Viel Aufregung um wenig: Was hinter den ORF-Abschaltungen steckt
Die Diskussion dreht sich lediglich um einige ländliche Standorte und die dortige Empfangssituation – in Wien und anderen Ballungszentren bleiben die Sendeanlagen unverändert bestehen. (© Big Blue Marble)
„ORF dreht ab! Sendeschluss für 64.000 Zwangsgebührenzahler“: Mit dieser Schlagzeile sorgte die „Kronen Zeitung“ vergangenen Sonntag für Aufregung. Auch die FPÖ griff die Meldung auf und sprach von einem weiteren „unfassbaren Skandal“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das Problem: So, wie die Geschichte dargestellt wurde, stimmt sie nicht.„Der Staatsfunk dreht acht Bundesländern einfach die Sender ab.“ Mit dieser zugespitzten Darstellung sorgte die „Kronen Zeitung“ vergangenen Sonntag für Aufsehen. Die Geschichte ist schnell erzählt: In Gemeinden mit insgesamt 64.000 Einwohnern werden bis Jahresende terrestrische TV- und Radioanlagen abgeschaltet, während die Haushaltsabgabe natürlich weiterbezahlt werden muss. Auch der Vorwurf, der ORF missachte damit seinen gesetzlichen Versorgungsauftrag, steht im Raum. Schließlich sieht das ORF-Gesetz vor, die Programme auch terrestrisch zu verbreiten. Betroffen sind laut dem Bericht MUX-A- und UKW-Anlagen. Doch ganz so dramatisch ist die Sache nicht.
Was tatsächlich abgedreht wird
Der ORF stellt klar: Niemandem werden einfach Fernsehen und Radio abgedreht. Vielmehr wird das terrestrische Sendernetz österreichweit optimiert. Bis Jahresende sollen Kleinstsendeanlagen in Randlagen außer Betrieb genommen werden. In den meisten Fällen sind diese Standorte bereits durch andere Sendeanlagen abgedeckt. Die Netzabdeckung des ORF-Sendernetzes soll laut ORF weiterhin bei 99 Prozent des österreichischen Bundesgebiets liegen. Auch die Versorgung im Krisenfall bleibe damit gewährleistet. Gleichzeitig sollen durch die Maßnahmen rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden.
Ein wichtiger Punkt geht in der ursprünglichen Darstellung allerdings etwas unter: Die genannten 64.000 Personen sind nicht automatisch 64.000 betroffene TV- oder Radiohaushalte. Laut ORF empfangen rund 94 Prozent der Österreicher die Programme über Satellit, Kabel oder Streaming. Nur etwa sechs Prozent nutzen die Antenne. Außerdem haben viele Haushalte ohnehin mehrere Empfangswege. Die Zahl jener Menschen, die durch die Abschaltungen tatsächlich etwas bemerken, dürfte daher deutlich kleiner sein. Und selbst dann ist nicht automatisch Schluss mit dem ORF-Empfang: In vielen Fällen reicht ein Frequenzwechsel oder ein neuer Sendersuchlauf. Alternativ stehen weiterhin Satellit, Kabel oder Streaming zur Verfügung.
Die FPÖ lässt nicht locker
Damit könnte die Sache eigentlich geklärt sein. Ist sie aber nicht. Denn auch nachdem der ORF seine Sicht der Dinge klargestellt hat, legt die FPÖ weiter nach. Bei einer Pressekonferenz griffen FPÖ-Generalsekretär und Mediensprecher Christian Hafenecker sowie ORF-Stiftungsrat Peter Westenthaler den ORF erneut scharf an. Man habe den öffentlich-rechtlichen Rundfunk „knallhart erwischt“. Hafenecker präsentierte Details aus einem internen ORF-Papier. Demnach sollen bis November 55 Fernsehsender und 17 UKW-Radiosender schrittweise stillgelegt werden, also insgesamt 72 Anlagen. Betroffen sei rund ein Fünftel des terrestrischen Sendernetzes.
