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Freitag, 16. Januar 2026
Aus der E&W 12/2025

„Die Goldgräberstimmung ist vorbei“

Photovoltaik Energiezukunft | Julia Jamy | 19.12.2025 | |  
Mehr als 400 Besucher trafen sich Anfang November in Wien zur Fachtagung für Photovoltaik & Stromspeicherung. Mehr als 400 Besucher trafen sich Anfang November in Wien zur Fachtagung für Photovoltaik & Stromspeicherung. (© J.Jamy) Anfang November war es wieder so weit: Mehr als 400 Branchenvertreter aus dem In- und Ausland trafen in Wien zusammen, um über die Zukunft der österreichischen Energieversorgung zu diskutieren. Die Österreichische Fachtagung für Photovoltaik & Stromspeicherung – organisiert von der Technologieplattform Photovoltaik (TPPV) und dem Bundesverband Photovoltaic Austria (PV Austria) – machte heuer eines besonders deutlich: Die Energiezukunft Österreichs steht und fällt mit verlässlichen Rahmenbedingungen.

Die Branche steht aktuell vor großen Herausforderungen: Ein deutlicher Marktrückgang und unklare politische

Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (Mitte) stellte sich gleich zum Auftakt der PV-Fachtagung den drängendsten Fragen der PV- und Speicherbranche. (©J.Jamy)

Rahmenbedingungen bremsen aktuell die Dynamik. Mit lediglich 305 Megawatt (MW) PV-Zubau im dritten Quartal setzt sich der rückläufige Trend fort und das jährliche Ausbauziel von 2.000 MW rückt damit in weite Ferne. Nach rund 1.000 MW in den ersten drei Quartalen drohe für 2025 ein massives Zieldefizit. Daher stellte sich Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner gleich zum Auftakt der PV-Fachtagung den drängendsten Fragen der PV- und Speicherbranche: Wie ist der Stand beim Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) und wie geht es 2026 mit den Förderungen weiter? Bezüglich ElWG betonte Zehetner: „Wenn man Erneuerbare Energie für Österreich wirklich nutzbar machen möchte, braucht es drei zentrale Elemente. Ich muss lokal erzeugen, lokal verbrauchen und lokal speichern. Mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz schaffen wir dafür die grundlegendenden Rahmenbedingungen. Ich glaube, es ist uns in weiten Strecken gelungen, aber es gibt natürlich einige Themen in diesem Elektrizitätswirtschaftsgesetz und dem ersten Vorschlag, den wir zur Begutachtung ausgeschickt haben, der für Reibung gesorgt hat.“

Wann genau die Branche mit dem Gesetz rechnen kann, konnte sie nicht sagen: „Momentan sind wir dabei, die Regierungsvorlage zu finalisieren. Wir nehmen diese großen Hürden und den Aufschrei aus der ersten Begutachtungsphase ernst und schauen, wie wir das jetzt so umsetzen können, dass wir trotzdem am Ende das Ziel erreichen – nämlich unseren Strommarkt so fit zu machen, dass wir möglichst schnell bei wenig Netzbelastung viel mehr Erneuerbare Energie ins System bekommen. Dann erreichen wir am Ende des Tages auch 100 % erneuerbaren, bilanziellen Strom bis 2030. Ich bin noch immer zuversichtlich, dass wir es bis Ende des Jahres schaffen.“ Konkreter wurde Zehetner hingegen bei der Förderthematik: „Wir entwickeln das Fördersystem konsequent weiter: Wir wollen mehr Marktintegration, mehr Wettbewerb und mehr Effizienz bei den Erneuerbaren. Dabei greifen wir auch zentrale Empfehlungen aus dem aktuellen Evaluierungsbericht auf.“ Aktuell arbeitet das Ministerium an einer größeren Novelle des EAG, mit der u. a. Batteriespeichern künftig eine stärkere Rolle im Fördersystem zukommen soll.

„Riesiges Erfolgsmodell“

Bernd Vogl, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds und in dieser Funktion Sponsor-Partner des Events, betonte die zentrale Rolle des ElWG für die gemeinschaftliche Energieerzeugung. Energiegemeinschaften seien ein „riesiges Erfolgsmodell“ – inzwischen gebe es rund 5.000, Tendenz täglich steigend. Wenn sich nun der gesetzliche Rahmen ändere, müsse man genau überlegen, wie dieser Erfolg weitergeführt werden könne. Besonders erfreulich sei, dass Energiegemeinschaften zeigten, wie groß die Akzeptanz erneuerbarer Energie in der Bevölkerung inzwischen sei und wie sehr das Bedürfnis nach Unabhängigkeit wachse. Für das neue ElWG sind mehrere Anpassungen geplant: Der sehr eng gefasste „Nahbereich“ von Energiegemeinschaften soll erweitert werden. Die Teilnahme energiearmer Haushalte soll leichter möglich sein. Außerdem sollen eingebrachte Erzeugungsanlagen klar geregelt werden. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft das Diskriminierungsverbot: Derzeit kann ein Energieversorger einzelne Mitglieder ablehnen – das soll künftig nicht mehr möglich sein. Ebenso sollen Energiegemeinschaften künftig netzbetreiberübergreifend funktionieren können, was besonders für jene an Netzgrenzen relevant ist.

