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Freitag, 16. Januar 2026
Aus der E&W 12/2025: Der Bundesinnungsmeister im Interview

Christian Bräuer: „Wir brauchen einen Plan!”

Photovoltaik Energiezukunft E-Technik | Wolfgang Schalko | 19.12.2025 | | 1  Menschen, Wissen
Christian Bräuer hat in seiner zweiten Funktionsperiode als Bundesinnungsmeister viel vor – und sieht etliche Weichen für die Branche schon richtig gestellt. Christian Bräuer hat in seiner zweiten Funktionsperiode als Bundesinnungsmeister viel vor – und sieht etliche Weichen für die Branche schon richtig gestellt. (© Max Slovencik) Bundesinnungsmeister Christian Bräuer hat aus der vergangenen Fuunktionsperiode „viel Schwung” in die neue, bis 2030 laufende mitgenommen. Die Stimmung in der Branche sei gut, der Zusammenhalt auf Bundes- wie auf Landesebene groß – beste Voraussetzungen also, um die anstehenden Herausforderungen anzugehen.

Der Tatendrang bei Bundesinnungsmeister Christian Bräuer ist deutlich spürbar: Aus der konstituierenden Sitzung und dem unmittelbar folgenden Strategie-Meeting in Juni ist ein Strategiepapier hervorgegangen, das Ende November dem Bundesinnungsausschuss vorgelegt wurde und eine wesentliche Arbeitsgrundlage für die kommenden Jahre bilden soll.

E&W: Was genau hat es mit diesem Strategiepapier auf sich?

Christian Bräuer: Es handelt sich um ein Grundlagenpapier, in das alles eingeflossen ist, was mein Team und ich aus den letzten zwei Jahren mitgenommen haben: Wie soll sich die Bundesinnung innerhalb der WKÖ positionieren, wie gegenüber politischen Vertretern, wie gehen wir mit angrenzenden Berufsgruppen wie den Installateuren um, wie geht es bei der Erneuerbaren Energie weiter, wie bei der Normung, der Aus- und Weiterbildung, etc.? Jetzt sind alle Arbeitsausschüsse gefordert, darauf basierend ihre jeweilige Strategien im Detail festzulegen, und daraus wiederum wird ein Maßnahmenplan erarbeitet, was wir konkret in Angriff nehmen werden und wer dafür verantwortlich ist. Denn wir brauchen Perspektiven bzw. einen langfristigen Plan, wo wir uns als Branche hinentwickeln.

Ein wichtiger Schritt wurde schon gesetzt: Seit 1. Oktober sind in der neuen Bundesinnungsgruppe Energie- und Gebäudetechnik unter der Geschäftsführung von Paul Morolz die Bundesinnungen der Elektro-, Gebäude-, Alarm- und Kommunikationstechniker sowie die Bundesinnung der Sanitär-, Heizungs- und Lüftungstechniker zusammengefasst. Das bedeutet, die gesamte Kompetenz zum Thema Energie und Gebäude liegt in dieser Gruppe – und bei sonst niemandem. Und gemeinsam wollen wir dieses Thema national wie auch international treiben.

Zur Ausgangslage: Wie geht es der Branche im Moment?

Die Branche an sich ist in einem Top-Zustand und hat einen richtig guten Zug drauf. Diese positive Stimmung hat man gerade auch bei den Tagen der Elektrotechnik gemerkt und rührt sicher auch daher, dass es in der Elektrotechnik immer Möglichkeiten gibt, sich neu bzw. anders zu beschäftigen. Natürlich gibt es Betriebe aus der Branche, die sehr spezialisiert sind, z.B. auf den PV-Bereich, und die sich jetzt schwerer tun und mehr zu kämpfen haben als Betriebe, die breiter aufgestellt sind oder in mehreren Sektoren arbeiten. Und dass so manches Geschäftsfeld, allen voran der Neubau, derzeit stagniert, braucht man nicht diskutieren. Auf der anderen Seite haben wir mit der Sanierung von Wohngebäuden ein Riesenthema vor uns. Zwar wurde die Frist für die Sanierung von Bestandsgebäuden in Österreich von 2040 auf 2050 verlängert, aber wir reden immerhin von zwei Millionen Gebäuden, von denen in den nächsten 25 Jahren 80% zu sanieren sind.

Und noch etwas sollte man nicht vergessen: Viele Kollegen haben mir berichtet, dass sie eigentlich ganz froh darüber sind, wieder einmal am Wochenende frei haben oder auch die Mitarbeiter Freitagmittag heimgehen lassen zu können. So finden viele auch endlich wieder einmal die Zeit, sich zu informieren, Seminare zu besuchen oder den Mitarbeitern Ausbildungen zu ermöglichen, um für neue Themen gewappnet zu sein – und da kommen jede Menge neue Themen auf uns zu!

Das heißt, die Aus- und Weiterbildung bleibt ein zentraler Aspekt?

Ja, es muss eine Qualifizierungsoffensive geben. Fachkräfte, gerade auch die älteren, sollen nicht stehen bleiben, sondern sich weiterentwickeln und mit neuen Themen und Technologien beschäftigen – z.B. im Bereich Smart Home, Energieeffizienz oder Lösungen für den Bestands- und Neubau.

