Shanghai Calling – wenn einer eine Reise tut…
Eines der vielen beeindruckenden Erlebnisse in Shanghai: Der Besuch des 632 Meter hohen Shanghai Towers.
Vor kurzem durfte ich im Rahmen einer Pressereise zum ersten Mal in meinem Leben China besuchen – und hatte somit die (wenn auch bei weitem nicht ausreichende) Gelegenheit, all das, was man sonst nur aus den Medien und Erzählungen kennt, auf den Prüfstand zu stellen. Tatsächlich erfüllt das Land (und die Menschen) so manches gängige Klischee, manches erschien doch anders als erwartet, und sehr vieles hat mir zu denken gegeben.Nach einem rund 11-stündigen Nachtflug erreichte ich an einem Montagmorgen (Ortszeit: Montagnachmittag) die chinesische Metropole Shanghai und durfte mich sogleich der ersten „Prüfung” stellen: Scan von Reisepass und Abdrücke aller (!!) Finger – an einem Bankomat-ähnlichen Gerät. Denn wie ich noch sehen sollte, funktioniert in China sehr vieles automatisiert bzw. digitalisiert. Die mir mitgegebene Einreiseempfehlung „No jokes” befolgte ich artig, und da der Thermo-Scan offenbar ebensowenig Auffälligkeiten aufwies wie das obligatorisch auszufüllende Einreiseformular (die chinesischen Behörden wollen scheinbar nicht nur genau wissen wer da kommt, sondern auch was man will und wohin man sich bewegt), war das ganze Einreiseprozedere eigentlich recht rasch erledigt.
Der bereitgestellte Shuttle-Service wartete wie versprochen, dass die Fahrt ins Hotel klappte, war allerdings nur der guten Vorab-Organisation zu verdanken – Kommunikation nämlich leider Fehlanzeige, da ich kein Chinesisch spreche und der nette Chauffeur leider weder Deutsch noch Englisch (dass selbst banalste Verständigung in der vermeintlichen „Weltsprache” Englisch in Shanghai weitestgehend unmöglich war, sollte ich ebenfalls noch des öfteren feststellen).
Zu diesem Zeitpunkt war ich zugegebenermaßen ziemlich erschöpft und konnte nicht sagen, ob mir die Anfahrt nur so lange vorgekommen war oder ob die Strecke einfach so weit war – wie mir tags darauf klar wurde, als mich unser erstes Reiseziel wieder in die Nähe des Flughafens führte, war der Weg tatsächlich so weit. Rund 6.500 km2 Fläche beansprucht die 25-Millionen-Metropole (zum Vergleich: Wien bringt es gerade einmal auf 400 km2) – eine Ausdehnung, die man sich erst vorstellen kann, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat. Ich hatte die Gelegenheit, die Aussicht vom 632 Meter hohen Shanghai-Tower zu genießen – und egal, in welche Himmelsrichtung ich auch blickte, die Stadt schien stets über den Horizont zu reichen.
Besonders beeindruckend: Die Stadt hat von sich selbst offenbar noch nicht genug, denn an allen Ecken und Enden standen Baukräne, um das Wachstum nicht nur flächenmäßig, sondern auch in die Höhe zu forcieren. Und wo in Shanghai gebaut wird, handelt es sich nicht um einzelne Häuser oder Straßenabschnitte, sondern ganze Straßenzüge, und Wohnhäuser baut man nicht nur 15-20 Stöcke hoch, sondern auch gleich 20 oder 30 davon nebeneinander. Angesichts solcher Dimensionen muss man sich ab und an ziemlich klein vorkommen… Zumal es auch noch einen schier unerschöpflichen Pool an Menschen zu geben scheint – von den zigtausenden Boten und Fahrern, die mit ihren E-Rollern durch die Straßen flitzen, bis hin zum Servicepersonal in Restaurants oder im Hotel hatte ich den Eindruck, es gäbe immer noch Reserven.
Um das Leben und die Leute in Shanghai zu beschreiben, habe mir u.a. folgendes notiert:
- Shanghai ist eine saubere (auch in puncto Luftqualität) und auffällig ruhige Stadt.
- Das mag daran liegen, dass es auf den Straßen sehr viele E-Autos gibt (die allesamt aussehen wie in unseren Breiten, bei näherer Betrachtung aber zum überwiegenden Teil Fabrikate völlig unbekannter Marken sind)
- Das Verkehrsgeschehen selbst erinnert stark an jenes in Wien – ein paar Drängler, ein paar (Licht-)Huper, aber im Grunde recht zivilisiert.
