Wider die Entmenschlichung
Wolfgang Schalko Wir Menschen sind bekanntlich fehlerhafte Wesen, haben Ecken und Kanten und lassen unser Verhalten nur bedingt vorausberechnen. Und doch sind es genau diese vermeintlichen Mankos, die uns auszeichnen. Die uns zu Persönlichkeiten machen und uns abheben. Das wird umso deutlicher, je weiter Digitalisierung und Automatisierung unter dem momentan alles vereinnahmenden Schlagwort „Künstliche Intelligenz” – kurz: KI – voranschreiten. Der perfekte Mensch (und das ist jeder von uns auf seine ganz spezielle Weise) hat seine Makel – die perfekte Maschine (was auch immer das sein sollte) bestenfalls gut getimte Serviceintervalle.
Service – ein Stichwort, das mich auf ein Erlebnis bringt, das ich kürzlich bei einem Fachhändler im Waldviertel hatte. Ich war in diesem Geschäft, das bereits durch die bemerkenswerte Kombination aus (Berufs-)Fotografie, Telekom und hochwertige Bio-Produkte auffällt, um einen Tarif für meinen frisch verlegten Glasfaseranschluss anzumelden. Während der bei solchen Prozessen üblichen Wartezeit (Stichwort Papierkram) lauschte ich dem Verkäufer neben mir, an den sich eine etwas betagtere Dame mit ihrem offenbar neuen Mobiltelefon gewandt hatte, um sich über die korrekte (weil nun etwas anders gestaltete) Bedienung aufklären zu lassen. Der Bildschirm werde immer so schnell dunkel, dass sie mit dem Lesen gar nicht nachkäme. Irgendwelche Pop-up-Fenster würden ihr die Eingabe verunmöglichen. Und so weiter, und so fort. Mit einer Engelsgeduld arbeitete der junge Mann Punkt für Punkt ab – und brachte die (überaus dankbare) Kundin quasi in die digitale Jetztzeit. Bei manchen Fragen habe ich mir vorgestellt, ob und wie ein (angeblich ja so intelligenter) Chatbot mit dieser Situation zurecht gekommen wäre. Ich bin mir sicher, er wäre am „Faktor Mensch” kläglichst gescheitert.
In Anlehnung an den bekannten Slogan einer Fachhandels-Kooperation ist festzuhalten, dass Service also tatsächlich den Unterschied macht. Nicht nur zwischen Fachhändlern und anderen Vertriebskanälen, sondern viel mehr noch zwischen Menschen und Maschinen. Wie ungemein erbauend und ergiebig ein Gespräch von Mensch zu Mensch sein kann, durfte ich kurz darauf – und das ist eine Geschichte, die ob der Zufälligkeit des Zustandekommens auch nur das Leben hatte schreiben können – mit dem scheidenden Chef der oben genannten Kooperation, Friedrich Sobol, erleben. Was er in seinem Abschiedsinterview zu sagen hatte, können Sie in Kürze in der Titelgeschichte der E&W-Märzausgabe lesen. Mehr will ich dazu nicht verraten, außer, dass ich mir beim Verfassen des Textes wieder Gedanken darüber machte, wie das Ganze wohl aus der „Feder” einer KI klingen würde. Anders jedenfalls, da bin ich mir sicher – ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, dieses Experiment zu wagen…
Was ich an der gesamten Thematik so verstörend finde, ist die Zeit, die ich durch die schiere Omnipräsenz von KI gezwungen bin aufzuwenden, um mich mit ihr auseinanderzusetzen. In einem Maß, das noch weit über die schon schier unerträgliche Penetration der (a-)sozialen Medien hinausgeht. Doch zu wissen bzw. zumindest einigermaßen einschätzen zu können, wohin die technologische Reise geht, scheint mir ein Gebot der Stunde zu sein – denn zu groß wirkt die Gefahr auf mich, dass die KI durch die unternehmerische Wildwest-Mentalität ihrer Besitzer jenen Kippunkt erreicht und überschreitet, an dem