Die Leiden des nicht mehr ganz so jungen W.
Auch im öffentlichen Nah- und Fernverkehr gilt: Man weiß nie, was man bekommt – oder ob überhaupt irgendetwas kommt… (© ÖBB)
Der „nicht mehr ganz so junge W.”, das bin natürlich ich, und – meinen Überzeugungen geschuldet – irgendwie selbst auch ein bisschen auch mitschuld an meinem Leiden bzw. dem Erlittenen. Die Stichworte lauten ÖBB und ORF, zwei Unternehmen, die eigentlich Institutionen in Österreich sind – und es einem mit geradezu ungeheuerlicher Impertinenz immer wieder aufs Neue schwer machen, ihnen gewogen zu bleiben.Es gibt für mich zwei entscheidende Argumente, warum ich für meine regelmäßigen beruflichen Wien-Besuche lieber den Zug als das Auto nehme: Erstens, weil der öffentliche Verkehr ökobilanztechnisch immer um Häuser besser abschneidet als der Individualverkehr (was übrigens auch für E-Mobilität gilt), und zweitens, weil sich im Zeitalter von Laptop und mobilem Internet die Fahrt im Zug (bzw. die Wartezeit am Bahnhof) ganz hervorragend zum Arbeiten nutzen lässt. Das spart sogar doppelt Zeit, weil die Cooldown-Phasen, die nach der Teilnahme mit dem Auto am Wiener Straßenverkehr in 99 von 100 Fällen notwendig sind, ebenfalls entfallen.
Blöd wird es allerdings, wenn man versucht, Termine und Fahrzeiten so planen, dass sich der Familienalltag mit den zig kleineren und größeren To-dos auch noch mitorganisieren lässt – und man dann trotz aller Bemühungen am Verkehrsmittel scheitert. So passiert Mitte März, als ich früh wieder retour sein und daher den Zug um 15 Uhr nehmen wollte. Der fiel an diesem Tag aber leider aus – was für einen Nutzer der Franz-Josefs-Bahn bedeutet, zwei Stunden auf den nächsten Zug warten zu müssen. Der fiel an diesem Tag aber leider auch aus, was – der erhöhten Frequenz zur abendlichen Rush-hour sei Dank – dann nur noch eine weitere Stunde Wartezeit bedeutete. Auf meine E-Mail-Anfrage bezüglich einer Entschädigung erhielt ich von der ÖBB-Servicestelle folgende, meines Erachtens in Hinblick auf die (offensichtlich fehlende) Unternehmenskultur durchaus bezeichnende Auskunft : „Eine Verspätungsentschädigung gemäß Fahrgastrechte ist vorgesehen, wenn Sie Ihr Zielbahnhof mit mindestens 60 Minuten Verspätung erreicht haben und bei der Reise ein Fernverkehrszug ebenfalls gebucht /benutzt wurde. Bitte haben Sie Verständnis dafür, da Ihre Reise ausschließlich mit Nahverkehrszügen geplant / durchgeführt wurde, ist eine Entschädigung nicht vorgesehen.” Aha – hätte ich zwei Stationen mit einem Fernverkehrszug fahren wollen, würde die Welt also anders aussehen als bei geplanten eineinhalb Stunden im Nahverkehrszug ins Waldviertel. Übrigens: Die Entschädigung, sofern sie einem zuerkannt wird, macht bei der ÖBB stolze 50% des Ticketpreises aus. Zweites interessantes Detail, das ich in einem anderen Zusammenhang gelesen habe: Die imposante Pünktlichkeitsstatistik der ÖBB (2025 erreichten 94% der Züge ihr Ziel mit weniger als 5 Minuten Verspätung) fußt im Wesentlichen darauf, dass ausgefallene Züge nicht mit eingerechnet werden…