- Ich habe keinen einzigen dicken Chinesen (oder Chinesin) gesehen, und auch nur 2 oder 3 Haustiere.
- Chinesen scheinen die Reisewarnung ebenfalls eingebläut zu bekommen – dort wird sehr (wirklich sehr!) wenig gelacht, sondern diszipliniert und pflichtbewusst gearbeitet.
- Ich habe auch praktisch niemanden schimpfen oder fluchen gesehen.
- Ich habe kein einziges Insekt gesehen.
- Bei Mahlzeiten wird extrem viel weggeworfen (denn während wir zum Aufessen erzogen werden, gilt es in China als unzureichend, wenn von den aufgetischten Speisen nichts übrig bleibt).
- Der völlig durchdigitalisierte Lebensalltag (mit Apps wie WeChat oder Alipay als Basis) wirkt zunächst befremdlich (vor allem mit dem Wissen, dadurch völlig „gläsern” zu sein), erweist sich in der Praxis aber als sehr komfortabel.
- Wohnen in Shanghai ist ähnlich teuer wie in Wien – der Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen beläuft sich auf rund 5.000 Euro. Es gibt ein ausgeprägtes Streben, eine solche zu besitzen.
Ich bin in den wenigen Tagen meines Aufenthalts natürlich nicht zum China-Experten geworden und vielleicht ist Shanghai nicht einmal repräsentativ für die Volksrepublik. Aber eines – und das ist auch die Quint-Essenz, die ich für mich mitgenommen habe – steht aus meiner Sicht außer Zweifel: In China herrscht eine ungeheure Dynamik und der Wille, etwas „weiterzubringen” ist deutlich spürbar. Während wir uns in Europa mit Händen und Füßen gegen den Wohlstandverlust bzw. den Abstieg wehren, kämpft man in China für den Aufstieg sowie die Verbesserung der persönlichen Umstände – eine positive Vision, die dem „alten Kontinent” momentan ein wenig abhanden gekommen ist…
Da all die gewonnen Eindrücke nur schwer in Worte zu fassen sind, lasse ich abschließend noch ein paar Bilder sprechen. Achja, ehe hier ein falscher Eindruck entsteht: Mein China-Trip war natürlich keine Urlaubsreise. Welches Unternehmen ich in China besuchen durfte und welche Einblicke ich dort erhielt, lesen Sie in der demnächst erscheinenden E&W-Dezemberausgabe.
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Das was hier leider in diesem Artikel fehlt lieber Wolfgang ist, dass China im Gegensatz zu Europa 24/7 arbeitet und im Jahr 2 Wochen Ferien hat.
Technologie kommt in den meisten Sparten mittlerweile aus China für Europa. China hat Europa bereits mit Hochgeschwindigkeit hinter sich gelassen.
China ist hochmodern organisiert und es herrscht guter Lebensstandart.
Zur Zeit kauft China die Industrie und den Handel in Europa auf, und es ist nur die Frage der Zeit, wann diese andere Einstellung zu Arbeit und Wohlstand auch in Europa kommen werden.
Von Schulden kann ein Staat nur bedingt lange leben, von Wachstum der Wirtschaft sehr wohl, wie wir es auch in der Vergangenheit in Europa erlebt haben. Es würde uns allen gut tun, endlich wieder unsere Bequemlichkeit aufgrund des vermeintlichen, aber leider nur mehr spärlichen Wohlstandes, gegen Arbeitswilligkeit zu tauschen. Man sollte nicht kündbare Gewerkschafter dort hinschicken, damit sie endlich begreifen, dass es eine 4 Tage Arbeitswoche im internationalen Wettbewerbsumfeld nicht geben kann. Man sollte die Jugend , die Slogans wie Life Balance so gerne in den Mund nimmt, und mit 20 h Arbeit genug verdienen will, um komfortabel zu leben vier Wochen in ein Werk nach China stecken, wo 11h am Tag 6 Tage lang am Fließband gearbeitet wird, um zu begreifen, dass Geld für`s Leben nicht der Staat bezahlt.
China zeigt, dass eine klare Vision und zielgerechte Führung den Erfolg bringen, während eine EU mit tausenden wichtigen Politikern demokratisch nichts weiter bringen, und uns mittlerweile zum Spielball der Mächte werden lässt.
😀👍