Stricken, chillen, scrollen
(© Pixabay)
Irgendwie ist es schon witzig: Jahrelang musste für junge Menschen alles neu, schnell und digital sein. Und jetzt entdecken ausgerechnet sie die Langsamkeit für sich. Plötzlich sind Häkeldeckchen nicht mehr altmodisch, sondern ziemlich cool.Ich bin dieses Jahr 30 geworden – also eigentlich noch ziemlich weit davon entfernt, eine Oma zu sein. Wenn ich mich allerdings in letzter Zeit mit meinen Freundinnen unterhalte, könnte man glatt einen anderen Eindruck bekommen. Es geht um Stricken, Rezepte für Sauerteigbrot und die Frage, wann eigentlich eine vernünftige Schlafenszeit ist. Und damit liegen wir offenbar voll im Trend.
Der sogenannte „Granny Lifestyle“ steht für ein bewusst entschleunigtes Leben und bringt all die Dinge zurück, die man früher eher unter „typisch Oma“ eingeordnet hat: Handarbeiten, Gärtnern, Backen oder einfach gemütlich zu Hause sein. Dabei geht es jungen Menschen gar nicht darum, plötzlich wie ihre Großmütter zu leben. Vielmehr geht es um einzelne Gewohnheiten und kleine Rituale, die sich erstaunlich gut in den eigenen Alltag einfügen. Nicht, weil man plötzlich alt sein möchte, sondern weil solche Tätigkeiten in einer Zeit, in der so vieles virtuell passiert, einfach guttun.
Die Psychotherapeutin Astrid Jorda vom Kepler-Uniklinikum Linz erklärt das im Gespräch mit den OÖ Nachrichten damit, dass solche Tätigkeiten uns „ein Erfolgserlebnis geben und unseren Selbstwert stärken“. Und vielleicht ist genau das ein Teil der Erklärung: Dahinter steckt auch die Sehnsucht nach einem Alltag, der sich nicht ständig durchgetaktet anfühlt. Dazu kommt das Gefühl, ständig erreichbar sein, etwas leisten und am besten auch noch zeigen zu müssen, was man gerade alles macht. Gerade Social Media trägt dazu bei, dass selbst die Freizeit manchmal wie eine weitere Aufgabe wirkt.
Granny Lifesytle – aber bitte mit Wlan
Wobei der moderne Granny Lifestyle natürlich ein paar Updates bekommen hat. Das Sauerteigbrot wird selbst gebacken – aber vorher wird noch schnell ein TikTok-Tutorial dazu angeschaut oder man filmt sogar selbst eines. Das Strickprojekt liegt gemütlich auf dem Sofa, während daneben das Handy lädt oder Netflix läuft. Und der Umbau des Gartens endet selbstverständlich mit einer Instagram-Story.
So richtig offline sind wir dann eben doch nicht. Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht sein. Denn vielleicht geht es beim Granny Lifestyle weniger darum, komplett aus der digitalen Welt auszusteigen, sondern sich darin einfach kleine Auszeiten zu gönnen. Also Dinge einfach tun, die keinen tieferen Sinn haben müssen und bei denen am Ende nicht unbedingt etwas „rauskommen“ muss. Einfach, weil sie guttun.
Granny Lifestyle eben. Aber mit WLAN.


Ich würde ja gerne wissen, wie viele Amateurbäcker, Gärtner, Schneider usw… es geben würde, wenn die sogenannten sozialen Medien die Like-, Daumen hoch-, Kudos oder wie die Funktionen alle heißen mögen, abschaffen. Null ist vielleicht ein bisschen übertrieben. 😉