Ohne Worte
Tag für Tag schwappt eine Flut an Informationen über uns herein. Die Welt wird immer lauter. (Bild mit KI erstellt)
Die Welt wird immer lauter. Wir sind mit einer Flut an Informationen konfrontiert. Es wird geschwätzt, gejammert, gewitzelt, geschimpft ... jeder äußert sich und gibt ungefragt überall seinen Senf dazu. Vor diesem Hintergrund bringen die Ergebnisse einer aktuellen Langzeitstudie Überraschendes zutage.Hört man in die Welt hinaus, dann ist es in erster Linie eines – LAUT! Es herrscht eine Flut an Informationen. Wir befinden uns inmitten eines aufgewühlten Ozeans aus Geschwätz, und beides wird immer größer, weil Menschen überall und immer mehr ihre Meinungen, Klagen, Jammereien, Späße und Beschimpfungen äußern. Es strömen Wortmeldungen, Social-Media-Beiträge, Texte, Kommentare, Podcasts und Kurzvideos aus allen Richtungen auf einen ein, und die vielen Whatsapp-, Signal- & Co-Gruppen klingeln auf dem Smartphone um die Wette. Die weltweite Nachrichten- bzw. Informationslage ist alles andere als entspannt und ruhig – im Gegenteil. Beherrscht durch Krisen, Kriege, Despoten und vor allem einen Mann in einem großen Weißen Haus, dessen Wortmeldungen den ganzen Planeten immer mal wieder die Luft anhalten lassen, fühlt sich das alles an, als befände man sich inmitten eines gewaltigen Tsunamis. Es ist vergleichbar mit einem überfüllten Gasthaus, in dem alle durcheinanderschreien, kaum etwas zu verstehen ist und der Geräuschpegel Schmerzen in Ohren und Kopf erzeugt. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie der University of Arizona recht überraschend. Demnach sprechen die Menschen nämlich immer weniger.
Für ihre Analyse zogen die Forscher 22 Einzelstudien heran. Dabei wurden mehr als 2000 Probanden zwischen 2005 und 2019 während ihrer Alltagsgespräche „belauscht“. Die Situationen dürften also halbwegs authentisch gewesen sein. Die Ergebnisse zeigen, dass die geschätzte Zahl der pro Tag gesprochenen Wörter im Jahresvergleich im Schnitt um 338 Wörter sank. Oder anders formuliert: Mit jedem Erhebungsjahr sprachen die Menschen täglich um durchschnittlich 338 Wörter weniger als im Jahr davor. Lag der Wert 2005 noch bei rund 16.000 Wörtern pro Tag, waren es 2019 nur noch etwa 12.700. Auf ein ganzes Jahr gerechnet entspricht ein tägliches Minus von 338 Wörtern mehr als 120.000 nicht-gesprochenen Wörtern. Nur um sich das vorstellen zu können: das entspricht ungefähr dem Wortumfang eines 300-seitigen Romans. Auf den gesamten Untersuchungszeitraum (also rund 14 Jahre) habe sich das individuelle Redevolumen im Schnitt um 28% (!), also um mehr als ein Viertel reduziert, sagen die Studienautoren.
Vermutung

Die genaue Ursache dieser Entwicklung wurde nicht identifiziert. Es gibt allerdings eine starke Vermutung, und zwar, dass die zunehmende Verlagerung der Kommunikation in schriftliche digitale Kanäle, so wie zB. über Smartphones bzw. Messaging-Dienste, der zentrale Treiber ist. Klingt logisch. Immerhin haben Internet und Smartphone die Kommunikation in den letzten 14 Jahren tatsächlich grundlegend verändert: Es wird viel mehr geschrieben – Kurznachrichten, Social-Media-Posts und so weiter – und das vor allem von Jugendlichen, wie auch die Studie mit Zahlen untermauert. So sprachen die unter 25-Jährigen täglich um durchschnittlich 452 Wörter weniger als im Jahr davor – sind also die Spitzenreiter (und Sie haben doch sicher auch schon beobachtet, wie zwei oder mehr Jugendliche gemeinsam an einem Tisch sitzen, aber nicht miteinander sprechen, sondern jeder für sich auf seinem Handy herumtippt). Die über 25-Jährigen sparten sich jährlich 314 Wörter pro Tag. Ältere Erwachsene sind zwar auch vom „Wortverlust“ betroffen, sprechen insgesamt aber weiterhin mehr, als jüngere.
Unterm Strich bedeutet das: Kommunikation (ob ausuferndes Geschwafel oder sinnvolle Erörterung) findet verstärkt in indirekter, digitaler Form statt. Zugleich reden Menschen immer weniger miteinander. Das Problem, das daraus entsteht: Mit jedem verlorenen Wort bröckelt unsere Verbindung zu anderen. „Wenn wir weniger sprechen, verbinden wir uns weniger“, sagen auch die Studienautoren. Und was die Folgen davon sind, können wir jetzt schon sehen. Die Menschen sind weniger empathisch und die Egozentrik nimmt zu – genauso wie Hass und Einsamkeit.
Wie Experten sagen, sind es vor allem auch die vielen, kleinen und beiläufigen Gespräche im Alltag, die immer seltener werden. So wie die Plauderei mit der Dame an der Kassa, die kurzen Unterhaltungen mit Nachbarn oder Mitreisenden im Zug, der kurze Wortwechsel mit dem Herren, der auch jeden Tag in der Früh an der Haltestelle steht und auf den Bus wartet. Mit diesen spontanen beiläufigen Unterhaltungen im Alltag, würden auch Qualitäten verlorengehen, die digitale Kommunikation nur sehr eingeschränkt transportieren könne – so etwa unmittelbare Präsenz, Tonfall und Spontaneität.
Anschlussverlust
Ich muss mich bei diesem Thema selbst an der Nase nehmen. Denn auch ich bevorzuge oft den convenienten, bequemen Weg und schreibe lieber eine kurze Nachricht, als dass ich zum Hörer greife und mein Anliegen direkt kommuniziere. Das spart Zeit, denke ich. Und außerdem laufe ich dann nicht Gefahr in einem Gespräch gefangen zu sein, für das ich eigentlich gerade keinen Kopf habe…

Ich weiß, dass ich diese Gewohnheit ablegen muss, dass dieses Verhalten nicht gut ist, denn ich merke mittlerweile, dass ich durchs stetige bloße Schreiben als Kommunikationsform, den Anschluss zu lieben Menschen verliere. Generell geht durch das digitale, schriftliche Kommunizieren so viel verloren. Man wird sich fremd und die Gefahr, dass Missverständnisse zu vermeintlichen „Wahrheiten“ werden, steigt. In einem kurzen Gespräch, einem Smalltalk, bekommt man hingegen so viel mit am Rande. Allein die Stimmlage und das Sprechtempo des anderen verraten so viel.
Mittlerweile ertappe ich mich tatsächlich auch manchmal dabei, wie ich mich beim Läuten des Telefons frage: „Echt jetzt? Will da tatsächlich jemand direkt mit mir reden?“ Traurig eigentlich, vor allem weil dieses ausnahmslos schriftliche Kommunizieren ja wirklich „a-sozial“ ist. Und was sagt mir das jetzt? Dass ich wieder öfter zum Hörer greifen und/oder persönlich bei Menschen vorbeischauen sollte, um direkt und face-to-face mit ihnen zu sprechen. Denn ich will vor allem die Verbindung, aber auch die Worte nicht verlieren.


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