Demografische Problemzonen und biologische Lösungen
(© Pixabay/s05prodpresidente)
Zugegeben, seit die Wirtschaft nicht mehr ganz so brummt, hat sich auch das Problem des Fachkräftemangels in vielen Bereichen ein wenig entschärft. Angesichts der jüngsten Zahlen der Statistik Austria sollte man aber keineswegs durchatmen, sondern die aktuelle Entwicklung vielmehr als Ruhe vor dem demographischen Sturm betrachten – ausgerechnet mit den US-Techgiganten als zusätzlichen Hochrisikofaktor. Müssen wir also Angst haben auszusterben?Zunächst einige Fakten: Laut Statistik Austria verzeichnete Österreich 2025 die die niedrigste Geburtenzahl seit 2001. 76.067 Kinder wurden geboren, 1,5% weniger als im Jahr zuvor. Demgegenüber verstarben 87.902 Personen (0,7% weniger als 2024), was eine negative Geburtenbilanz (Lebendgeborene minus Gestorbene) von −11.835 bedeutet – zum sechsten Mal in Folge. Mindestens so alarmierend ist die Fertilitätsrate, die ebenfalls auf einen neuen Tiefststand gesunken ist: Demnach bekommt eine Frau in Österreich durchschnittlich 1,31 Kinder in ihrem Leben (Wert aus dem Jahr 2024). Interessanter Side-Fact: Die Fertilitätsrate wird im allgemeinen Sprachgebrauch gerne mit der Geburtenrate verwechselt. Die Fertilitätsrate (auch Fruchtbarkeitsziffer, Fruchtbarkeitsrate oder zusammengefasste Geburtenziffer genannt) bezeichnet die durchschnittliche Anzahl der lebendgeborenen Kinder, die eine Frau während ihres gebärfähigen Alters voraussichtlich zur Welt bringt. Generell gilt ein Niveau von 2,1 Kindern je Frau als notwendig, um die Bevölkerung langfristig stabil zu halten.
Was also tun? Der britische Demograf Paul Morland hat kürzlich in einem „Standard”-Interview erklärt, dass die vielleicht naheliegendste Lösung – den Mangel an Kindern mit nichteuropäischen Einwanderern auszugleichen – nicht zielführend sei. Denn dadurch gebe es erstens einen politischen Backlash: Wenn ein Volk sieht, dass die eigene Bevölkerung schrumpft, die Minderheiten wachsen und sich die Kultur und Ethnizität (v.a. in den Großstädten) völlig verändert, dann regt sich Widerstand, der wiederum rechte Parteien stärkt. Außerdem komme ein moralisches Problem dazu: Wenn man anderen Ländern die am besten ausgebildeten Menschen entzieht, entsteht dort ein Mangel, zudem sinken auch bei Einwanderern die Geburtenraten rasch und diese Gruppen überaltern ebenfalls. So entstünde eine Art globales Pyramidenspiel, wo man immer mehr Menschen ins Land bringen muss, um dem entgegenzuwirken.
Morland sieht übrigens auch im verstärkten Einsatz von Robotern keinen Ausweg. Die einzige echte Alternative sei somit die Erhöhung der Fertilitätsrate – also der im wahrsten Sinne des Wortes „natürliche” Weg. Es müssten kulturelle Veränderungen angestoßen werden, um Geburten populär zu machen. Etwa, indem man den Menschen vor Augen führt, dass das Schrumpfen der Bevölkerung echte Probleme aufwirft und daran anknüpfend entsprechende Maßnahmen in Bildung, Kultur, Unterhaltung oder Unternehmenskultur umsetzt. Beispielsweise hätten heute viele Unternehmen zwar Fitnessstudios, aber nur wenige Kinderkrippen. Denkbar wären für Morland auch Steuererleichterungen für Familien mit Kindern oder mehr Homeoffice für Menschen mit kleinen Kindern?
Der Sozialforscher Christoph Hofinger brachte zu den bekannten Fertilitätsbremsern – mangelnde Gleichstellung, zu wenig Kinderbetreuung, multiple Krisen und wirtschaftliche Unsicherheit – noch einen weiteren hinzu: der Rückzug ins Digitale bzw. der Abbau „echter” sozialer Kontakte. Hofinger nannte als markantes Beispiel für diesen Trend eine „No human-Zulage” bei Taxis in den USA: Dort würden Fahrgäste für selbstfahrende Taxis sogar mehr bezahlen als für solche mit menschlichen Fahrern, nur um die reale Begegnung mit anderen zu vermeiden.
Ein solcher Trend sei auch in vielen anderen Bereichen feststellbar und könnte gravierende gesellschaftliche Veränderungen einleiten: Denn die eigene Welt bleibe vorhersagbar und wenig risikolos, wenn man sie ohne den „Störfaktor Mitmensch” gestaltet, während es hingegen Stress erzeuge, sich den Fehlern und Ansprüchen, der körperlichen Präsenz und vor allem der Unvorhersagbarkeit anderer Menschen auszusetzen. Problematisch werde das in Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung beim Pendant zum fahrerlosen Taxi: dem partnerlosen Liebesleben. Junge Menschen in den USA und Europa würden heute deutlich weniger als frühere Generationen ausgehen, sich seltener zu Dates treffen und weniger Sex haben. Hatten bis 2020 sechs von zehn der 18-Jährigen sexuelle Erfahrungen, seien es mittlerweile nur noch vier von zehn. Der Grund: Auch hier würden viele ins Digitale auswandern – Stichwort Social Media.
Cui bono? Wenig überraschend: Vom Umstand, dass Menschen ihr Leben zunehmend isoliert am Smartphone verbringen, würden vor allem die Tech-Konzerne Meta, OpenAI, Google & Co. profitieren, denen diese Entwicklung rasant ansteigende Datenmengen und Werbeumsätze beschert. Wie Hofinger betonte, schadet der Rückzug ins Digitale aber nicht nur der demokratischen Gemeinschaft, sondern auch der individuellen psychischen Gesundheit: Zwar helfe das Handy, mit anderen in Kontakt zu bleiben, in zahlreichen Studien habe sich ab einer gewissen Dauer des täglichen Konsums aber eine deutliche Verschlechterung des Wohlbefindens gezeigt.
In diesem Sinne: Schönes Pfingstwochenende und genießen Sie die Sonne!


Kommentare