschnittlicher Facharbeiter, so man überhaupt einen Job bekommt und einem irgendwer brauchen kann.