Die FPÖ spricht von einer „heimlichen Abschaltung“ und kritisiert vor allem, dass die Bevölkerung weiterhin die Haushaltsabgabe bezahlen müsse. Hafenecker wirft dem ORF vor, die ländliche Bevölkerung vom Netz zu nehmen und damit seine eigene Existenzberechtigung zu untergraben. Gerade im Katastrophen- und Krisenfall sei das problematisch, argumentiert die FPÖ. Wenn ausgerechnet der ländliche Raum, der immer wieder von Naturkatastrophen betroffen ist, bei der terrestrischen Versorgung Einschränkungen hinnehmen müsse, widerspreche das dem öffentlich-rechtlichen Versorgungsauftrag.
Ganz ohne Kritik kommt der ORF nicht davon
Dass der ORF seine Senderstandorte optimiert, heißt allerdings nicht, dass man die Sache einfach abhaken kann. Eine berechtigte Frage bleibt: Wie gut werden jene informiert, die tatsächlich betroffen sein könnten? Wer seine Programme ausschließlich über Antenne oder UKW empfängt, sollte schließlich nicht erst dann von einer Umstellung erfahren, wenn plötzlich der Bildschirm schwarz bleibt oder das Radio verstummt.
Andererseits ist auch nachvollziehbar, warum der ORF daraus keine große Informationskampagne macht. Wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen ist und in den meisten Fällen ohnehin eine andere Empfangsmöglichkeit besteht, hält sich die tatsächliche Auswirkung in Grenzen.
Sparen sorgt ebenfalls für Aufregung
Bemerkenswert ist auch die Kritik an der Sparmaßnahme selbst. Der ORF steht seit Jahren unter Druck, Kosten zu senken. Jetzt passiert das tatsächlich und auch das sorgt sofort wieder für Diskussionen. Ob der ORF dabei immer die besten Stellen trifft, kann man natürlich diskutieren. Wenn kleine Senderstandorte ohnehin kaum noch gebraucht werden und von anderen Anlagen mitversorgt werden, ist es zumindest nachvollziehbar, dort zu sparen.
Am Ende bleibt aber vor allem eines: Aus einer technischen Sparmaßnahme wird schnell ein großes Drama gemacht und aus einer Mücke wird dabei ganz schnell ein Elefant.


Gleichzeitig wäre auch „Aufdrehen“ angesagt:
Ausbau der DAB+ – Versorgung unter Teilnahme des ORF (nicht nur ö3).
Neustrukturierung der DVB-T2-Muxe („simpli-TV“), dass alle relevanten (nicht nur gegen Aufpreis empfangbaren) Programme im Mux A, der auf allen Standorten gesendet wird, ausgestrahlt werden.
Ich frag mich eher warum es nicht den großen Aufschrei außer von mir, gegen die Verschlüsselung über Antenne gegeben hat….
Da sind die Freiheitlichen wieder etwas Großem auf der Spur. Ein Skandal der einmal nicht sie betrifft und sei er noch so unscheinbar und nahezu wertlos, gehört ordentlich ausgeschlachtet!
Bravo liebe FPÖ Wählerinnern und Wähler, das ihr uns mit diesen intelligenten, integren Ausnahmepoliktern so reich beschenkt habt.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie ungeschickt öffentlich-rechtliche Institiutionen kommunizieren. Da hat man die stärkste Medienplattform der Republik zur Verfügung und schafft es nicht, seine User zu informieren. Reden die Menschen am Küniglberg nicht miteinander?
Wenn man in einer Gegend wohnt, wo man seit ewig + 3 Tage ohnehin keinen terrestrischen Empfang hat, ist einem das wurst. Das kann durchaus im Nahgebiet Wiens sein, nicht in „Randlagen“.
Klar sind das die gleichen Gegenden, wo sich die österr. Telekom“-Pioniere“ stets vor dem Ausbau des festen oder des mobilen Netzes drückten und wo selbst die besten Sat-Monteure aufgeben mussten.