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Montag, 11. Mai 2026
Ohne Menschen geht es (noch) nicht

Das Paradoxon in der Robotik

Über den Rand | Dominik Schebach | 19.04.2026 | Bilder | |  Meinung
Vergangenes Jahr waren die humanoiden Roboter des deutschen Herstellers Neura Robotics eines der Highlights der IFA. Die Roboter hatten bei der Feinmotorik bereits ein hohes Niveau erreicht. Von menschlichen Fähigkeiten waren die Systeme allerdings noch weit entfernt. Vergangenes Jahr waren die humanoiden Roboter des deutschen Herstellers Neura Robotics eines der Highlights der IFA. Die Roboter hatten bei der Feinmotorik bereits ein hohes Niveau erreicht. Von menschlichen Fähigkeiten waren die Systeme allerdings noch weit entfernt. (© D.Schebach) Wir leben in einem Zeitalter der Konvergenz. Mit den derzeitigen Fortschritten in der Nutzung künstlicher Intelligenz und Robotik kommt der nächste Tsunami auf uns zu. Humanoide Roboter, welche Mitarbeiter in der Produktion, Logistik oder der Pflege ersetzen, werden von Zukunftsforschern bereits als die nächste Milliarde-Dollar-Industrie gefeiert. Doch bevor dieser Trend abhebt, stehen wir noch vor einem Paradoxon.

Dass Roboter in der Industrie eine immer größere Rolle spielen, ist fast unumgänglich. Die Knappheit an Fachkräften lässt die Unternehmen nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Produktivität aufrechtzuerhalten. Das betrifft nicht nur große Industriebetriebe, sondern auch kleine Unternehmen, wie Beispiele aus China zeigen, über die ich hier berichtet habe. Damit schreitet die Entwicklung in der Robotik rasant voran und das betrifft nicht nur das Feld der Industrieroboter, sondern auch die humanoiden Roboter, welche bisher mehr als technologischer Gag oder Studie gesehen wurden.

Das Beratungsunternehmen Roland Berger geht in seiner jüngsten Studie „The Convergence Moment for a New Market“ davon aus, dass in naher Zukunft humanoide Roboter durch die Fortschritte bei KI und Hardware Betriebskosten von weniger als 2 Dollar/Stunde erreichen können. Dies könnte – so das Beratungsunternehmen – in Hochlohnländern wie Deutschland und Österreich u.a. dazu beitragen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Roland Berger-Studie geht davon aus, dass solche universal einsetzbaren Roboter als erstes in der Logistik zum Einsatz kommen werden, wo sie einfache, repetitive Tätigkeiten übernehmen könnten.

Deep Learning

Bevor man jetzt Angst um seinen Job hat, sollte man kurz innehalten. Denn viele zentrale Fragen wie Haltbarkeit, Ausdauer, Sicherheit am Arbeitsplatz oder auch die notwendige Feinsteuerung sind noch lange nicht gelöst. Deswegen hüten sich die Studienautoren von Roland Berger, hier einen eindeutigen Zeitrahmen anzugeben. Sie verweisen nur darauf, dass die Industrie bis 2030 weltweit einen Gesamtumsatz von 300 Mrd. Dollar erreichen könnte – und dann aber noch lange nicht den Zenit erreicht hätte. Denn den Robotern fehlen noch viele zentrale Fähigkeiten.

Um die heutige Situation der Robotik einzuschätzen, hilft in diesem Fall – wie so oft in letzter Zeit – ein Blick nach China. So berichtete Mitte März China-Korrespondent Chang Che, in der Tageszeitung The Guardian, über die Fortschritte in Fernost im Bereich der Robotik.* Dabei muss man darauf hinweisen, dass China ebenfalls Roboter als Ausweg aus der Arbeitskräftefalle forciert und der Staat die Entwicklung  – sowohl bei den Industrierobotern als auch bei den humanoiden Robotern – konsequent vorantreibt. Dabei setzen die Forscher und Unternehmen in der Volksrepublik auf Deep Learning, damit sich Roboter in anspruchsvollen Arbeitsumgebungen wie z.B. bei der Endmontage von Fahrzeugen behaupten können. D.h., die Entwickler hoffen, dass Roboter die physikalische Welt so erlernen können, wie es Large Language Models wie ChatGPT in der Sprache getan haben. Wie immer geht es dabei um Mustererkennung und die Verarbeitung von großen Datenmengen, um die notwendigen Muster in den Abläufen zu erkennen.

