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Sonntag, 13. September 2026
Kommentar: Abenteuer Urlaubsflieger

Boarding completed. Benehmen not found.

Über den Rand | Stefanie Bruckbauer | 30.08.2026 | Bilder | | 2  Meinung
Fliegen ist toll! ... überhaupt wenn es in den Urlaub geht. Grundsätzlich stimmt das. Aber so ein Flug kann heutzutage auch schnell einmal zur Belastungs- und Zerreißprobe für das meist ohnehin schon urlaubsreife Nervenkostüm werden … (Bild: pixabay.com) Fliegen ist toll! ... überhaupt wenn es in den Urlaub geht. Grundsätzlich stimmt das. Aber so ein Flug kann heutzutage auch schnell einmal zur Belastungs- und Zerreißprobe für das meist ohnehin schon urlaubsreife Nervenkostüm werden … (Bild: pixabay.com) Vor langer Zeit war Fliegen etwas Besonderes, Elitäres, das sich nicht jeder leisten konnte. Heute fliegt fast jeder irgendwann mal in den Urlaub. Und ist man nicht gerade von Flugangst gebeutelt, ist es auch meist ein tolles Erlebnis, so über den Wolken zu schweben und in verhältnismäßig kurzer Zeit von einem Eck der Welt in ein anderes zu kommen. Alles schön und gut also? Nicht zwingend. Denn so ein Flug kann heutzutage schnell mal zur Belastungs- und Zerreißprobe für das meist ohnehin schon urlaubsreife Nervenkostüm werden …

Stellen Sie sich vor: Der Urlaub steht bevor. Es ist Tag der Abreise. Sie sind am Flughafen. Es hat 35 Grad – egal wo, ob drinnen oder draußen. Das Gewand klebt am Körper. Der Flieger hat drei Stunden Verspätung, wobei die Fluggesellschaft das nicht einfach so kommuniziert, sondern mit Salamitaktik scheibchenweise preisgibt. Immer werden es weitere 20 Minuten und weitere 20 Minuten und weitere 20 Minuten, um die sich der Abflug nach hinten verschiebt, wie die knarrzende Stimme aus dem Lautsprecher jedes Mal aufs Neue bemüht heiter verkündet. 20 Minuten – gerade „kurz“ genug, damit man sich noch denkt „ist ja nicht so schlimm …“ und lange genug, um sich noch schnell einen völlig überteuerten Erfrischungsdrink am Gate zu holen, der schlicht grauslig schmeckt. Aber am Flughafen redet man sich alles schön. Dieses Gefühl von Abenteuer und Grenzenlosigkeit, dieser Hauch von „die Welt steht mir offen und nichts kann mich bremsen“ lässt großmütig über all die Widrigkeiten hinwegsehen.

Rundherum am Gate ebenfalls wartende Passagiere. Viele davon mit „Handgepäck“, das äußerlich die Maße eines Kühlschranks aufweist. Diese Leute scheinen mittlerweile überzeugt zu sein, dass das Aufgabegepäck eine Erfindung dunkler Mächte ist. Und so wird lieber versucht, ein Kinderbettgroßes Gepäckstück in ein Fach zu pressen, das ursprünglich für eine Jacke und ein Buch vorgesehen war, was prinzipiell für Diskussionen an Bord sorgt. Mir entlockt es stets ein Stirnrunzeln und die Überlegung, ob es tatsächlich unzumutbar ist, nach der Ankunft 20 Minuten zu warten, bis das Reisegepäck am Band anrollt?

Wie auch immer …

Auch beim Boarding erlebt man heutzutage immer das selbe Schauspiel. Das Bordpersonal sagt durch, dass das Flugzeug in Kürze betreten werden darf und dass mit den Business Class-Gästen begonnen wird, gefolgt von den Passagieren des Bereichs A. Wie von der Tarantel gestochen springt ein Großteil der Wartenden auf, darunter auch viele, die weder ein Business Classticket haben noch einen Sitz im Bereich A. Was glauben diese Leute? Dass die Durchsage nur als Anregung gedacht war? Dass die Stewardess nicht genau aufs Ticket schaut? Oder, dass sich das Programm, mit dem die Tickets gecheckt werden, nicht genau scannt? Wie das Amen im Gebet werden die Leute mit den weiter hinten gereihten Sitzplätzen wieder in die wartende Menge geschickt. Insgesamt wird der Boardingprozess dadurch natürlich unnötig in die Länge gezogen

