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Sonntag, 13. September 2026
Die Physik verhandelt nicht

„Klimafreaks“ sind nicht das Problem

Hintergrund | Dominik Schebach | 30.08.2026 | Bilder | |  Meinung
Der Klimawandel verursacht auch in Österreich ganz realen Schaden. Damit es an der Donau nicht in ein paar Jahren so aussieht, sollten wir jetzt in die Gänge kommen. Der Klimawandel verursacht auch in Österreich ganz realen Schaden. Damit es an der Donau nicht in ein paar Jahren so aussieht, sollten wir jetzt in die Gänge kommen. (© Firefly) Vergangene Woche hat die Bundesregierung ihr Klimaschutzgesetz vorgestellt. Herausgekommen ist ein windelweicher Kompromiss: CO2-neutral bis 2040, aber keine Sanktionen, sollte jemand nicht mitziehen. Selbst das ist der Industriellenvereinigung zu viel, die Aussage von IV-Präsident Georg Knill von den „Klimafreaks“ hallt mir jetzt noch in den Ohren. Was übersehen wird: Die wichtigste Partei bei den Verhandlungen saß gar nicht am Tisch. Die Physik – und der Klimawandel ist nichts anderes als angewandte Physik – verhandelt nicht. Sie ist und wir werden uns nach ihr richten müssen, und nicht umgekehrt.

Politik, heißt es oft, ist die Kunst des Möglichen. Durch Verhandeln und Abtauschen von Interessen findet man Kompromisse zum Vorteil aller. Das funktioniert guten Willen vorausgesetzt zufriedenstellend, solange es etwas zum Verteilen gibt. Im Fall des Klimawandels geht es allerdings um Zeit und die wird knapp. Jede Tonne des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre trägt zum weiteren Klimawandel bei. Und da so ein CO2-Molekül mehrere hundert Jahre in der Atmosphäre verbleibt, vergrößert jede weitere Verzögerung die negativen Folgen des Klimawandels für die Gesellschaft – und das auf Dauer. Das können wir heute schon ziemlich genau berechnen – und diese Berechnungen verheißen für uns nichts Gutes. Und da reden wir noch gar nicht von den Kipppunkten für das Weltklima, vor denen uns die Wissenschaft immer wieder warnt.

Die negativen Auswirkungen des Klimawandels sehen wir schon heute rund um uns in diesem heißesten Sommer der Messgeschichte mit seinen Dürren. Aber auch andere Katastrophen werden durch den Klimawandel begünstigt. So gehen Glaziologen davon aus, dass Gletscherbrüche wie zuletzt das katastrophale Ereignis in Nepal und Tibet oder im vergangenen Jahr in der Schweiz durch den Klimawandel öfters stattfinden werden. Denn der Sommer 2026 wird als einer der kühlsten Sommer für den Rest unseres Lebens in die Geschichte eingehen. Der Klimawandel verursacht damit viel menschliches Leid. Und er verursacht auch in Österreich bereits heute Jahr für Jahr einen hohen in Euro messbaren wirtschaftlichen Schaden.

Davor kann man nicht die Augen verschließen und das lässt sich nicht wegverhandeln. Allerdings werden diese Kosten derzeit auf die Allgemeinheit abgewälzt. Was wir uns allerdings auf Dauer nicht leisten können. Das Gezerre um die Dürrehilfen ist da nur ein Vorgeschmack auf zukünftige Konflikte, weswegen über eher kurz als lang – ganz nach dem Verursacherprinzip – die CO2-Abgaben steigen werden (müssen). Wer also glaubt, er könne noch bis 2050 mit der Klimaneutralität warten und sich vielleicht noch eine Erleichterung herausholen, der verschließt die Augen vor der Realität. Die Kosten für die Gesellschaft werden bis dahin einfach zu hoch werden. D.h. aber auch, je schneller wir in die Gänge kommen, desto besser können wir jetzt noch den Übergang gestalten.

Aber China

In diesem Zusammenhang kann man immer wieder das Argument „aber China“ hören. Dieses zieht aber aus mehreren Gründen nicht: China und andere Staaten des globalen Südens argumentieren zu Recht, dass die Industriestaaten Europas und Nordamerikas einen großen Teil des Problems verursacht haben. Diese Nationen haben mit der Industrialisierung und dem hemmungslosen Ausstoß von CO2 vor bereits 170 Jahren begonnen. Sie haben damit einen Vorsprung bei der Industrialisierung erlangt und deswegen sollen die Industrienationen Europas und Nordamerikas nach Ansicht des globalen Südens auch bei der Klimaneutralität voranschreiten.

