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Freitag, 17. April 2026
Hausgeräte Kommentar E&W 4 / 2026

Fernab der Realität

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 05.04.2026 | Bilder | | 1  Meinung
Letztens erreichte mich die Presseaussendung eines Unternehmens. Der Grund: Das 100-jährige Jubiläum in Österreich. Man blickte darin zurück auf Meilensteine und eine bewegte Historie, voller Glanz und Gloria. Ich persönlich habe das aber irgendwie anders in Erinnerung.

Ich staunte nicht schlecht, als unlängst eine Aussendung von Royal Philips mit dem Titel „100 Jahre Philips in Österreich – ein Jahrhundert Innovation, Verantwortung und Zukunftsorientierung“ in mein Postfach flatterte. Da standen Dinge wie Royal Philips habe „eine tiefe Verwurzelung im Land Österreich“. Es war die Rede von geschichtsträchtigen Momenten, von Meilensteinen und davon, dass Österreich „bis heute einer der  zentralen Standorte“ sei, mit zahlreichen Vertriebs- und Serviceniederlassungen, mit Landesorganisation, Entwicklung und Produktion. Das las sich, als wäre Philips noch Philips, wie man es einst kannte. Ich sehe das etwas anders.

Womit ich allerdings d’accord gehe (auch wenn es vom Aussender sicherlich anders, als in meiner Wahrnehmung, gemeint war), ist die ebenso angesprochene „bewegte Geschichte“. Wobei „bewegt“ fast etwas untertrieben ist, denn das, was Royal Philips bis in die frühen 2000-er Jahre ausmachte, wurde scheibchenweise demontiert. Zunächst ging es einem Teil der „Speech“-Sparte an den Kragen. Dann stieg der einstige TV-Marktführer komplett aus dem Fernsehgeschäft aus und verkaufte seine Fernsehsparte an TPV Technology. Schließlich wurde der Audio-Bereich zunächst in Woox Innovations umgetauft und dann an das Unternehmen Gibson Brands verkauft. Dieses musste allerdings Insolvenz anmelden und so ging Audio schließlich ebenfalls an TPV. Dann wurde ebenso die Lichtsparte abgestoßen und last but not least die Haushaltskleingeräte, die nun unter dem Namen „Versuni“ der chinesischen Hillhouse Capital Group gehören.

Was die „bewegte Geschichte“ angeht, habe auch ich ein paar Anekdoten. So zB. das Interview mit einem der letzten Ö-GF, der während des Gesprächs mit mir im Hintergrund gekündigt wurde. Erst nachdem er mir in glühenden Worten geschildert hatte, wie toll das Unternehmen sei, für das er arbeitet, hat er von seiner Absetzung erfahren. Ich erinnere mich an Anrufe im legendären „Philips-Haus“ am Wiener Wienerberg (fast schon ein Wahrzeichen der Stadt), auf die allerdings niemand mehr reagierte, weil der allergrößte Teil der Belegschaft auf einen Schlag still und heimlich entlassen wurde. Ich erinnere mich an klagende Händler, die keine Außendienstbetreuung mehr bekamen und mit den Anliegen ihrer Kunden alleine gelassen wurden. Und ich erinnere mich noch gut an arrogante Unternehmensvertreter, die uns aus sicherer Entfernung weißmachen wollten, dass in Österreich „alles bestens” und „in Ordnung” sei …

Was besagte Unternehmensvertreter und auch die Verfasser oben erwähnter Aussendung versuchen zu kaschieren, ist: Royal Philips ist nicht mehr der große, mächtige Konzern, der in mehreren Produktsparten die Technologie- und Marktführerschaft innehatte. Royal Philips, bzw. das was noch davon übrig ist, agiert heute als Gesundheitsunternehmen, mit dem Fokus auf Medizintechnologie. Es geht ua. um radiologische Großgeräte, Angiografie-Systeme, Patientenmonitoring-Lösungen und Ultraschallsysteme. Im Endverbrauchergeschäft gibt es nur mehr Sonicare Zahnbürsten, den Rasierer OneBlade und das IPL Haarentfernungsgerät Lumea. Alles andere ging mit Lizenzvereinbarungen an andere, meist chinesische Eigentümer, und es steht zwar überall noch „Philips“ drauf, da ist aber fast nirgends mehr Philips drin.

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich möchte weder kleinreden was Royal Philips am Gesundheitssektor macht, noch möchte ich schlechtreden, was „Philipsferne“ Unternehmen mit der Marke „Philips“ machen. Da geschehen sicher tolle Dinge. Aber dieses Schönreden, von wegen welch‘ große Bedeutung der österreichische Markt heute noch für Royal Philips habe, wie sehr man doch verwurzelt sei, und das Vorgaukeln einer starken, breit  aufgestellten Marke; dieses Wegpolieren unangenehmer Kapitel, sodass nur mehr der Glanz toller Zeiten übrigbleibt, macht mich grantig. Es ist überhaupt nichts Verwerfliches daran, der Vergangenheit nachzuhängen und diese vielleicht auch zu glorifizieren. Aber was Royal Philips da abzieht, grenzt meiner Meinung nach an Verdrängung der Realität.

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Kommentare (1)

  1. Danke, genau so ist es, was sich aber selten wer sagen traut.
    Das Problem mit den Namen zieht sich aber durch, Telefunken, Grundig, Blaupunkt, Saba, Elektro Bregenz, Dual, AEG demnächst sogar andere wie Sony, Panasonic, habe sicher welche vergessen.
    Da fragt man sich schon wie im anderen Artikel geschrieben (Ob das ausreicht, um die europäischen Hersteller) wer sind die?

    7

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