Freiwillig oder längst Pflicht?
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Ich gebe gerne Trinkgeld. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass aus einem freiwilligen Dankeschön immer öfter eine Erwartung geworden ist.Die Urlaubszeit steht vor der Tür und damit für viele die schönste Zeit des Jahres. Doch mit dem Urlaub kommt auch wieder eine Frage auf, die irgendwie jedes Jahr aufs Neue auftaucht: Wem gibt man eigentlich Trinkgeld und wie viel? Ausgerechnet letzte Woche hat mich das Thema wieder eingeholt. Ich war beim Reifenwechsel. Alles hat bestens funktioniert, die Mitarbeiter waren freundlich und alles verlief schnell und unkompliziert. Beim Bezahlen geriet ich dann kurz ins Zögern. Gibt man jetzt Trinkgeld? Und wenn ja: Wem? Dem Mechaniker, der die Reifen gewechselt hat? Oder der Dame am Empfang? Oder niemandem? Ich stand da und dachte mir: Früher war das irgendwie einfacher.
Denn Trinkgeld war einmal eine ganz klare Sache. Im Lokal ließ man ein paar Euro liegen und dem Friseur gab man etwas extra. Es war ein kleines Dankeschön für guten Service. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass Trinkgeld plötzlich überall Thema ist und teilweise aus dem Ruder gelaufen ist. Selbst beim Bezahlen mit der Karte erscheint oft schon automatisch die Frage, ob man 10, 15 oder 20 Prozent geben möchte. Manchmal sogar dann, wenn man sein Essen zum Beispiel selbst an der Kassa abgeholt hat oder sich die Bestellung selbst zusammengestellt hat. Da fragt man sich schon: Wofür eigentlich?
Vor ein paar Tagen erzählte mir dann eine Freundin eine Geschichte, bei der ich zuerst dachte, sie macht einen Scherz. Sie hatte einen Parkettboden gekauft und selbst abgeholt. Beim Verladen soll ihr der Verkäufer gesagt haben: „Wenn du nicht mindestens 100 Euro Trinkgeld gibst, lade ich dir den Parkettboden wieder runter.“ Ich hoffe wirklich, dass das eher als schlechter Scherz gemeint war. Denn wenn Trinkgeld zur Bedingung wird, damit jemand seine Arbeit ordentlich erledigt, dann hat das meiner Meinung nach mit Wertschätzung nichts mehr zu tun.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gebe gerne Trinkgeld. Dem Kellner, der trotz vollem Gastgarten freundlich bleibt. Dem Friseur, der sich auch nach Ladenschluss Zeit für mich nimmt oder dem Taxifahrer, der mich sicher nach Hause bringt. Und natürlich dem Zimmermädchen, das jeden Tag im Urlaub alles ordentlich macht. Gerade im Urlaub wird das Thema Trinkgeld oft noch spannender. In vielen Ländern gehört es einfach zur Kultur. Während man in Österreich mit fünf bis zehn Prozent gut liegt, gelten in den USA mittlerweile 20 Prozent oder mehr fast schon als selbstverständlich. Das hat allerdings einen besonderen Grund: Viele Beschäftigte in der Gastronomie sind dort vom regulären Mindestlohn ausgenommen und verdienen oft nur etwas mehr als zwei Dollar pro Stunde. Sie sind also auf das Trinkgeld angewiesen.
Doch genau dieses System gerät inzwischen immer stärker in die Kritik, sogar in den USA selbst. Umfragen zeigen, dass fast zwei Drittel der Amerikaner der Trinkgeldkultur zumindest teilweise kritisch gegenüberstehen. Viele finden, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter fair bezahlen sollten, anstatt die Verantwortung auf die Kunden abzuwälzen. Ebenso viele haben das Gefühl, dass die Trinkgeldkultur mittlerweile übertrieben ist. Und die immer häufiger auftauchenden Trinkgeld-Abfragen auf Kartenterminals sorgen zusätzlich für Unmut. Interessant ist auch: Mehr als jeder Vierte gibt bewusst weniger oder gar kein Trinkgeld, wenn er sich durch solche vorgegebenen Trinkgeld-Fenster unter Druck gesetzt fühlt.
Genau das zeigt meiner Meinung nach ganz deutlich: Trinkgeld sollte von Herzen kommen und nicht, weil man sich dazu verpflichtet fühlt. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen schönen Sommer und allen, die in den nächsten Tagen in den Urlaub starten, eine gute Reise. Vielleicht mit ein paar Euro Trinkgeld im Geldbörserl. Aber nur dort, wo es sich auch wirklich richtig anfühlt.

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