In den vergangenen Wochen wurde mir das Pendeln von einem äußerst mühsamen Schienenersatzverkehr doch einigermaßen vermiest, da dies für mich bedeutete: Wie üblich mit dem Bus zum Bahnhof, dann ca. 30 Minuten Zugfahrt, gefolgt vom ca. 45-minütigen Schienenersatzverkehr per Bus und weiteren ca. 30 Minuten Zugfahrt – und retour genauso, d.h. jeweils 3x statt 1x umsteigen. Aber auch das nimmt der überzeugte Bahnfahrer natürlich in Kauf. Blöd wird es allerdings, wenn man im letzten Zug nach Hause sitzt, dieser ein paar Minuten Verspätung aufreißt und man deshalb seinen Anschluss-Bus verpasst. So passiert vor zwei Wochen. In der Woche darauf war meine Freude ob des Endes des Schienersatzverkehrs groß – nur um dann festzustellen, dass auch hier gerade einmal 6 Minuten Verspätung ausreichten, um den letzten Bus nicht mehr zu erwischen. Gestrandet an einem Mittwoch um 22:15 Uhr in Göpfritz an der Wild – zusammen mit zwei Herren, die das gleiche Schicksal erlitten, allerdings noch eine deutlich weitere Heimreise vor sich hatten. Einen Anruf, eine nette Unterhaltung und eine geschlagene Stunde später saß ich in einem Auto Richtung meiner Heimatstadt Waidhofen an der Thaya – die ich statt um 22:30 Uhr schließlich um 23:45 Uhr erreichte. Die Mails an die ÖBB habe ich mir und den ohnehin sicher mit weitaus Wichtigerem beschäftigten Servicemitarbeitern in beiden Fällen erspart – war ja im Grunde eh nix, oder?
Und dann kam der Tag des ersten WM-Gruppenspiels der ÖFB-Elf. Den erstaunlicherweise fast menschenleeren Zug kurz vor 6 Uhr bestiegen, Handy gezückt, ORF-Stream geöffnet und zu meiner Überraschung fast unterbrechungsfrei die erste Halbzeit gesehen (das soll auf der Fahrt durch die Waldviertler Pampa etwas heißen). Als der ORF-Player in Hälfte zwei plötzlich Macken machte, schalt ich dafür gedanklich zunächst noch die miese Internetverbindung, nur um dann etwas später an diesem Tag zu erfahren, dass ich einer von mehr als 260.000 Nicht-Zusehern gewesen war. Da hatte sich der ORF schon innigst für ein technisches Gebrechen entschuldigt, für das man aber eigentlich den technischen Dienstleister – die APA – verantwortlich machte (Ob ein gewisser Herr Pig hier eventuell Licht ins Dunkel bringen könnte?). Wer hätte auch ahnen können, dass die Pendler im morgendlichen Verkehr einen Blick auf den ersten WM-Auftritt der Nationalmannschaft seit 28 Jahren wagen würden? Ich tröste mich damit, dass der Ausgleich, das aberkannte Führungstor, dann das doch endlich erzielte 2:1 und das gesamte nervenaufreibende Rundherum mich wahrscheinlich 2 Wochen Lebenszeit gekostet hätte, die ich nun quasi on top noch zur Verfügung habe. Gesehen hätte ich das Match aber trotzdem gerne. Und eines muss man aus meiner Sicht doch festhalten: Dem ORF (immerhin das führende Medienhaus des Landes), der unter derart scharfer Beobachtung von allen Seiten steht und der derart bemüßigt ist, alles richtig und korrekt zu machen, darf so etwas einfach nicht passieren. Grundsätzlich nicht und schon gar nicht in einem solch entscheidenden Moment.
Wann immer solche „Hoppalas” geschehen, stelle ich mir die Frage, welche Konsequenzen daraus für ein durchschnittliches privatwirtschaftliches Unternehmen (z.B. einen typischen österreichischen Elektrofachhändler) resultieren würden. Allzu oft würde Derartiges wohl nicht durchgehen… Trotzdem will ich mich auch gar nicht allzu lange über ÖBB und ORF ärgern, sonst ist die gewonnene Lebenszeit ja gleich wieder futsch. Eines möchte ich den „Großen“ (und dazu zählen bei weitem nicht nur die beiden genannten Unternehmen) jedoch in Erinnerung rufen: Kunden sind auch nur Menschen!

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