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Montag, 9. März 2026
Wenn die KI die Arbeitsbelastung erhöht

Mit dem Boomerang-Effekt ins Burnout

Über den Rand | Dominik Schebach | 22.02.2026 | Bilder | |  Meinung
(© pixabay/fancycrave) Derzeit überschlagen sich die Jubelmeldungen über Künstliche Intelligenz betreffend Effizienzsteigerung und Arbeitsentlastung. Wie allerdings eine Studie in den USA jüngst zeigte, kann sich der unreflektierte Einsatz von Künstlicher Intelligenz gerade für Bildschirmarbeiter als Boomerang erweisen. Anstatt für Arbeitsentlastung zu sorgen, kommt das Burn-out und die Gefahr betrifft vor allem die Highperformer.

Die beiden US-Wissenschaftlerinnen Aruna Ranganathan und Xinqi Maggi Ye an der University of California haben über acht Monate 200 Mitarbeiter in einer Tech-Company in den USA begleitet. In diesem – zugegeben höchst kompetitiven – Umfeld sorgte der Einsatz von KI zum Erstaunen der beiden Wissenschaftlerinnen nicht zu einer Arbeitsentlastung. Die kurzfristige Effizienzsteigerung der Mitarbeiter führte vielmehr dazu, dass diese mit der Hilfe von KI zusätzliche Aufgaben übernahmen, länger arbeiteten und auf Pausen verzichteten.

Kurzfristig war dies für das Unternehmen durchaus gewinnbringend. Die Mitarbeiter, welche mehr mit KI experimentierten – die Einsatz von KI-Tools wurde nicht vorgeschrieben, sondern nur „gefördert“ – übernahmen mit der Zeit immer mehr Aufgabe, weil es möglich war. Das Problem wurde erst nach einem gewissen Zeitraum sichtbar. „Sobald die anfängliche Begeisterung fürs Experimentieren nachlässt, stellen Beschäftigte oft fest, dass ihre Arbeitsbelastung unbemerkt gestiegen ist, und fühlen sich überfordert, weil sie plötzlich so vieles gleichzeitig bewältigen müssen. Diese schleichende Zunahme der Arbeitslast kann wiederum zu kognitiver Ermüdung, Burnout und einer beeinträchtigten Entscheidungsfähigkeit führen“, schrieben Aruna Ranganathan und Xinqi Maggi Ye in ihrem Bericht.

Verlockende Werkzeuge

Der Bericht zeigt, dass wir uns in einem Echtzeit-Experiment zur Umgestaltung der Arbeitswelt befinden. Und so verlockend die neuen Werkzeuge oft erscheinen, wir müssen mit einem wachen Blick in diese schöne neue Welt schreiten. Denn wie die Studie zeigte, sind es vor allem drei Praktiken, welche zur Überlastung der Mitarbeiter führten.

Da war einerseits die „Task Expansion“. Die Mitarbeiter übernahmen mehr Aufgaben, weil die KI Kompetenz- oder Wissenslücken ausfüllten. So begannen plötzlich PM und Designer Programme zu schreiben – eine Aufgabe, die sie in der Vergangenheit an die Entwicklungsabteilung ausgelagert hätten. Die Entwickler fanden sich wiederum plötzlich in einer Rolle als KI-Trainer und Qualitätssicherung wieder usw. usf.

Gleichzeitig verschwammen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Die Versuchung, noch schnell einen Prompt für die KI zu generieren, erwies sich als zu groß. Das fühlte sich zwar für die Mitarbeiter nach den Erkenntnissen von den beiden Forscherinnen nicht als Arbeit an, führte allerdings dazu, dass die Mitarbeiter weniger Ruhezeiten hatten.

Schließlich verführte der Einsatz von KI-Agenten zu einem ständigen Multitasking. Die Mitarbeiter waren laufend damit beschäftigt mehrere parallele Entwicklungen zu überwachen, anstatt sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Ein Teufelskreis für Highperformer

Nach den Erkenntnissen der beiden Forscherinnen führte dies zu einem Teufelskreis. KI erleichterte die Bewältigung von Aufgaben leichter und schneller, weswegen die Erwartungen stiegen, was wiederum zu mehr Druck und zu einem verstärkten Einsatz von KI im Unternehmen führte, womit gerade die Highperformer aber auch wieder zusätzliche Aufgaben annahmen usw. – was schlussendlich zu einer steigenden Belastung dieser Mitarbeiter führte. „Man dachte vielleicht, dass man durch die höhere Produktivität mit KI Zeit spart und weniger arbeiten kann. Aber in Wirklichkeit arbeitet man nicht weniger. Man arbeitet genauso viel oder sogar mehr“, zitieren die beiden Forscherinnen einen der Entwickler in dem Unternehmen.

Das war möglich, weil gerade motivierte Mitarbeiter mit dem neuen Produktivitäts-Tool KI experimentieren und davon begeistert ihre Grenzen laufend verschieben. Wie die Untersuchung gezeigt hat, sind durch den Einsatz von KI allerdings auch die vielen kleinen Pausen, welche heute unseren Arbeitsalltag durchsetzen, verschwunden. Diese Pausen, während wir auf Informationen warten oder uns mit Kollegen abstimmen, sind allerdings nicht „verschwendete Zeit“, sie sind Ruhephasen, in denen sich das Gehirn erholen oder auch unbewusst ein Problem wälzen kann.

Einsatzregeln

Und während Unternehmen die Effizienzsteigerung als Gewinn sehen mögen, maskiert der zunehmende Output ein wachsendes Problem im Hintergrund. Denn viele Mitarbeiter schlittern durch die erhöhte Arbeitsbelastung ins Burnout. Man könnte auch sagen, der Einsatz von KI erweist sich gerade für diejenigen, welche sich als erstes mit dem Tool beschäftigen und davon begeistert sind, als Danaergeschenk.

Deswegen allerdings den Einsatz von KI als Ganzes abzulehnen, führt allerdings genauso in die Sackgasse. Denn Unternehmen können nach Ansicht von Ranganathan und Xinqi Maggi Ye ihre Highperformer schützen und so die Früchte des KI-Booms ernten. Dazu empfehlen sie eine entsprechende Organisation im Arbeitsablauf, welche die Mitarbeiter vor störenden Einflüssen schützt und Projekte zu einem Abschluss bringt, bevor die Mitarbeiter neue Aufgaben annehmen. Genauso wichtig seien ihrer Ansicht allerdings auch die menschlichen Teams, welche für die notwendige Bodenhaftung der Mitarbeiter sorgen. „Indem Organisationen gezielt Zeit und Raum für Zuhören und Dialog verankern, betten sie Arbeit wieder stärker in einen sozialen Kontext ein und wirken den auszehrenden, individualisierenden Effekten schneller, KI-vermittelter Arbeit entgegen“, so die beiden Wissenschaftlerinnen abschließend.

Denn der Einsatz von KI-Tools macht es zwar einfacher, mehr zu erledigen, aber gleichzeitig auch schwerer, aufzuhören. Klare Vorgaben können hier ein Gegengewicht darstellen, um diese notwendigen Pausen und Feedbacks im Arbeitsprozess zu erhalten. Denn die Frage sei nicht, ob KI unseren Arbeitsalltag verändere, sondern ob wir diesen Veränderungsprozess aktiv gestalten können.

 

Bilder
(© pixabay/fancycrave)
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