BMWET und APG präsentieren Netzentwicklungsplan bis 2035
APG-Vorstandssprecher Gerhard Christiner, Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und APG-Finanzvorstand Marcus Karger (v.l.n.r.) bei der Präsentation des Netzentwicklungsplans.
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz stellten Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Vertreter der APG diese Woche den aktuellen Netzentwicklungsplan. Auf diesem basiert der konkrete Ausbaupfad für Österreichs Strominfrastruktur. In den kommenden zehn Jahren sollen rund 9 Milliarden Euro in den Um- und Ausbau des Netzes investiert werden – als Grundlage für Versorgungssicherheit, leistbare Energie und wirtschaftliches Wachstum. Als wichtigsten Faktor nannte man die rasche Umsetzung. Zugleich wurde das Bekenntnis zum Erneuerbaren-Ausbau bekräftigt, allerdings soll der Ausbau der Photovoltaik und auch von Batteriespeichern nicht übermäßig forciert werden.„Der Netzausbau entscheidet, ob Investitionen und Arbeitsplätze zu uns kommen – oder in andere Länder abwandern. Ohne leistungsfähige Netze gibt es keine leistbare Energie, keine industrielle Transformation und keinen wettbewerbsfähigen Standort. Rund 90.000 Beschäftigungsverhältnisse werden gesichert oder geschaffen, gleichzeitig entstehen fiskalische Effekte von rund 2,8 Milliarden Euro. Der Netzausbau ist damit ein zentrales Konjunkturprogramm für Österreich“, erklärte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer bei der Präsentation des Netzentwicklungsplans durch die Austrian Power Grid (APG).
Für ein zukunftsfittes Stromnetz brauche es demnach drei zentrale Voraussetzungen:
- Ausreichende Kapazitäten für steigende Nachfrage: Die Notwendigkeit des Ausbaus wird durch die aktuelle Marktentwicklung deutlich unterstrichen. Derzeit liegen Netzzugangsanfragen von über 12.000 Megawatt durch Batteriespeicher, 10.500 Megawatt aus Wind- und Photovoltaikprojekten, 4.700 Megawatt von Pumpspeichern, 1.900 Megawatt durch Industrie und Sektorkopplung (Wasserstoff) sowie ein weiterer Bedarf durch Rechenzentren von rund 2.500 Megawatt – macht in Summe über 31 Gigawatt an zusätzlichem Bedarf. „Die Nachfrage zeigt klar: Investitionen folgen der Infrastruktur. Für die Industrie ist entscheidend, dass Strom in ausreichender Menge und zu einem günstigen Preis verfügbar ist. Kapazitätsstarke Leitungen sichern günstige Strompreise. Umspannwerke sind wie große Steckdosen, an die sich Industriebetriebe anschließen können. Der Netzausbau ist daher die Voraussetzung für industrielle Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit“, betonte Gerhard Christiner, Vorstandssprecher der APG.
- Leistungsfähige Ost-West-Übertragung: Für ein funktionierendes Energiesystem muss Strom effizient durch ganz Österreich transportiert werden können. Insbesondere die Verbindung zwischen Ost und West ist entscheidend, um erneuerbare Energie optimal zu nutzen und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
- Stärkere internationale Anbindung: Günstiger Strom muss auch nach Österreich gelangen können. Eine stärkere Integration in den europäischen Strommarkt – insbesondere durch die Deutschlandleitung – ist daher ein zentraler Bestandteil eines zukunftsfiten Stromsystems.
Konkrete Projekte sichern Transformation
Der Netzentwicklungsplan umfasst eine Vielzahl konkreter Projekte im ganzen Land. Dazu zählen unter anderem der Ausbau im Zentralraum Oberösterreich als Grundlage für die industrielle Transformation – etwa im Bereich klimaneutraler Stahlproduktion –, die Deutschlandleitung zur stärkeren Integration in den europäischen Strommarkt sowie große Netzausbaucluster im Osten Österreichs zur Integration erneuerbarer Energien.
Das größte Projekt, das sich derzeit in Planung befindet, ist der Ausbau der 380-kV-Leitung in Kärnten. Derzeit findet die Detailplanung der Trasse statt, bei der in einem intensiven Stakeholder-Prozess alle wesentlichen Akteure eingebunden sind.
Alle Projekte sollen dafür sorgen, dass Strom künftig effizient, planbar und genau dort verfügbar ist, wo er gebraucht wird – in der Industrie, in den Regionen und bei neuen Investitionen.
Netzausbau als Motor für Wachstum und Beschäftigung
Die wirtschaftliche Bedeutung des Netzausbaus geht laut BMWET weit über den Energiesektor hinaus. Die geplanten Investitionen lösen eine breite Dynamik aus: Rund 90.000 Beschäftigungsverhältnisse werden gesichert oder geschaffen, gleichzeitig entstehen fiskalische Effekte von rund 2,8 Milliarden Euro. Insgesamt belaufen sich die Wertschöpfungseffekte auf 6,57 Milliarden Euro. Der Multiplikator liegt mit 1,93 weit höher als der Schnitt von 1,47. Das bedeutet, dass jeder investierte Euro weitere Wertschöpfungseffekte bei den direkten Auftraggebern von 93 Cent in der heimischen Wirtschaft erzeugt.