Kommt hinzu, dass China – im Gegensatz zu Österreich – einen ehrgeizigen Dekarbonisierung-Fahrplan verfolgt. Dieser zielt zwar auf das Jahr 2065 für die Klimaneutralität ab, bisher hat die Volksrepublik allerdings alle ihre Zwischenziele in dieser Hinsicht vorzeitig erreicht. In Österreich will man dagegen einen entsprechenden Fahrplan bis Ende 2027 erst einmal festlegen. Unter diesen Umständen erscheint eine CO2-Neutralität selbst bis 2050 als unwahrscheinlich. Da kann der IV-Präsident noch so oft betonen, dass die Industrie ihre Hausaufgaben gemacht hätte.

Sind die Konsumenten weiter als die Politik und die Wirtschaft?

Das Erstaunliche ist, dass die Menschen auf der Straße anscheinend schon viel weiter sind, als Politiker oder Interessensvertreter ihnen zutrauen. Erst vor wenigen Tagen las ich dazu diesen Beitrag in der Online-Ausgabe deutschen Tagesschau: Deutsche investieren mehr in Klimaschutz. Nach Auswertungen der deutschen Förderbank KfW wollen zwei Drittel der Deutschen in Klimaschutzmaßnahmen investieren. Was allerdings viel wichtiger ist: Knapp ein Drittel der Haushalte redet nicht nur, es wurde auch schon investiert – in Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und Pelletsheizungen bis hin zum Elektroauto. Weitere 5% planen nach eigenen Angaben eine solche Investition in den nächsten zwölf Monaten. Unter dem Eindruck der Ereignisse wollen diese Menschen etwas tun. „Der außergewöhnliche Hitzesommer 2026 hat die Notwendigkeit des Klimaschutzes noch mal klar verdeutlicht“, zitiert dazu die Tagesschau den KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher.

Eine ähnliche Erhebung für Österreich habe ich in dieser Form nicht gefunden. Wenn ich mich allerdings umsehe, und die PV-Anlagen auf den Hausdächern zähle, dann scheint es in Österreich nicht viel anders zu sein. Der Haken ist allerdings, dass ein großer Teil dieser Investitionen ins Ausland abfließt. Denn die österreichische bzw. europäische Industrie kann in Schlüsselbereichen wie PV oder E-Mobilität nicht ausreichend liefern.

Das ist doppelt ärgerlich, weil Europa in vielen dieser Bereiche Marktführer war. Die heimische Politik hat es allerdings – auch unter dem Eindruck diverser Lobbyverbände – verabsäumt, den Heimatmarkt konsequent zu fördern. Und die heimischen Unternehmen haben sich den Vorteil aus der Hand nehmen lassen. Die Rechnung bekommen wir nun präsentiert. Wer unter diesen Umständen davor warnt, „Klimafreaks“ Tür und Tor zu öffnen, der hat das Problem nicht verstanden. Vielmehr muss es heißen: Weil wir nicht rechtzeitig Tür und Tor geöffnet haben, profitieren nun andere vom notwendigen Umbau unseres Energiesystems.*

 

*Dass der rasche Ausstieg aus Öl und Gas auch unmittelbar wirtschaftlichen Sinn macht, darauf weist die Austrian Energy Agency hin. Die titelt in ihrer Aussendung vom 28. August 2026: „Sechs Monate Iran-Krieg: die Rechnung für Österreichs Öl- und Gasabhängigkeit.“ Demnach verursachten allein die höheren Dieselpreise im vergangenen Halbjahr Mehrkosten in der Höhe von 1,1 Mrd Euro netto.

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Der Klimawandel verursacht auch in Österreich ganz realen Schaden. Damit es an der Donau nicht in ein paar Jahren so aussieht, sollten wir jetzt in die Gänge kommen.
Der Klimawandel verursacht auch in Österreich ganz realen Schaden. Damit es an der Donau nicht in ein paar Jahren so aussieht, sollten wir jetzt in die Gänge kommen. (© Firefly)
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