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Mittwoch, 10. Juni 2026
Das Gefühl, nie ganz abschalten zu können

Können wir noch Ruhe?

Julia Jamy | 24.05.2026 | Bilder | |  Meinung
Solche Situationen beobachte ich in letzter Zeit leider immer öfter. Solche Situationen beobachte ich in letzter Zeit leider immer öfter. (© KI generiert) Wir scrollen beim Warten auf die U-Bahn, hören Podcasts beim Kochen und checken nebenbei das Handy, selbst wenn eigentlich gerade nichts passiert. Aber was macht das eigentlich mit uns, wenn selbst die kleinen ruhigen Momente kaum noch wirklich ruhig sind?

Beim Gassi gehen fällt mir in letzter Zeit immer wieder etwas auf: Viele Leute laufen mit ihrem Hund durch die Gegend und schauen dabei die ganze Zeit aufs Handy. Während der Hund schnuppert, stehen bleibt oder einfach vor sich hin geht, ist die Aufmerksamkeit oft ganz woanders. Und jedes Mal denke ich mir: Eigentlich ist das doch genau so ein Moment, der ruhig sein könnte. Draußen sein, frische Luft, Bewegung. Außerdem steht der Sommer vor der Tür, die Sonne scheint –  also eigentlich perfekt, um kurz innezuhalten und den Moment zu genießen. Aber selbst das wird automatisch mit dem nächsten Input gefüllt, weil man könnte ja schließlich eine wichtige Nachricht auf Facebook, Instagram oder sonst wo verpassen.

Irgendwie kommt mir immer mehr vor, dass selbst ruhige Momente oft nicht mehr wirklich ruhig sind. Und ich muss mich dabei selbst auch an die Nase nehmen: Beim Kochen läuft bei mir oft nebenbei ein Podcast. Beim Warten auf die U-Bahn wird gescrollt und während einer Serie schaue ich nebenbei aufs Handy. Das Seltsame ist: Diese einzelnen Dinge passieren oft automatisch und fühlen sich im ersten Moment harmlos und nicht so schlimm an. Eine Nachricht hier, ein kurzes Video dort, ein bisschen Musik nebenbei. Aber zusammen entsteht irgendwann das Gefühl, dass man nie wirklich zur Ruhe kommt.

Vielleicht erklärt das auch, warum viele sich ständig irgendwie ausgelaugt fühlen, ohne genau sagen zu können warum. Selbst kleine Dinge wirken manchmal anstrengender als früher. Entscheidungen nerven schneller, echte Ruhe fühlt sich fast ungewohnt an und freie Zeit ist oft sofort wieder mit irgendwas gefüllt. Und das liegt nicht nur am Handy. Irgendwie zieht heute ständig irgendwas an unserer Aufmerksamkeit. Nachrichten, Apps, Werbung, Termine, irgendwas ploppt immer auf und will sofort beachtet werden. Studien deuten darauf hin, dass genau dieses Muster besonders belastend sein könnte. Forscher der Aalto-Universität in Finnland fanden kürzlich heraus, dass nicht die gesamte Bildschirmzeit entscheidend ist, sondern vor allem die vielen kurzen Unterbrechungen durch das Smartphone. Besonders gestresst waren Teilnehmer, die ihr Handy nur kurz nutzten, es weglegten und kurz darauf wieder unterbrochen wurden.

Vor allem Messaging- und Social-Media-Apps spielen dabei eine Rolle. Push-Nachrichten reißen Menschen immer wieder aus Konzentration, Gesprächen oder Erholung. Dieses ständige „An und Aus“ scheint das Gehirn stärker zu belasten als längere, bewusst eingeplante Nutzung. Die Forscher empfehlen deshalb „Stapelverarbeitung“ oder „Batching“: Nachrichten und E-Mails gebündelt zu festen Zeiten zu bearbeiten, statt ständig zwischendurch aufs Handy zu schauen.

Umso spannender fand ich ein Projekt, von dem ich kürzlich gelesen habe: In Wien hat nämlich ein Pop-up-Café eröffnet, das genau in die andere Richtung geht. Das Projekt „Offline Oida“ ist ein Ort, an dem man Handys und Laptops bewusst weglegt. Stattdessen gibt es Dinge wie Gespräche, Lesen, Brettspiele oder einfach mal nichts gleichzeitig machen. Sogar große Unternehmen greifen das Thema inzwischen auf: IKEA Deutschland führt beispielsweise seinen Filialen eine „Stille Stunde“ ein. Dann wird die Musik ausgeschaltet, es gibt weniger Durchsagen und insgesamt eine ruhigere Atmosphäre beim Einkaufen. Kleine Dinge, aber sie zeigen ziemlich gut, wie sehr das Bedürfnis nach weniger Reizen gerade wächst.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Dass Ruhe heute nicht mehr einfach da ist, sondern wieder aktiv geschaffen werden muss. Und dass sie sich inzwischen fast ungewohnt anfühlt, obwohl sie eigentlich das Normalste der Welt sein sollte.

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Solche Situationen beobachte ich in letzter Zeit leider immer öfter.
Solche Situationen beobachte ich in letzter Zeit leider immer öfter. (© KI generiert)
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