Dahingehend wurden mit der Höheren Beruflichen Bildung (HBB) die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein neues Qualifizierungsmodell für Mitarbeiter geschaffen, das wir ab dem 1. Quartal 2026 anbieten werden. Dabei geht es um die thematische Spezialisierung, etwa für die Prüfung und Dokumentation elektrischer Anlagen, für die Erzeugung und den effizienten Einsatz erneuerbarer Energie, für Smart Home oder die gesamte Sicherheitsanlagentechnik. Diese ist bei der letzten Überarbeitung des Lehrberufsbildes entfallen, weil es einfach zu viel für einen jungen Menschen war – und wurde jetzt eben in die HBB verschoben. So kann sich jeder Elektrotechniker überlegen, in welche Richtung er sich weiterentwickeln möchte – im Sinne des Unternehmens und im Sinne seines weiteren Berufslebens.

In welcher Form sollen diese Ausbildungen angeboten werden und wie groß schätzt man das Interesse daran ein?

Hauptanbieter ist das WIFI Österreich, alle neun Landesstellen sind dabei. Die genauen Qualifikationsstan-dards und Lernziele arbeiten wir gerade fertig aus und ebenso, wo genau Validierungsverfahren (Anm.: Kenntnisnachweis z.B. durch Berufserfahrung) und wo Prüfungsverfahren zum Einsatz kommen.

Das Interesse müsste nach meiner Einschätzung sowohl seitens der Betriebe als auch von den Mitarbeitern sehr groß sein, da dieser Level 5 – immerhin Werkmeister-Niveau – ja derzeit noch ganz „leer” ist und man über die Spezialisierung im Rahmen der beruflichen Ausbildung ein solches Level erreichen kann. Das ist auch deshalb wichtig, weil der Fachbereich Elektrotechnik mittlerweile so umfassend ist, dass es nicht ein oder zwei, sondern eher vier oder fünf entsprechend qualifizierte Fachkräfte braucht, um das gesamte Feld abdecken zu können.

Daher sehe ich in der HBB auch einen Lösungsansatz für den immer noch herrschenden Fachkräftemangel: Wir klagen in vielen Bereichen über zuwenig Personal, dabei geht es eigentlich hauptsächlich um Kompetenzen und Know-how. D.h., wir müssen „nur” die Mitarbeiter schulen und ihnen das Richtige beibringen – dann bleiben sie der Branche auch erhalten. Denn heute sehen wir oft, dass sich Elektriker nach 15 oder 20 Jahren auf der Baustelle beruflich verändern wollen, und diese Möglichkeit bietet die Spezialisierung. Letztendlich muss das oberste Ziel lauten, Fachkräfte zur Verfügung zu haben, die Gebäude ganzheitlich betrachten können und eine klare Vorstellung davon haben, was das Beste für das Gebäude und das Beste für den Kunden ist.

Welche Rolle spielen dabei rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen?

Hier kommen wieder die Bundes- und Landesinnungen ins Spiel: Es ist unsere Aufgabe, all diese branchenrelevanten Themen so aufzubereiten, dass die Elektriker für sich selbst und auch gleich für ihre Kunden eine Antwort parat haben – beispielsweise, um rechtssichere Auskünfte zum neuen ElWG geben zu können. Derzeit beschäftigen wir uns aber u.a. auch intensiv mit der Digitalisierung für Leistungsbeschreibungen: In Abstimmung mit den deutschen Kollegen führen wir gerade die deutschen und die österreichischen standardisierten Leistungsbeschreibungen zu einer vereinheitlichten LB-HT zusammen.

In vielerlei Hinsicht, jüngst etwa bei den KV-Verhandlungen, zeigt sich die Bundesinnung pragmatisch und kompro-missbereit. Gibt es auch rote Linien?

Es gibt viele Punkte, die wir nicht akzeptieren können und wollen. Beispielsweise Ersteller von Richtlinien wie das Österreichisches Institut für Bautechnik (OIB) – ein Verein, der praktisch außerhalb des österreichischen Normungswesens und ohne Abstimmung mit uns als Branchenvertretung Texte entwickelt, die noch dazu oftmals bestehende europäische Normen überstimmt – das regt mich maßlos auf, passiert im OIB aber leider regelmäßig.

Die Bundesinnung macht also sehr viel für ihre Mitglieder – aber was kann das einzelne Mitglied tun, um die eigene Situation zu verbessern?

Grundsätzlich ist es nicht ratsam, sich nur auf eine Nische zu konzentrieren. D.h. wer in der Photovoltaik tätig ist, sollte zumindest auch Kompetenzen bei der Speicherung und der Energieeffizienz aufbauen. Und natürlich der schon erwähnte Blick auf die Gebäudesanierung: Das gesamtsystemdienliche Zusammenspiel zwischen Gebäude und Netz wird die Kunst werden, die uns als Elektrotechniker auszeichnet.

Wie entwickelt sich die Plattform Elektriker Österreich und welche Schritte sind hier als nächstes geplant?

Die Plattform ist auf einem sehr guten Weg, was aber weniger nur an der Kunst der Bundesinnung liegt, sondern vielmehr an allen, die mittlerweile mit an Bord sind und äußerst engagiert die Branche mit vereinten Kräften weiterentwickeln.

Darauf läuft auch unsere momentan wichtigste Initiative hinaus – die Expertengruppen. Darin haben sich zu insgesamt acht Schwerpunktthemen – wie Brandschutz, Schaltgeräte oder Energieeffizienz – die kompetentesten Köpfe unseres Landes zusammengetan, um die Elektrotechnik voranzubringen. Gestützt durch Industrie, Großhandel und Gewerbe will sich der Verein Elektriker Österreich so breit wie möglich aufgestellen und auch so klar wie möglich politische Positionen beziehen.

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