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Mittwoch, 15. Juli 2026
3000 Gründe zum Innehalten – oder auch nicht

Heute schon einer Giraffe gewürdigt?

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 21.06.2026 | Bilder | |  Meinung
Heute am 21. Juni ist Welttag der Musik. Heute ist aber auch Welttag der Giraffe. Es ist ebenso Welttag des Motorrads, Internationaler Yogatag, internationaler Tag zur Feier der Sommersonnenwende und viele mehr. Ich frage mich: Warum gibt es so viele Gedenktage (nämlich mehr als das Jahr Tage zählt) und ist das wirklich alles ernst zu nehmen?

Neben den religiösen und staatlichen Feiertagen wie Neujahr, den heiligen 3 Königen, Ostermontag, Christi Himmelfahrt, dem Staatsfeiertag, etc (Österreich at 13 gesetzliche Feiertage) gibt es auch noch sogenannte „Ehrentage“ wie zB. Vatertag und Muttertag. Das wusste ich. Ich wusste auch, dass es skurrile „Gedenktage“ wie den Welttoilettentag (19.11.) oder (weil ich darüber schon mal einen Kommentar geschrieben habe) den „Tag der verlorenen Socke“ (9.5.) gibt. Aber das so viele Gedenk- und Ehrentage existieren, das wusste ich nicht.

Abhängig von der Quelle, der man sich bedient, sind es mehr als 3.000 Welttage, Internationale Tage des… und Aktionstage. Das Jahr hat in der Regel 365 Tage, also ist jeder Tag davon im Schnitt mit 8,5 Anlässen „belegt“, derer man gedenkt.

Wie soll ein durchschnittlicher Mensch das alles unter einen Hut bringen?

Grundsätzlich finde ich die Idee nicht schlecht bzw. den ursprünglichen Grundgedanken durchaus ehrenwert: Gedenktage dienen dazu, das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Sie sollen verhindern, dass historische Tragödien (Stichwort Zweiter Weltkrieg) in Vergessenheit geraten. Sie sollen als Aufforderung dienen aus der Geschichte zu lernen und  die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf aktuelle gesellschaftliche, gesundheitliche sowie ökologische Themen lenken. Und auch das Gemeinschaftsgefühl soll gestärkt werden. So weit so gut. Ich stelle an diesem Punkt allerdings die Behauptung auf, dass das nicht für jeden der über 3.000 Gedenktage gilt bzw gelten kann.

Nehmen wir nur einmal den heutigen 21. Juni: Da wird gleichzeitig der Welttag der Giraffe, der Welttag der Musik, der nationale Tag des Smoothies, der Welttag des Motorrads, der Welttag des Yoga, der Welttag der Muschel, der Selfie-Tag, der Gong-Tag, der „Geh-Skateboarden-Tag“, der „Schätze-das-Tageslicht-Tag“, der „Tag des Pfirsichs mit Sahne“, der Tag des Schlafes und der Tag der Lebensmittelallergie begangen.

Da stellt sich die praktische Frage: Wie soll ein durchschnittlicher Mensch das alles unter einen Hut bringen? Man könnte morgens nach einer besonders erholsamen Nacht den Tag des Schlafes feiern, zum Frühstück einen Smoothie trinken und sich über das Tageslicht freuen, anschließend eine Einheit Yoga machen, dabei Musik hören, ein Selfie mit einer Giraffe posten, auf dem Skateboard zum Motorrad fahren, unterwegs eine Muschel bewundern, einen Gong schlagen und sich zur Belohnung einen Pfirsich mit Sahne gönnen – sofern keine Lebensmittelallergie dagegen spricht. Wer das alles an einem einzigen Tag schafft, hat vermutlich Anspruch auf einen eigenen Aktionstag 😉

Spätestens hier wird klar: Irgendwo zwischen dem Welttag der Bienen und dem Tag der Socke scheint die Grenze zwischen sinnvoller Aufmerksamkeit und kreativer Kalenderfüllung zu verschwimmen. Es wirkt, als würde verzweifelt versucht, jede freie Lücke im Kalender mit irgendeinem Anlass zu füllen. Und es würde mich nicht wundern, wenn es schon bald den internationalen Tag des leicht schief hängenden Bilderrahmens oder den Welttag der zweiten Schublade von oben gibt.

Doch es wäre zu einfach, sich nur darüber lustig zu machen …

Abhängig von der Quelle, der man sich bedient, gibt es mehr als 3.000 Welttage, Internationale Tage des … und Aktionstage.

