Technologie als Treiber
Dominik Schebach Wer gehofft hatte, dass das neue Jahr ein wenig Entspannung bringt, wurde enttäuscht. Der internationale News-Cycle hat sich über Weihnachten nicht beruhigt. Zwischen den atemlosen Eilmeldungen über die vom US-Präsidenten künstlich gepushten Krisen sind allerdings einige Nachrichten untergegangen, die meiner Ansicht nach für die Branche bzw. die Wirtschaft als Ganzes höchst interessant sind.
So kündigte Amazon im Jänner an, 16.000 Stellen in der Verwaltung zu streichen; Anfang Februar kletterte die Börsenbewertung des US-Handelskonzerns Walmart als erster traditioneller Handelskonzern auf über 1.000 Mrd. Dollar; und Ende Jänner beklagte schließlich Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, die Technologieskepsis in Europa, welche den Wohlstand in Europa zunehmend gefährde. Das verbindende Element hinter diesen drei Meldungen ist die technologiegetriebene Veränderung der Wirtschaft. Und das Tempo nimmt zu.
Fangen wir bei der Meldung zu Amazon an. Bei mehr als 1,5 Millionen Mitarbeitern weltweit erscheint die Ankündigung eines Abbaus von 16.000 Stellen vernachlässigbar. Interessant ist allerdings, wer gekündigt wird: Demnach werden die Einschnitte vor allem die Verwaltung betreffen. Der Konzern reagiert damit auf den Umstand, dass immer mehr Verwaltungsabläufe durch KI automatisiert werden. Gleichzeitig will der Online-Gigant allerdings weiterhin in strategische Wachstumsbereiche – sprich künstliche Intelligenz – investieren und dort auch zusätzliches Personal anheuern.
Radikal umgebaut hat sich derweil Walmart. Der Konzern, der allein im vergangenen Jahr laut NYT 28 % an der Börse an Wert gewonnen hat, verfolgt seit Jahren eine konsequente Modernisierungspolitik. Der Grundstein wurde mit Zukäufen von Technologie und der Neuausrichtung des Geschäftsmodells bereits vor zehn Jahren gelegt. Seither hat sich Walmart als leistungsfähiger Omni-Channel-Champion etabliert, der die gesamte Klaviatur vom stationären Handel, E-Commerce einschließlich Same-Day-Delivery, Pick-up-Stores, eigenen Online-Finanzdiensten für seine Kunden, einem Marktplatz für Drittanbieter usw. bespielt. Dazu gehört auch der umfassende Einsatz von KI in der Logistik oder im Kundenkontakt. Gegenüber Investoren präsentiert sich Walmart als eine „technology-forward“ Company, weswegen die Aktien des Konzerns mit 80-jähriger Geschichte nun an der Technologiebörse NASDAQ gehandelt werden.
Unternehmen erwarten sich durch den Einsatz von KI vor allem Effizienzsteigerungen und Umsatzwachstum. Nur wenige sind aber auch bereit, ihr Geschäftsmodell entsprechend anzupassen.
Während aber diese Konzerne Technologie umarmen und Veränderungen aktiv vorantreiben, stehen viele Menschen den neuen Entwicklungen abwartend bis ablehnend gegenüber. Bei der Bilanzpressekonferenz der Robert Bosch GmbH, u.a. Konzernmutter der BSH Hausgeräte, beklagte deswegen der Vorsitzende der Geschäftsführung Stefan Hartung die tiefsitzende Technologieskepsis in Europa. So äußerte sich Hartung besorgt über die Ergebnisse des Bosch Tech Compass, einer Umfrage des Unternehmens zur Einstellung der Bevölkerung in wichtigen Industrieländern zu neuen Technologien. Dabei hätte sich gezeigt, dass weniger als zwei Drittel der Deutschen an die positive Wirkung des technischen Fortschrittes glauben. In Frankreich waren die Werte sogar noch niedriger. Man kann davon ausgehen, dass Österreich sich hier auf einer ähnlichen Flughöhe bewegt. Nach Ansicht des Bosch-Chefs könne ein Land allerdings nur dann im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn ein ausreichender Wille zum technischen Fortschritt erkennbar sei. Dabei zeigte sich im Bosch Tech Compass besonders beim Trend in Richtung KI der Unterschied zwischen Europa und dem Rest der Welt: Denn weltweit gesehen halten 71 % der Befragten KI-Skills für entscheidend, um in der Zukunft erfolgreich zu sein. Besonders ausgeprägt ist diese Einschätzung in China (91 %) und Indien (89 %), während westliche Länder wie Deutschland (60 %) und Frankreich (56 %) die Relevanz von KI-Kompetenzen niedriger bewerten.
Erschwerend kommt hinzu, und damit bin ich beim letzten Punkt meiner Argumentation, dass viele Unternehmensführer noch immer keine klare Vorstellung davon haben, wie sie KI in ihren Unternehmen einsetzen können – oder wollen. Fairerweise muss man sagen, dass dieses Problem nicht nur Österreich oder Europa betrifft. In der aktuellen Studie „The State of AI in the Enterprise“ kommt Unternehmensberater Deloitte zu einem eher ernüchternden Ergebnis: Unternehmen erwarten sich durch den Einsatz vor allem Effizienzsteigerungen und Umsatzwachstum. Nur wenige sind aber auch bereit, ihre Geschäftsmodelle entsprechend anzupassen. Damit sich der Nutzen von Künstlicher Intelligenz langfristig einstellt, braucht es jedoch genau diesen Umbau. So zeigt zwar die weltweite Befragung von rund 3.000 Führungskräften, darunter auch 50 aus Österreich, dass in vielen Unternehmen immer mehr Mitarbeiter mit verschiedenen KI-Tools arbeiten, eine übergreifende Strategie zur Nutzung der neuen Technologie aber oft fehlt. So hatte nur rund ein Drittel der Unternehmen die Einführung von KI-Tools zum Anlass genommen, auch über die eigenen Geschäftsmodelle nachzudenken. Ein weiteres Drittel der Unternehmen nutzt KI-Tools dagegen nur, um einzelne Prozesse zu verbessern. Das restliche Drittel an Unternehmen setzt KI dagegen nicht oder nur sehr oberflächlich ein.
Man könnte auch sagen, die Wirtschaft befindet sich gerade in Bezug auf den Einsatz von KI weltweit im Umbruch. Die Pilotphase haben wir mehrheitlich bereits hinter uns gelassen und wir befinden uns am Übergang zur allgemeinen Nutzung von Künstlicher Intelligenz in einer Reihe von Branchen wie Handel, Industrie oder Logistik. Gleichzeitig stecken wir allerdings auch fest, denn gerade für KMU erweist sich dieses Scale-up als herausfordernd. Es ist ein Unterschied, ob ich ein KI-Tool zur Erstellung eines Kataloges verwende, einen KI-Agenten mit einem Satz von Regeln als First Level Contact im Call Center einsetze, oder ob ich einem KI-System die Steuerung meiner Planungs- und Logistikprozesse anvertraue. Jedes dieser Szenarios bringt bei richtiger Umsetzung deutliche Vorteile für das Unternehmen, aber gleichzeitig geht es mit jedem Schritt tiefer in die Substanz, wachsen die Anforderungen bei der Implementierung und müssen Mitarbeiter und Führung das Werkzeug KI besser beherrschen. Andererseits dürfen wir diese Herausforderungen nicht ignorieren. Denn die Veränderung in der Wirtschaft durch diese Technologie werden uns alle betreffen.

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