Der Netzausbau wirkt damit direkt als Konjunkturprogramm für Österreich – von der Bauwirtschaft über die Industrie bis hin zu Planung und Technologie. Ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung bleibt im Land und stärkt nachhaltig den Wirtschaftsstandort.
„Unsere Investitionen sind ein zentraler Wirtschaftsmotor: Sie sichern Beschäftigung, stärken die heimische Wertschöpfung und schaffen die Grundlage für eine erfolgreiche Energiewende“, ergänzte Marcus Karger, Finanzvorstand der APG.
EABG als Schlüssel für schnelleren Ausbau
Damit Strominfrastrukturprojekte rasch umgesetzt werden können, braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen, betonten die Gesprächspartner unisono. „Das EABG ist der Schlüssel, damit der Netzausbau in Österreich endlich Fahrt aufnimmt. Zu lange Verfahren bremsen Investitionen und gefährden unsere industrielle Entwicklung. Wenn wir wollen, dass Betriebe bei uns produzieren und investieren, dann müssen wir die Infrastruktur rechtzeitig bereitstellen – genau dafür braucht es jetzt rasch dieses Gesetz. Ich appelliere an alle Parteien, hier gemeinsam Verantwortung zu übernehmen“, so Hattmannsdorfer.
Die für den Beschluss im Nationalrat erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde beim Anlauf in dieser Woche jedoch noch nicht erreicht.
Weitere Infos zum Netzentwicklungsplan 2025 (NEP) und das Dokument zum Download gibt’s auf der Website der APG.
Brisante Details am Rande
Interessante Details bzw. tiefergehende Informationen förderte die abschließende F&A-Runde zutage: So etwa, dass man den PV-Ausbau nicht im bisherigen Maße forcieren wolle, da dieser die Netze für ein paar Stunden Stromerzeugung pro Tag quasi über Gebühr belaste – man wolle stattdessen den Zubau der Windkraft stärker als bisher vorantreiben. Die rund 12 GW Speicherbedarf, die aktuell bei den Netzinfrastrukturbetreibern angemeldet sind, werde nach Einschätzung von Christiner nicht brauchen – mit 5-6 GW werde man in Österreich auskommen, so der APG-Vorstand. Was es dafür schnell brauche, sei ein Zubau der Pumpspeicherkapazität, da diese Möglichkeit Österreich in eine einmalige Position in Europa bringe.
Hattmannsdorfer erklärte in diesem Rahmen, er wolle keine Politik für die Galerie machen, sondern sich – so wie beim Netzausbau – auf erdigere Themen konzentrieren bzw. jene Aspekte, die matchentscheidend seien.
Ob das mit den genannten Details zum NEP gelingen kann, stellen wir in der kommenden E&W 5/2026 auf den Prüfstand – mitsamt einiger weiterer Ankündigungen bzw. Aussagen des Ministers.


Wenn ich das so lese, da denk ich mir, was haben die bis jetzt gemacht, gepennt?
Drei Gedanken zum Ausbau der Netze und der Energiepreise
• Merit Order: Derzeit setzt das letzte Kraftwerk, das noch für die Abdeckung des Bedarfs benötigt wird, den Preis fest. Das ist in der Regel ein Gas-Kombi-Kraftwerk, welches hocheffizient die Abwärme der Gasturbine für den Betrieb eines Dampfkessels nutzt. Diese sind zwar für kalorische Kraftwerke relativ flexibel, da aber der Dampfkessel für die Erreichung der optimalen Betriebstemperatur eine gewisse Zeit benötigt, sind die Betreiber an einem durchgehenden Betrieb interessiert. Gleichzeitig sind die Betreiber dieser Kraftwerke auch die Lieferanten an die Industrie-, Gewerbe- und Endkunden – und profitieren damit von den höheren Preisen. Das ist ein Interessenskonflikt, der bisher kaum angesprochen wurde.
• Die zunehmende Verfügbarkeit von Batteriespeichern – gerade auch für Industrie-, Gewerbe- und Endkunden – ist eine direkte Bedrohung für das oben genannte Geschäftsmodell. Denn diese Kunden können damit untertags billigen Solarstrom einkaufen und für die Tagesrandzeiten einspeichern. Das Fenster für den wirtschaftlichen Betrieb von Gaskraftwerken wird damit kleiner.
• Pumpspeicher sind als Jahres und Monatsausgleichspeicher weiterhin bedeutsam und reduzieren zusätzlich die Abhängigkeit von Gaskraftwerken. Der damit verbundene Bedarf an leistungsfähigen Übertragungsnetzen ist ebenfalls schon seit Jahren bekannt. Warum die Netzbetreiber allerdings erst in den vergangenen Jahren den Ausbau so massiv vorantreiben, kann ich mir nur durch die Eigentümerstruktur erklären.