Im Wettlauf mit der Desinformation
Menschen verbringen zunehmend mehr Zeit auf Sozialen Medien und suchen dort nach Informationen zum täglichen Geschehen. Gerade das macht sie anfällig für Desinformation. (© KI-generiert mit Adobe Express)
Hier ist es wieder, das Wort taucht im Nachrichtenstrom laufend auf: Desinformation. Besonders in Zeiten der Unsicherheit suchen Menschen nach Orientierung – in den klassischen Medien oder auf Social Media. Das macht sie anfällig für gezielte Falschbehauptungen durch einzelne Akteure. Das Phänomen ist nicht neu, in Zeiten von KI gewinnt es allerdings für mich eine neue Dringlichkeit – egal ob es nun die Akteure sind, welche die Medien zumüllen, oder der falsche "Rassist" aus dem globalen Süden.Die Gesellschaft ist zunehmend polarisiert. Aber auch Konflikte zwischen einzelnen Staaten bzw. Staatengruppe sowie nichtstaatliche Gruppen werden zunehmend über die öffentliche Wahrnehmung ausgetragen. Bei der Durchsetzung der eigenen Interessen sind viele der Akteure nicht zimperlich und verbreiten gezielt falsche Informationen. Die Strategien dahinter sind vielfältig und verdienen eine nähere Betrachtung.
Die Quelle vergiften
Da gibt es zum einen die Strategie, die Quelle zu vergiften. Hier werden Desinformationen und Konflikte gezielt gestreut, um die Glaubwürdigkeit der Medien zu zerstören. Je provokanter und offensichtlicher die Desinformation ist, umso besser. Ein bekannter Vertreter dieser Zunft ist Stephen Bannon. Der ehemalige Trump-Berater und Chefstratege im Weißen Haus, hat folgenden Satz geprägt: „Die wirkliche Opposition sind die Medien. Und die Art, mit ihnen fertig zu werden, besteht darin, die Zone mit Scheiße zu überfluten.“ (Stephen Bannon 2018 im Interview mit dem US-Journalisten Michael Lewis).
Das Ziel ist nicht, dass die Menschen die verbreiteten Desinformationen für wahre Münze nehmen, sondern dass die Bürger keiner Information mehr glauben schenken. Damit wird aber die Grundlage des politischen Diskurses angegriffen und für diejenigen, welche Falschinformationen streuen, die Kontrolle erleichtert.
Die deutsche Philosophin und Medienwissenschaftlerin Hannah Arendt hatte dazu schon 1951 in ihrem Buch „The Origins of Totalitarianism“ geschrieben: „Das ideale Subjekt totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist, sondern Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion (d. h. die Realität der Erfahrung) und die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (d. h. die Standards des Denkens) nicht mehr existieren.“
Indem man die Diskussion mit Lügen oder verdrehten Fakten überschwemmt, wird die Rechenleistung der politischen Gegner und der Medien aber auch der Bevölkerung als Ganzes sozusagen überfordert. Während die Medien noch mit den Faktenchecks beschäftigt sind, oder sich die Diskussion nur noch um die Provokation statt um politische Inhalte dreht, können die Urheber dieser Flut an Falschinformationen sich auf ihre eigentlichen Ziele konzentrieren. Die Masse der Medienrezipienten weiß derweil nicht mehr, welcher Quelle sie glauben soll, oder hat sich überhaupt aus dem politischen Diskurs zurückgezogen und nimmt das Geschehen apathisch hin. Wer jetzt an einen gewissen schwergewichtigen Akteur denkt, liegt nicht daneben.
Gefühlte Wahrheiten
Einen Schritt weiter geht die gezielte Desinformation mit eigens erstellten Inhalten, wenn die „gefühlte Wahrheit“ der Rezipienten bestätigt werden. Hier kommt KI ins Spiel. Die Kollegen von der deutschen Tagesschau haben sich vergangenen April in ihrem Beitrag „Wie Desinformation zu erkennen ist“ deswegen des Themas angenommen. Denn mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz lassen sich schon heute am Heimrechner Inhalte produzieren, die sich kaum mehr überprüfen lassen. Diese Videos (meist sind es Videos) werden gerne geglaubt, weil sie über die Algorithmen der Social Media-Plattformen treffsicher an die jeweilige Zielgruppe ausgespielt werden.
