Big Blue Marble: Wie der Wandel gelingt
Big Blue Marble-GF Michael Wagenhofer hob u.a. die Bedeutung von Skaleneffekten in den Medienbranche hervor sowie die wichtige Rolle Österreichs als Testmarkt für Innovationen. (© Redaktion)
Bei den diesjährigen 32. Österreichischen Medientagen (ÖMT) warfen wieder hochrangige Vertreter der heimischen und internationalen Medienlandschaft einen kritischen Blick auf die aktuellen Entwicklungen – allen voran, wie sich seriöser Journalismus gegen die globalen Digitalkonzerne behaupten kann und welche Rolle der unaufhaltsame und immer schneller werdende Wandel in den Medienhäusern spielt. Zu diesem Thema konnte Big Blue Marble (ehem. ORS)-Geschäftsführer Michael Wagenhofer am Podium aus erster Hand berichten.Meta, Alphabet, Amazon & Co. wurden bei dem ÖMT heuer regelrecht seziert. Aus gutem Grund, flossen alleine im Vorjahr doch 2,6 Milliarden Euro an Werbegeldern aus dem heimischen Markt zu den Online-Giganten, während die hiesige Medienbranche nur 2,1 Milliarden Euro lukrieren konnte.
Der deutsche Medienwissenschaftler und Keynote-Speaker Bernhard Pörksen bezeichnete diesen „digitalen Feudalismus” als „publizistisches Mittelalter.“ „Auf einmal haben sehr viele Menschen eine Stimme, die vorher zum Schweigen verdammt waren.” Andererseits kehre unter den aktuellen Medienbedingungen eine Art von Feudalherrschaft zurück, geprägt von Opportunismus und Ideologie, getarnt als Big-Tech-Vision. Dieser Feudalismus bewirke gerade die dritte große Kommunikationsrevolution der Menschheitsgeschichte nach der Erfindung von Schrift und Buchdruck, passe jedoch eigentlich nicht in eine moderne, aufgeklärte Welt.
Harte Worte
In die gleiche Kerbe schlug der Medienwissenschaftler Martin Andree, der bei einer exklusiven Breakout Session der RTR Medien zum Thema „Krieg der Medien – Wer kämpft eigentlich gegen wen?“ referierte und ein beklemmendes Bild von der Zukunft redaktioneller Qualitätsmedien sowie unserer freiheitlichen Ordnung zeichnete. In einer verheerenden Allianz mit Populisten würden sich die Big Techs – von Andree auch als „Dark Tech“ bezeichnet – jeder effektiven Regulierung entziehen, Desinformation und Falschmeldungen verbreiten, klassische Medien und die Demokratie selbst demontieren und zunehmend die Öffentlichkeit kontrollieren, so Andree.
„Es wäre leicht das Internet zu befreien: über die wirtschaftliche Trennung von Übertragungsweg und Inhalt, mit offenen Standards, Freiheit für Outlink-Gestaltung, eine Obergrenze des Marktanteils auch für digitale Medien und ein Verbot der Monetarisierung strafbarer Inhalte“, so Martin Andree im Vortrag. In der anschließenden Diskussion empfahl er den EU-Mitgliedstaaten durchaus regulatorische Alleingänge gegen die Big Techs zu unternehmen, denn die Zeit werde knapp.
Aus der Praxis
Unter dem Titel „Umbruch: Medien zwischen Transformation und Verantwortung” erläuterte Big Blue Marble-GF Michael Wagenhofer in einem hochkarätig besetzten Diskussionspanel (bestehend aus Kleine Zeitung-GF Xenia Daum, Wiener Zeitung-GF Martin Fleischhacker, Österreich-Ressortleiter bei „Die ZEIT” Florian Gasser, der Kaufmännischen Direktorin des ORF Eva Schindlauer sowie der Chefredakteurin der Salzburger Nachrichten Karin Zauner) die Frage, was Transformation im Spannungsfeld zwischen ökonomischem Druck, digitalem Fortschritt und publizistischer Verantwortung bedeutet – und wie sie gelingen kann.