Die Zahl der Aktionstage ist inzwischen so groß geworden, dass ihr Sinn verloren geht bzw. ihre Wirkung verfehlt wird. Wenn jeden Tag mehrere Dinge unsere besondere Aufmerksamkeit verdienen, bekommt am Ende keines mehr wirklich Beachtung. Dabei finden sich zwischen all den kuriosen und skurrilen Aktionstagen doch immer wieder Themen, die tatsächlich einen Blick wert sind. Der heutige „Welttag der Musik“ gehört zweifellos dazu.

Musik begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Sie verbindet Menschen über Sprachgrenzen hinweg, tröstet, motiviert, begeistert und schafft Erinnerungen. Kaum etwas kann so unmittelbar Gefühle auslösen wie ein Lied. Jeder Mensch hat Melodien, die ihn an bestimmte Augenblicke seines Lebens erinnern: an die erste Liebe, an eine Reise, an eine Familienfeier oder an einen Moment des Abschieds.

Deswegen braucht die Musik eigentlich gar keinen eigenen Aktionstag. Denn sie ist (bei mir zumindest) ohnehin jeden Tag präsent – in der Früh im Radiowecker, beim Frühstück, beim morgendlichen Ritual im Badezimmer, im Autoradio auf dem Weg zur Arbeit, im Kopfhörer beim Spaziergang, in der Bar beim After-Work-Drink, bei einem Fest, einem Konzert, beim Kochen in der Küche und beim Entspannen im Wohnzimmer.

Ich denke – und vielleicht liegt darin sogar eine Lehre aus der Flut der Aktionstage: Nicht alles, was wichtig ist, braucht einen Eintrag im Kalender. Manche Dinge verdienen Aufmerksamkeit, weil sie unser Leben jeden Tag aufs Neue bereichern. Und so darf man über den Welttag der Socke, den Tag des Pfirsichs mit Sahne oder den Gong-Tag ruhig schmunzeln. Dem Welttag der Musik hingegen kann man guten Gewissens gratulieren. Denn wenn es etwas gibt, das Menschen auf der ganzen Welt tatsächlich verbindet, dann sind es nicht Socken, Giraffen oder Selfies – es ist die Musik. Und die hat ihren großen Auftritt nicht nur heute, sondern an jedem einzelnen Tag des Jahres.

Kalenderhighlights

Und für all jene, die jetzt neugierig geworden sind, welche Skurrilitäten der Kalender noch so bereithält, hier ein Auszug der schrägsten Aktions- und Ehrentage – alleine im Juni:

  1. Juni:
  • Tag der besseren Hautpflege-Gewohnheiten
  • Wirf-eine-Münze-Tag
  • Tag der Game-Show
  1. Juni
  • Verlass-früh-die-Arbeit-Tag
  • Ich-liebe-meinen-Zahnarzt-Tag
  • Tag des Brathähnchens
  1. Juni
  • Wiederhole-alles-Tag
  1. Juni
  • Umarme-Deine-Katze-Tag
  • Tag des Einkaufswagens
  1. Juni
  • Tag des Würstchens im Blätterteig
  1. Juni
  • Sprich-langsam-Tag
  • Tag gegen Bettwanzen
  1. Juni
  • Nimm-Deine-Katze-mit-zur-Arbeit-Tag (am 20. Juni soll man seinen Hund mitnehmen)
  1. Juni
  • Tag der Küchenabluftfilterreinigung
  • Iss-Dein-Gemüse-auf-Tag
  1. Juni
  • Welttag des Schlenderns (auch Weltbummeltag)
  1. Juni
  • Tag des Teilens von positivem Content in den Medien
  1. Juni
  • Tag der Weltherrschaft der Katzen

Im Juli gibt es dann noch den …

  • Habe-ich-vergessen-Tag (2.7.)
  • Schmeichle-Deinem-Spiegelbild-Tag (3.7.)
  • Tag der Schriftart Comic Sans (4.7.)
  • Brate-Eier-auf-dem-Gehweg-Tag (4.7.)
  • Umarme-virtuell-einen-Virtuellen-Assistenten-Tag (6.7.)
  • Lade-Deinen-Webmaster-zum-Mittagessen-ein-Tag (6.7.)
  • Tritt-nicht-auf-eine-Biene-Tag (10.7.)
  • Sei-nett-zu-Käfern-Tag (14.7.)
  • Nationaler Tag des Gesprächs im Aufzug (25.7.)
  • Nadel-Einfädelungstag (25.7.)
  • Alles-oder-nichts-Tag (26.7.)
  • Tag der Schlafmütze (27.7.)
  • Geh-mit-deiner-Hose-spazieren-Tag (und: Geh-mit-Deiner-Zimmerpflanze-spazieren-Tag am 27.7.)
  • Zu-spät-komm-Tag (30.7.)
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