„Die Medienumgebung hat sich stark verändert“, zitiert die Tageschau Lena Frischlich, Professorin am Digital Democracy Center (DDC) der University of Southern Denmark. „Es ist viel leichter geworden, vor allem über digitale und soziale Medien eine große Öffentlichkeit zu erreichen. Und das führt dazu, dass auch unbestätigte Informationen viel leichter verbreitet werden können.“

Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass die Menschen immer mehr Zeit online verbringen. Dadurch kommen sie öfter mit Falschbehauptungen in Kontakt, was die Desinformation wieder verstärkt. Dabei sind viele der z.B. von staatlichen Akteuren erstellten KI-Inhalte nicht mehr als solche zu erkennen.
Trotzdem gibt es einige Anhaltpunkte, auf die man achten kann, um künstlich generierte Inhalte zu erkennen. So werden manchmal Schatten und Reflexionen falsch dargestellt. Ein wichtiges Indiz ist allerdings der Kontext. Wenn z.B. die Menschen im Bild seltsam unberührt von den drohenden Gefahren und dem Chaos sind, die sie umgeben, dann hat man es in der Regel mit KI zu tun. Denn der KI fehlt z.B. das instinktive Wissen, dass von schnell rotierenden Teilen ausgeht (siehe Bild rechts).
Der besondere Twist
Warum Desinformation so wirksam ist, liegt auch in der Geschwindigkeit, mit der die Inhalte erstellt werden. Bevor klassische Medien eine Story ausrecherchiert und die Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft haben, können falsche KI-Inhalte bereits ihren Weg über Social Media finden. Bei kontroversiellen Themen spielt auch das Phänomen des „Rage Baitings“ oder des „Wutköderns“ eine Rolle. Sprich die Desinformation ist bewusst möglichst provozierend, um möglichst viele Reaktionen im Netz zu erzeugen, was wiederum bewirkt, dass die Social Media-Plattform diese Beiträge öfters ausspielt.
Wer jetzt meint, dass hinter solchen Desinformationskampagnen ausschließlich staatliche oder wirtschaftliche Akteure stehen, welche organisiert die Meinung manipulieren wollen, für den gibt es nun einen besonderen Twist. Denn viele dieser Beiträge werden von einer wachsenden Anzahl von Content-Creators in Pakistan, Sri Lanka und anderen Staaten des globalen Südens erstellt, wie Niamh McIntyre vom Bureau of Investigative Journalism in ihrem sehr lesenswerten Beitrag auf TheGuardian, Who’s behind the Facebook page posting hateful AI slop about the UK? The answer might lie in south Asia, darlegte. Demnach erstellen diese Creators möglichst provokative und oft rassistische Inhalte, die viele Male angeklickt werden. Das schafft wiederum ein interessantes Werbeumfeld für Social Media-Plattformen, die diese Creatoren an den Werbeeinnahmen beteiligen. Wie McIntyre recherchierte, verdienen diese jungen Männer – oft sind es junge Männer – ein Vielfaches des Durchschnittslohns ihrer jeweiligen Heimatländer. Dagegen spielen mögliche negative Folgen solcher Desinformation weder für die Social Media-Plattformen noch den Content-Creators eine Rolle.
Was tun?
Was kann man allerdings gegen solche Desinformationskampagnen tun? Zuerst einmal tief durchatmen. Sollte man in seinem Social Media-Stream auf eine offensichtliche Desinformation stoßen, ist das Beste, diese zu ignorieren – ansonsten füttert man den Algorithmus.
Sollte man sich allerdings unsicher sein, dann gibt es unterschiedliche Methoden zur Überprüfung des Wahrheitsgehalts von Information. Neben seriösen Medien kann man sich auch Seiten wie Mimikama wenden, um Informationen zu überprüfen.
Was man nicht tun sollte, ist zweifelhafte Inhalte gedankenlos weiter zu verteilen. Oft sind Informationen, die zu schön sind, um wahr zu sein, in der Regel weder Informationen noch wahr. Und auch mit seinen „Likes“ sollte man geizig sein. Denn wie man sieht, haben diese einen durchaus realen Wert.


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