(Erstellt mit KI)

und wieder frage ich mich: Warum diese Eile? Der Flieger muss ja sowieso warten bis alle eingestiegen sind und außerdem warte ich doch lieber im halbwegs bequemen Sessel am Gate, als beengt und vom beleibten Sitznachbarn bedrängt im stickigen Flugzeug …

Irgendwann sitzt man dann jedenfalls verschwitzt und leicht entnervt auf seinem Sitz im Flieger. Nebenan diskutiert ein Paar lautstark darüber wer daran schuld ist, dass man die Ladekabel Zuhause vergessen hat. Hinter einem brüllt sich ein Kleinkind die Seele aus dem Leib während sich seine Eltern völlig entnervt gegenseitig anschreien, doch „endlich etwas zu tun“. Zwei Reihen schräg dahinter spielt ein junger Mann Wettsaufen mit sich selbst, in dem er sich eine Bloody Mary nach der anderen hinter die Binden gießt. Warum sind so viele Leute der Meinung, dass man in einem Flugzeug eine Bloody Mary trinken muss? Ich hab das mal gegoogelt und die Ergebnisse waren durchaus interessant: So hätten (wie National Geographic schreibt) Studien ergeben, dass lauter Hintergrundlärm die Wahrnehmung von Süße dämpft, aber den Umami-Geschmack verstärkt, bzw. dass trockene Kabinenluft und der veränderte Luftdruck die Geschmacksknospen für Salz und Süße beeinflussen, sodass herzhafte Getränke (wie eben zB. eine Bloody Mary) über den Wolken vollmundiger schmecken als am Boden. Ja eh. Ich glaube ja viel eher, dass viele Leute eine Bloody Mary nur deshalb bestellen, weil sie andere Passagiere damit sehen oder weil sie glauben, dass es als klassisches Ritual zum Fliegen dazugehört, und sie alleine durch den Konsum des würzigen Tomatensafts zum Weltenbummler bzw. Kosmopolit werden.

The drama goes on …

(Bild: pixabay.com)

Man selbst versucht die Mini-Dramen, die einen umgeben, so gut wie möglich auszublenden. Immerhin steht der Urlaub bevor, den man sich nicht schon am ersten Tag vermiesen lassen will, und noch während einem der Hintermann seine Knie rhythmisch durch den Sitz ins Kreuz boxt und man sich denkt „es dauert ja eh nicht mehr lange“, klappt plötzlich die Rückenlehne des Vordermanns mit der Eleganz einer Notbremsung nach hinten. Reflexartig greift man nach dem Kaffeebecher, der auf dem ausgeklappten Tischerl vor einem stand, und kann gerade noch verhindern, dass er kippt und sich über den Schoß ergießt. Und dann sitzt man da, inmitten der 7 verstreut liegenden Soletti-Fischerl (dieser großzügigen Airline-Spende, die auf Grund der Vordermannaktion ebenfalls fliegen gelernt hat), das Bordtischerl im Bauch, die Knie darunter eingequetscht und insgesamt so eingekeilt, dass man sich keinen Zentimeter mehr bewegen kann – aber Hauptsache der Vordermann hat es bequem und kann sein Schlaferl machen.

Olfaktorische Highlights

(Bild: Pixabay.com)

Plötzlich wabbert eine olfaktorische Welle vorbei. Zunächst ist es nur ein Hauch von Odeur, das die Nasenhaarspitzen streift, noch undefinierbar und kaum greifbar. Doch rasch trifft der Geruch mit voller Brutalität auf den Geruchsinn im Gehirn und man erkennt: Knoblauch, Thunfisch, Zwiebel und hartgekochtes Ei. Man vermutet kurz, die Bordküche hätte einen Streetfoodmarket eröffnet, dabei hat der Herr vier Reihen weiter vorne einfach nur sein mitgebrachtes Sandwich ausgepackt. Fast schlimmer riecht jedoch die Dame schräg links vorne, die sich vor dem Abflug eindeutig im Dutyfree aufhielt und dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ALLE zum Testen angebotenen Damendüfte ausprobiert hat. Fendi, Gutschi, Armani, Kenzo und CK mischen sich zu einer Moschus-Vanille-Orangenblüten-„Hab ich alles“-Kopfnote, getragen von einer leicht schweißelnden Herznote – Jean-Baptiste Grenouille hätte wahre Freude empfunden! … bei allen anderen ruft dieser nur schwer zu ertragende Duftcocktail zunächst Kopfweh gefolgt von Übelkeit hervor.

