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Mittwoch, 10. Juni 2026
Aus der E&W 5/2026

Kilian Christanell: Viel diskutiert, nichts verändert?

Hintergrund | Julia Jamy | 22.05.2026 | |  
Der Leadership Coach und Unternehmensberater stammt aus Bozen, Südtirol, und verbringt seine Freizeit am liebsten in den Bergen. Der Leadership Coach und Unternehmensberater stammt aus Bozen, Südtirol, und verbringt seine Freizeit am liebsten in den Bergen. (© Kilian Christanell) Viele Unternehmen investieren Zeit und Geld in Teamtage, Klausuren oder Teambuilding-Events. Zwei Tage im Seminarhotel, intensive Gespräche, gute Stimmung und am Montag kehrt der Alltag zurück, als wäre nichts gewesen. Für Leadership Coach und Unternehmensberater Kilian Christanell ist dieses Muster kein Einzelfall, sondern eher die Regel. Im elektro.at-Interview erklärt er, warum viele dieser Formate hinter den Erwartungen bleiben und was es braucht, damit aus Diskussionen tatsächlich Veränderung entsteht.

Warum scheitern so viele Teamtage daran, wirklich etwas zu verändern? Oft beginnt schon bei den Begriffen die Unklarheit. „Klausur“, „Teamtag“ und „Teambuilding“ werden in Unternehmen häufig synonym verwendet, dabei verfolgen sie unterschiedliche Ziele. Die klassische Klausur hat ihren Ursprung in den 80er- und 90er-Jahren: ein bewusstes Zurückziehen aus dem Alltag, um strukturiert an strategischen oder organisatorischen Themen zu arbeiten. Heute spricht man häufiger von Teamtagen, doch der Kern ist ähnlich geblieben. Teambuilding hingegen ist nur ein Teil davon. Es geht stärker um persönliche Begegnung, „Es ist ein eher spielerisches Format, bei dem man leicht in der Gruppe zusammenkommt, oft über sportliche Aktivitäten, kreative Workshops oder gemeinsames Singen“, erklärt Kilian Christanell. Der Vorteil liege im niederschwelligen Einstieg: „Man beginnt positiver, weil man sich nicht sofort mit inhaltlichen Themen oder möglichen Problemen im Unternehmen auseinandersetzen muss.“ Der Anlass für solche Formate ist für den Unternehmensberater jedenfalls klar: „Im Kern geht es darum, dass ein Team wieder näher zusammenrücken soll. Oft gibt es interne Spannungen oder Unstimmigkeiten, manchmal kommt eine neue Führungskraft dazu oder neue Mitarbeiter stoßen ins Team.“

Nähe schaffen

Für Kilian Christanell entscheidet sich der Erfolg eines Teamtags oft schon vor dem eigentlichen Termin. (©Kilian Christanell)

Zusätzlich habe sich durch die verstärkte Arbeit im Homeoffice nach der Pandemie vieles verändert. „Man sieht sich im Alltag schlicht viel seltener, manchmal sogar zu selten“, so Christanell. Gerade dadurch gehe die persönliche Ebene oft verloren. „Das merkt man besonders bei neuen Mitarbeitern, die erst ins Unternehmen kommen. Für sie ist der Einstieg ohnehin herausfordernd, weil sie Beziehungen und Strukturen erst aufbauen müssen. Wenn diese persönliche Verbindung fehlt, wird auch der gesamte Onboarding-Prozess deutlich schwieriger.“ Wenn Teams dann bewusst ein bis zwei Tage miteinander verbringen, entstehe eine andere Ausgangslage. „Dann kann sich diese persönliche Ebene viel schneller entwickeln. Und genau das macht es später im Arbeitsalltag einfacher, weil die Zusammenarbeit auf einer stabileren Basis steht.“

„Was kommt jetzt?“

Ob ein Teamtag gelingt oder nicht, entscheidet sich jedoch nicht erst während der Veranstaltung, sondern lange davor. Und genau hier kommt die Rolle des externen Beraters ins Spiel. „Viele Unternehmen gehen solche Formate zu halbherzig an“, beobachtet Christanell. Wenn gespart wird, die Veranstaltung im eigenen Büro stattfindet oder nur als Pflichttermin gesehen wird, wirke sich das unmittelbar auf die Beteiligten aus. Als externer Moderator bringt er bewusst Abstand in den Prozess: Er ist nicht Teil interner Konflikte und kann dadurch neutral nachfragen oder heikle Themen ansprechen. Gleichzeitig ist er dafür verantwortlich, ein Setting zu schaffen, in dem sich alle sicher genug fühlen, offen zu sprechen. Denn oft bringt so ein Format auch Druck mit sich. „Eine Klausur erzeugt ja auch immer ein bisschen Spannung. Da fährt man hin und denkt sich: Was kommt jetzt? Welche Probleme werden angesprochen? Muss ich etwas befürchten im Hinblick auf den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin? Läuft es vielleicht nicht gut? Das setzt einen schon unter Stress.“