Schlüsselrolle

Und hier kommen wir zum Paradoxon: Ohne Menschen geht es nicht. Damit speziell die humanoiden Roboter ihre Moves erlernen können, müssen sie von Menschen unterrichtet werden. Oft geschieht dies, indem Mitarbeiter die Roboter durch komplexe Bewegungsabläufe steuern, bzw, indem Mitarbeiter die Bewegungen für die Roboter vorzeigen. Denn die notwendigen Daten für viele der gewünschten Tätigkeiten, an denen die Roboter trainiert werden sollen, fehlen schlicht noch. Aber – und hier wird es ironisch – diese Menschen müssen wiederum müssen ihr Verhalten den Robotern anpassen. Jede falsche Bewegung, jedes Kratzen hinterm Ohr, jedes Zucken oder Strecken korrumpiert die Daten.

„Der Prozess war körperlich anstrengender und seltsamer, als ich erwartet hatte. Wir trainieren unsere Roboter dazu, mehr wie Menschen zu sein; dafür müssen Menschen sich mehr wie Roboter verhalten“, berichtete deswegen The Guardian-Korrespondent Chang Che über seine Erfahrung in einem Entwicklungs-Labor in Peking. Aus diesem Grund werden so einfache Tätigkeiten, wie eine Schraube in ein Gewinde einzudrehen oder eine Schraubenmutter richtig anzuziehen, die ein geübter Handwerker vollkommen instinktiv erledigt, in der Robotik wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Sollten die Probleme allerdings einmal gelöst sein, dann beherrschen es alle Roboter.

Zukunftsmusik

Man darf allerdings nicht vergessen, dass universell einsetzbare humanoide Roboter nur ein Entwicklungsstrang von vielen und für die meisten Anwendungsbereiche ein Overkill sind. So werden sich viele Anwendung mit spezialisierten voll- oder halbautonomen Drohnen zu Lande, zu Wasser und in der Luft besser erledigen lassen, welche Tätigkeiten wie Logistik relativ einfach erlernen können. Andere Einsatzgebiete werden weiterhin von den immer besseren Industrierobotern abgedeckt. Dennoch stimme ich mit den Studienautoren von Roland Berger zu, dass wir derzeit die Entstehung einer neuen Industrie mit ihren Lieferketten und Absatzkanälen erleben.

Bis die Roboter in unser aller Leben präsent sind, wird es allerdings noch dauern. Mit einer Frage sollten wir uns allerdings jetzt schon auseinandersetzen: Werden wir die Roboter uns anpassen, oder werden wir uns letztendlich den Robotern anpassen?

 

PS: Diesen Sonntag, den 19. April, findet zum zweiten Mal in Peking ein Halbmarathon für humanoide Roboter statt. Bei einem ersten Proberennen vor einigen Tagen sind mehr als 70 Teams mit mehr als 100 Robotern angetreten. Rund 40% der Teams setzten dabei laut Medienberichten auf vollautonome Systeme. Ein wichtiges Kriterium wird die Belastbarkeit der Systeme sein. Im vergangenen Jahr erreichten nur sechs von 21 gestarteten Robotern das Ziel.

 

* Inside China’s robotics revolution; Chang Che, The Guardian, 19. März 2026

Bilder
Vergangenes Jahr waren die humanoiden Roboter des deutschen Herstellers Neura Robotics eines der Highlights der IFA. Die Roboter hatten bei der Feinmotorik bereits ein hohes Niveau erreicht. Von menschlichen Fähigkeiten waren die Systeme allerdings noch weit entfernt.
Vergangenes Jahr waren die humanoiden Roboter des deutschen Herstellers Neura Robotics eines der Highlights der IFA. Die Roboter hatten bei der Feinmotorik bereits ein hohes Niveau erreicht. Von menschlichen Fähigkeiten waren die Systeme allerdings noch weit entfernt. (© D.Schebach)
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