Das Wohnzimmer in 10.000 Metern Höhe

Seit einiger Zeit kann man eine, wie ich finde, sehr spezielle Entwicklung beobachten, nämlich dass das Flugzeug zunehmend zum privaten Wohnzimmer in 10.000 Metern Höhe wird. Manche Passagiere scheinen tatsächlich zu glauben, sie seien gar nicht mit 180 fremden Menschen in einer Aluminium- bzw. Faserverbundwerkstoff-Röhre unterwegs, sondern allein daheim auf der Couch. Da werden Nägel lackiert, gefeilt und sogar geschnitten und geknipst, sodass die Abschnitte munter in der Gegend herumfliegen. Es werden die Schuhe ausgezogen, manchmal sogar die Hose. Es werden die Füße – besockt oder nackt – hochgelegt oder zwischen den Vordersitzen durchgesteckt. Es werden Fitnessziele im Mittelgang absolviert und TikTok-Videos produziert, wobei sich die „Filme-Macher“ währenddessen ungeniert über andere Passagiere lehnen oder ihnen sonst irgendwie zu nahekommen – Hauptsache man hat „den besten Clip“.

Besonders beliebt ist es, Musik-Videos ohne Kopfhörer anzusehen. Früher brauchte man für so eine öffentliche Beschallung zumindest noch einen Ghetto-Blaster (oder eine „Portable-Boombox“ wie es mittlerweile heißt). Heute reicht ein Smartphone und die unerschütterliche Überzeugung, dass jeder Anwesende, wirklich jeder, die eigenen Lieblingsclips auch unbedingt hören möchte.

Kein Wunder also, dass sich viele, wie eine kürzlich unter Urlaubern durchgeführte Umfrage von booking.com zeigt, nach Ruhebereichen in Flugzeugen sehnen. Wobei man realistisch bleiben muss: Es würde nach Einführung solcher Zonen vermutlich nicht lange dauern, bis der Erste damit beginnt ein Dance-Video oder Cinematic Reel für Social Media aufzunehmen, und diese Ruhebereiche schneller als man schauen kann zur angesagten Influencer-Eventlocation avancieren.

Am Ende zeigte die Umfrage vor allem eines: Die größten Turbulenzen entstehen längst nicht mehr durch das Wetter. Das eigentliche Unwetter sitzt auf Platz 17B. Es filmt ohne zu fragen seine Kabinentour und kommentiert dies lautstark, knipst seine Fußnägel, turnt durch den Gang, isst einen mitgebrachten Döner mit Knoblauchnote und springt als Erstes nach der Landung blitzartig auf, holt sein kühlschrankgroßes „Handgepäck“ aus dem Fach, wobei die Daruntersitzenden nur knapp dem Erschlagenwerden entgehen, um dann 25 Minuten lang im Mittelgang zu stehen und diesen zu blockieren. Auch so ein Mysterium der modernen Fliegerei, das ich nicht so ganz verstehe …

Was ich hingegen sehr wohl verstehe, ist, dass immer mehr Stimmen lautstark strengere Flugregeln fordern. Eine einzige würde allerdings schon reichen: sich nämlich so zu verhalten, als wären da noch 180 andere Passagiere an Bord. Als Anreiz für umsichtigeres Benehmen könnte man ein automatisches Sitzplatz-Upgrade beim nächsten Flug in Aussicht stellen – ich befürchte allerdings, dass die Business Class dann stets leer bleibt ….

Bilder
Fliegen ist toll! ... überhaupt wenn es in den Urlaub geht. Grundsätzlich stimmt das. Aber so ein Flug kann heutzutage auch schnell einmal zur Belastungs- und Zerreißprobe für das meist ohnehin schon urlaubsreife Nervenkostüm werden … (Bild: pixabay.com)
Fliegen ist toll! ... überhaupt wenn es in den Urlaub geht. Grundsätzlich stimmt das. Aber so ein Flug kann heutzutage auch schnell einmal zur Belastungs- und Zerreißprobe für das meist ohnehin schon urlaubsreife Nervenkostüm werden … (Bild: pixabay.com)
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Kommentare (2)

  1. Regeln sind da um gebrochen zu werden. Sieht man heutzutage leider nicht nur im Charter Flieger. Darum: Noise Cancelling Kopfhörer und eine (völlig überteuerte) Dose Bier und gut ist’s. Auf Tomatensaft bin ich nämlich allergisch.😉.

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