Vorbereitung ist alles

Genau deshalb sei die Vorbereitung so entscheidend. Am Anfang steht meist die Entscheidung der Geschäftsführung, etwas verändern zu wollen und dafür gezielt externe Unterstützung zu holen. Christanell setzt sich in einem ersten Schritt intensiv mit der Führungsebene auseinander: Wo steht das Unternehmen? Warum gibt es den Wunsch nach einer Klausur? Was läuft gut, wo hakt es? Dabei entsteht ein erstes Bild der Themen – von Teamdynamiken über Konflikte bis hin zu strukturellen oder personellen Fragen. Die Aufgabe des externen Beraters ist es dann, diese Perspektive nicht einfach zu übernehmen, sondern zu hinterfragen und zu strukturieren. Doch für ihn kommt der wichtigste Teil danach: „Die zentrale Frage ist: Wie schaffe ich es, dass nicht nur die Geschäftsführung spricht, sondern wirklich alle eingebunden werden?“ Seine Antwort: Einzelgespräche im Vorfeld: „Dort wird oft das ausgesprochen, was in der großen Runde nie gesagt werden würde“, erklärt er. Gleichzeitig entstehe dadurch Vertrauen. „Die Leute merken: Ihre Meinung zählt.“ Diese Gespräche ermöglichen es auch, Themen strukturiert aufzubereiten, ohne einzelne Personen bloßzustellen. „Wenn ich gut vorbereitet bin, starte ich nicht bei null, sondern habe schon eine gemeinsame Basis“, so der Unternehmensberater.

Wer jetzt noch tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet über den QR-Code den passenden Podcast, in dem Kilian Christanell ausführlich über Klausuren, Teamtage und erfolgreiche Teamprozesse spricht.

Klare Rolle

Wenn Unternehmen darauf verzichten, zeigt sich schnell ein anderes Bild. „Dann sitzen die Mitarbeiter beim Teamtag und sind unmotiviert, weil niemand das Gefühl hat, wirklich etwas beitragen zu können.“ Am Ende stelle sich dann oft die Frage, warum man überhaupt dort sei. Wer hingegen früh einbindet, verändert die Ausgangslage deutlich: „Die Leute fühlen sich abgeholt und sind motiviert, gemeinsam zu arbeiten.“ Christanell versteht seine Rolle dabei klar: Er löst keine Probleme in zwei Tagen, sondern schafft die Voraussetzungen dafür, dass Teams selbst daran arbeiten können.

Auch der Rahmen spielt eine wichtige Rolle. Ein Ort außerhalb des Unternehmens helfe dabei, Abstand zum Alltag zu gewinnen und neue Perspektiven zuzulassen. Ebenso wichtig sei jedoch die realistische Planung: „Man darf sich nicht zu viel vornehmen“, erklärt Christanell. Besser seien wenige, klar definierte Themen mit eindeutigen Verantwortlichkeiten – wer macht was bis wann. Entscheidend ist dabei die Verbindlichkeit. Aufgaben müssen konkret festgelegt und nachverfolgt werden. Genau hier setzt das sogenannte Follow-up an. Ohne Nachbereitung würden selbst gute Ergebnisse schnell an Wirkung verlieren. Sinnvoll seien regelmäßige kurze Überprüfungen, etwa quartalsweise, um Fortschritte sichtbar zu machen und Themen weiterzuführen. Auch ein weiteres kompakteres Follow-up-Meeting nach einem halben Jahr könne sinnvoll sein. Wichtig sei außerdem, Ziele realistisch zu setzen und regelmäßig zu überprüfen. „Wenn etwas nicht funktioniert, muss man es anpassen dürfen.“ Gleichzeitig sollten Erfolge bewusst sichtbar gemacht und vor allem gemeinsam gefeiert werden.

Echte Veränderung

Am Ende hängt der Erfolg eines solchen Formats weniger vom Event selbst ab als von der Haltung dahinter. „Will man einfach einen netten gemeinsamen Tag oder wirklich etwas verändern?“ Wenn Vorbereitung, Einbindung und Nacharbeit stimmen, kann eine Klausur ein echter Ausgangspunkt für Veränderung sein. „Wenn nicht, bleibt es bei zwei Tagen Gespräch und am Montag ist alles wieder wie vorher.“

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