Unsicherheiten

Herbert Paierl, Vorstandsvorsitzender von PV Austria, zeichnete das Bild der aktuellen Stimmung in der Branche: „Mit der Planungssicherheit hatten wir zuletzt große Probleme. Es sind Diskussionen aufgekommen – etwa über die Abschaffung der Mehrwertsteuer oder das Abschöpfen von sogenannten Übergewinnen –, die alles andere als Sicherheit gebracht haben. Jede Verteuerung der heimischen Produktion trifft uns hart. Wenn wir im Inland zu teuer werden, dann fallen die Investitionen eben woanders an. Das betrifft nicht nur die PV, sondern genauso Wind, Wasser und Biomasse.“ Die Lage sei für viele Unternehmen inzwischen angespannt: „Wir haben keine Goldgräberstimmung und die jüngsten Insolvenzen zeigen, wie ernst es ist.“
Gleichzeitig hob er positive Entwicklungen hervor: Die Verlängerung der EAG-Förderung für nächstes Jahr ist ein großes Lob wert. Das ist genau die Art von Zusammenarbeit, die wir uns wünschen und ein Musterbeispiel für Planungssicherheit.“

Ein besonderes Anliegen formulierte er zum Schluss deutlich: „Bitte sorgen wir gemeinsam dafür, dass keine zusätzlichen bürokratischen Hürden entstehen. Jede unnötige Auflage verteuert das Produkt und am Ende die Kilowattstunde. Das will weder die Politik noch die Gesellschaft, noch wir. Unser Ziel ist es, so effizient und kostengünstig wie möglich zu produzieren.“
Hubert Fechner, Obmann der TPPV, ging näher darauf ein, was für ein Potenzial das ELWG als Transformationskraft auch für das heimische Stromsystem und darüber hinaus birgt: „Ich bin überzeugt davon, dass das ELWG wirklich die Grundlage dafür bildet, die Energieumgestaltung, vor der wir stehen, voranzubringen, zu beschleunigen und vor allem für klare Rahmenbedingungen zu sorgen. Wir sehen zunehmend, dass sich PV-Speichersysteme bis zu einem gewissen Grad aus der Netzfinanzierung herausnehmen, weil sie ihre Energie hinter dem Zählpunkt bereitstellen.“

Fechner machte klar: „Wir dürfen uns nicht diesem verbreiteten Gedanken anschließen, wir hätten zu viel Energie. Das ist aus meiner Sicht ein völlig falscher Ansatz. Wir haben nicht zu viel – im Gegenteil, wir haben viel zu wenig. Denn wir dürfen nicht nur auf den Strom schauen, sondern auf das gesamte Energiesystem, in dem wir immer noch einen fossilen Anteil von etwa 60 Prozent haben. Das bedeutet: Wir brauchen eine klare, starke Elektrifizierung. Für die Energiewende braucht es jetzt wirklich einen kräftigen Schub. Und immer deutlicher wird, dass die Photovoltaik dabei die Schlüsseltechnologie ist. PV-Speichersysteme sind entscheidend für die Elektrifizierung und für die Dekarbonisierung. Und je klarer und besser die Rahmenbedingungen sind, desto leichter wird es für die Investoren, ihre Rolle einzunehmen und in Österreich einen starken Wirtschaftszweig aufzubauen.“

Unsichtbare Infrastruktur

Ein weiteres Highlight am ersten Tag war die Keynote von Peter Klimek, Direktor des Supply Chain Intelligence Institute Austria. Er zeichnete ein präzises Bild der globalen Lieferketten oder jener „unsichtbaren Infrastruktur“, wie er sie nennt, „ohne die kein moderner Alltag funktionieren würde“. Klimek erläuterte, wie sich die Verwundbarkeit dieser Systeme verschiebt: weg von Rohstoffen, hin zu strategischen Zwischenprodukten, bei denen Europa oft stärker abhängig ist als gemeinhin angenommen. Zugleich zeige der Einsatz moderner KI-Methoden, wie viele Risiken bislang im Dunkeln lagen. Dabei gehe es nicht um Alarmismus, sondern um Realismus und um Chancen. Klimek zeigte anhand konkreter Beispiele, wo Europa in einem Umfeld geopolitischer Spannungen und globaler Überkapazitäten dennoch strategische Stärken entwickeln kann. Besonders betonte er die Bedeutung zirkulärer Geschäftsmodelle und Second-Life-Anwendungen, die nicht nur Ressourcen schonen, sondern auch neue Wertschöpfung ermöglichen sollen.