Seit 20 Jahren, als die Ausgliederung der ORF-Sendetechnik in die ORS erfolgte, lebe man mittlerweile die Kooperation zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Rundfunk. „Wir sind quasi die Schieneninfrastruktur der elektronischen Medien. Wir transportieren Servus TV, Puls 4 usw. und natürlich auch sämtliche ORF-Programme. Das war unsere Mission in den letzten Jahren. Und die technische bzw. die digitale Transformation war für unser Business natürlich auch sehr, sehr verändernd. Ich glaube, man muss sich jetzt vergegenwärtigen, dass Medien Teil der Digitalökonomie geworden sind. Und um da erfolgreich zu sein, braucht es Skalierung”, erklärte Wagenhofer. „Der österreichische Markt mag da vielleicht auf den ersten Blick schwierig sein, weil er nicht so groß ist. Auf der anderen Seite kann man viele Dinge ausprobieren, und das mit geringer Fallhöhe – um es dann, wenn es funktioniert, international zu skalieren. Und das haben wir uns jetzt mit Big Blue Marble vorgenommen – darum auch der Schritt von ORS zu Big Blue Marble.”
Eine wichtige Rolle habe hier die Übernahme der Insys Video Technologies gespielt, da diese auf den Bereich Cloud Media und Streaming spezialisiert sei und man in diesem Geschäftsfeld gemeinsam unter der Marke Big Blue Marble am Weltmarkt agiere. Kunden wie ein großes arabisches Videoportal, der türkische Staatssender TRT oder der WDR würden zeigen, dass es möglich sei, erfolgreich zu skalieren.
Genau in dieser globalen Skalierung ortete Wagenhofer auch die größte Chance in den nächsten Jahren – „Also IP und Streaming nicht nur als Gefahr zu sehen, sondern als Sprungbrett auf die internationale Bühne zu nutzen. Trotzdem möchte ich aber natürlich auch den Heimmarkt verteidigen: Als Medium, das sich als Teil der vierten Säule der Demokratie versteht, muss man auch dafür Sorge tragen, dass es gerade dann, wann es drauf ankommt, funktioniert. Deshalb glaube ich, dass es österreichische Infrastruktursouveränität braucht, mit entsprechender Resilienz. Und das ist und bleibt natürlich unser Standbein, – wir wollen dafür einstehen, dass wir den österreichischen Medien auch für die Zukunft eine eigene Infrastruktur bieten, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden.”
Mit tiefgreifenden Einblicken aus den jeweiligen Redaktionen konnten auch die übrigen Diskussionsteilnehmer aufwarten – wobei sich die Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung von Medien wie ein roter Faden durchzog. Eva Schindlauer etwa nannte es als wesentliche Aufgabe des ORF, nicht Meinungen zu Fakten zu machen, sondern den Menschen eine mediale Heimat zu geben, wo die Fakten tatsächlich Fakten sind. Xenia Daum plädierte – im Sinne der gemeinsamen Werte – für einen Zusammenschluss der heimischen Medien, denn „das Gemetzel am heimischen Markt ist vollkommen sinnlos.” Martin Fleischhacker sprach die Notwendigkeit des Wandels, bei dem allerdings oft nicht der Wandel an sich das Problem sei, sondern das Handeln mit der Logik von gestern – es brauche daher Veränderung von Innen heraus. Diesbezüglich brachte Florian Gasser ein, dass der Journalismus heute eben auch dahin gehen müsse, wo die Leser seien – d.h. er dürfe sich Kanälen wie TikTok oder Youtube nicht verschließen. Einig waren sich die Diskutanten jedenfalls darin, dass wir in den spannendsten Zeit seit der Erfindung des Buchdrucks leben.

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