wir – wir Menschen – die Kontrolle verlieren. Vielleicht nicht gleich so offensichtlich oder in sämtlichen Bereichen – aber immerhin. In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich das schöne Wort „Entmächtigung” gelesen. Denn ganau das ist es, woran wir – ja, wir Menschen – unter immer ausgefeilteren Verlockungen der Tech-Giganten munter (mit-)arbeiten. Es klingt makaber, aber für mich gestaltet sich die aktuelle Entwicklung über weite Strecken so, als würden wir grinsend und pfeifend an unserem eigenen Grab schaufeln, um uns dann zu gegebener Zeit freudestrahlend hineinzustürzen. Ich kann mich daher nur – und besonders, wenn ich die „Reformvorhaben“ für unser Schulsystem vernehme – dem Autor Christian Felber anschließen, der in einem „Standard“-Beitrag mehr „Natürliche Intelligenz” forderte. Nach dem Vorbild der „FCKW-frei”-Aufkleber schwebt mir schon seit einiger Zeit das Etikett „100% KI-frei” vor – schließlich ist die E&W ein Produkt, das ein solches Qualitätskriterium seit jeher erfüllt und auch weiterhin erfüllen wird. Versprochen!
Dass „Entmenschlichung” auch in anderen Bereichen und auf völlig anderen Ebenen ihre fatale Wirkung entfalten kann, schilderte ein ehem. leitender Audi-Entwickler in einem Zeitungsbeitrag, in dem er den phänomenalen Aufstieg und nun einsetzenden Niedergang der deutschen bzw. europäischen Autoindustrie analysierte. Demnach beruhte deren Erfolg in den „Boomerjahren” ab Mitte der 1960er auf „drei Faktoren, deren Balance uns heute leider abhandengekommen ist: Der Gesellschaft und ihrem ‚Zeitgeist‘ des Aufbruchs, dem Produkt als Antwort auf denselben, das ihn gleichzeitig mitprägte und den Marken bzw. den Menschen dahinter, die sowohl den Zeitgeist in die Produktentwicklung einbrachten und gleichzeitig die Marken entwickelten. Menschen prägen Marken, Marken prägen Menschen.” Ein von ihm genannter Aspekt stimmte mich besonders nachdenklich: „Jedes Unternehmen formte seine eigene Kultur (…) Es bedurfte keiner Anweisungen – wir wussten selbst, wie Entscheidungen umzusetzen waren und welchen kreativen Freiraum wir dabei nutzen konnten. Was für ein Kontrast: Heute hingegen werden oft produktprägende Entscheidungen im kleinsten Kreis, in Designstudios etc. getroffen und den ausführenden Mannschaften bleibt nur der Prozess der Umsetzung anstelle der eigenen Kreativität.” Statt sachlicher Analysen für die Ursachen der Probleme der europäischen Industrie würden einfach nur deren Führungskräfte in immer kürzeren Intervallen ausgetauscht. Und schlimmer noch: „Geführt wird nicht mehr mit den Menschen, sondern KPI-getrieben, in abgeschotteten Zirkeln – den Rest sollen Prozesse richten, anstatt einer motivierten und kreativen Mannschaft mit Liebe zum Detail das ausgestalten zu lassen, was Unternehmensführer als Leitlinie vorgeben. Und man vertraut internationalen Unternehmensberatern mehr als den eigenen Mitarbeitern. Das kann in einer Kultur von Individualisten, wie es Europa ist, nicht funktionieren. Das Ergebnis sind Produkte, die eben keiner klaren Vision mehr folgen und damit keine klaren Antworten auf die Fragen der Zeit und der Gesellschaft liefern.” Ich haben selten eine so pointierte Analyse dessen gelesen, was tagtäglich an (zum Teil völlig unnötigen) Problemen auf uns einprasselt. Könnte eine KI je zu so etwas im Stande sein? Ich muss schon wieder an den jungen Verkäufer denken…


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