Der Physiker und langjährige Solarforscher Arnulf Jäger-Waldau bot einen Ausblick auf die zukünftige globale PV-Entwicklung und welche Kapazitäten es für das Gelingen der Energiewende brauchen würde. (©PV Austria)

Globaler Blick 

Der zweite Tag der Veranstaltung startete mit einem Vortrag des Solar-Forschers Arnulf Jäger-Waldau zur zukünftigen globalen PV-Entwicklung – mit besonderem Fokus auf die EU. Der Physiker erklärte, dass man trotz der jüngsten Regularien und Unterstützungsmaßnahmen (Stichwort „Green Deal”) zuvor – von 2012 bis 2016 – bereits fünf Jahre für den PV-Ausbau praktisch verloren habe. Demgegenüber stehe ein starkes Wachstum seit 2022, wobei sich die Kurve aktuell merklich abgeflacht habe. „Längerfristig geht es dann aber sicherlich wieder bergauf”, so der Experte, der natürlich auch jede Menge Zahlen parat hatte: So liege die installierte PV-Kapazität in der EU derzeit bei etwa 700 Watt per capita, jedoch mit enormen Unterschieden zwischen den einzelnen Staaten. „Wenn wir wirklich an eine Energiewende denken, in der wir erneuerbare Energie haben wollen, d.h. nicht nur Strom, dann ist einer der Hauptpfeiler die Solarenergie. Und das bedeutet für die Europäische Union, dass wir pro Einwohner 12,3 Kilowatt brauchen”, führte Jäger-Waldau weiter aus.

Weltweit lag der PV-Zubau im Vorjahr übrigens bei etwa 600 Gigawatt Neuinstallation (nominal), wobei China mit rund 350 GWp den Löwenanteil ausmachte (EU gesamt: ca. 64 GWp) – und auch bei der kumulierten PV-Ausbauleistung mit deutlich über 1.000 GWp von insgesamt rund 2.200 GWp weltweit klar die Nase vorn hat. Interessant sei in diesem Zusammenhang, dass dort, wo Marktbarrieren minimiert und Märkte sich wirklich entwickeln können, der eigentliche Markttrend „gar nicht so weit von dem entfernt“ sei, was es für das Erreichen der Klimaziele brauche. Ein großes Fragezeichen stehe allerdings hinter den von China getriebenen Marktentwicklungen: „Entlang der Wertschöpfungskette haben wir ungefähr doppelt so viel Produktionskapazität wie der Markt im Moment ausmacht, und es ist kein Ende dieser Expansion abzusehen. Denn letztendlich beschweren wir uns ja, dass sehr billige Waren nach Europa kommen, auf der anderen Seite müssen wir aber sehen, dass China die Welt quasi mit billiger Energie subventioniert.” 

Enormer Bedarf 

In ihrem Vortrag „Deep Dive Stromspeicher: Flexibilitäts- und Speicherbedarf im österreichischen Energiesystem” gingen Moritz Wenclawiak (APG) und Robert Gaugl (TU Graz) auf verschiedene Szenarien bis 2030, 2040 und 2050 ein und hielten fest, dass sich allein bis 2040 die PV- und Windkapazitäten vervierfachen würden und der Strombedarf von rund 74 TWh auf 125 TWh steigen werde (bei gleichzeitig maßgeblicher Effizienzsteigerung durch Elektrifizierung). 

Das bedeute, der untertägige Verlagerungsbedarf werde sich bis 2040 versechsfachen – wobei Batterien die Basis für kurzfristige und dezentrale Flexibilität liefern würden. Es brauche insgesamt 8,7 GW an Batteriespeicher im Verhältnis 2:1 zwischen Klein- und Großspeichern. 2024 wurden 464 MW an Batterieleistung zugebaut – bis 2030 seien 674 MW / Jahr notwendig, dann bis 2040 jährlich noch 362 MW. In Kombination mit Pumpspeichern, deren Kapazität ebenfalls deutlich gesteigert werden müsse, ließen sich dann selbst längere Phasen trockener Dunkelflauten im Winter überbrücken.   

Dazu passend stellte Christian Messner vom AIT in seinem Vortrag „Stromspeicher im Härtetest: Praxisdaten und Erfahrungen aus Labortests und Feldmessungen“ u.a. das Projekt EVO-BATT-PZA vor, das seit 1. Februar dieses Jahres läuft und 36 Monate lang bis zu 33 Batteriespeichersysteme unterschiedlicher Größenordnung an österreichweit 15 Standorten  analysiert. Erklärtes Ziel ist es, eine Methodik und Kennzahlen zur vergleichbaren und offenen Bewertung von Batteriespeichersystemen zu entwickeln.   

Sicherheit & Mehr 

Am Ende der Fachtagung wurden im Themenblock „Sicher in jeder Lage” noch  Brandschutzstrategien für PV-Fassaden und Batteriespeicher erläutert (u.a. auf Basis der neuen Batterien-VO) sowie im Themenblock „Sonnenstrom ohne Grenzen” noch Anwendungsfälle der Sektorenkopplung – Power-2-Heat und Wasserstoffproduktion – beleuchtet. 

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