Die Herausforderung sitzt rechts
Grundlose Warnrufe seitens der Beifahrer bringen Österreichs Autofahrer am schnellsten auf die Palme. Aber es gibt noch andere Ärgernisse am rechten Sitz im Auto.
Im Auto fährt man nicht immer alleine. Ob Partner, Kollege oder Freund - oft ist jemand dabei, und damit wird aus der Fahrt eine gemeinsame Angelegenheit. Am Beifahrersitz wird mitgeschaut, mitgedacht und häufig auch mitgeredet, was für die Person am Steuer manchmal unheimlich mühsam sein kann.Also, ich bin ja die Schlafmütze. Setzt mich in ein Auto, genauer gesagt auf den Beifahrersitz, und nach 5 Minuten (wenn man mich lässt) schlafe ich. Die einen brauchen halt Dunkelheit, Ruhe und ein ergonomisches Kopfkissen. Ich brauche eine Autobahnauffahrt. Ich glaube ja, dass sie mich als Kleinkind immer auf die Waschmaschine legten, wenn ich wieder mal nicht einschlafen konnte oder wollte. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich bei der geringsten Schaukelbewegung einschlafe. Aus diesem Grund würde ich mich als angenehmen Beifahrer bezeichnen: ruhig, ruhiger, am ruhigsten – als wäre ich nicht da. Lässt man mich allerdings nicht schlafen, dann bin ich irgendetwas zwischen Angsthase, Plappermaul und Klugscheißer – zumindest im Ansatz. Soll heißen, sobald ich ein Hindernis erkennen kann, steige ich auf das (imaginäre) „Beifahrer-Bremspedal“ bis zum nicht vorhandenen Anschlag. Und bei einem schnelleren Überholmanöver kralle ich mich gerne auch mal an der Beifahrertüre fest. Sind keine Gefahren in Sicht, plaudere ich oft ein bisschen aus dem Nähkästchen: „Also, … die Nachbarin hat …. Mein Bruder ist …. Im Radio haben sie berichtet … Hast Du schon gehört? … usw usf“. Und wenn ich es für angebracht halte, bin ich schon manchmal auch ein kleiner Schlauberger. Ich kommentiere beispielsweise vorsichtig den Fahrstil des anderen, gebe ungefragte (aber meines Erachtens gute) Tipps zu Verkehrsregeln und der besseren Routenwahl … Dinge, die Fahrer am Steuer halt so ungemein schätzen 🙂
Genau zu diesem Thema hat Autoscout vor kurzem eine Umfrage durchgeführt. Man wollte herausfinden, was Österreichs Autofahrer an ihren Beifahrern am meisten stört, und wie sich die Befragten selbst einschätzen, sobald sie im Auto rechts sitzen. Achtung Spoiler: Selbstwahrnehmung ist scheinbar eine schwierige Sache 😉
Die Fahrerperspektive

Die Autoscout-Studie zeigt: Als größtes Ärgernis seitens der Fahrer gelten plötzliche Warnrufe ohne erkennbaren Anlass. Wer als Autofahrer schon einmal bei Tempo 100 durch einen panischen Aufschrei zusammengezuckt ist, kennt das:
„VOOORSICHT!!!!“
„WAS denn?“
„Keine Ahnung, ich dachte da könnte vielleicht etwas sein.“
Praktisch gleichauf liegt das laufende Kommentieren des Fahrstils. Es ist ähnlich wie im Rennsport: jede Kurve wird bewertet, jeder Spurwechsel analysiert.
„Du fährst heute aber nah am Rand.“
„Du fährst heute aber schnell.“
„Du fährst aber schon dicht auf.“
„Du bremst heute so abrupt.“
(Die einzig passende Antwort: „Möchtest du vielleicht selbst fahren?“)
Auf Platz 3 landen ungefragte Belehrungen zu Verkehrsregeln, die immerhin ein Drittel der Befragten auf die Liste setzen. Danach wird es kleinteiliger, aber nicht weniger vertraut: 27% ärgern sich über Mitbremsen oder erkennbare Anspannung in engen Situationen, 22% über das häufige Bedienen von Radio, Musik oder Klimaanlage. Ablenkendes Reden in heiklen Situationen kommt auf 21%, Bröseln oder Herumpatzen beim Jausnen sowie laute Handygeräusche liegen bei je 19%. Ungefragte Eingriffe in die Navigation schaffen es mit 18% auf den letzten Platz der Reizliste.
Und selbst?
Die Leute wurden auch gefragt, wie sie sich selbst einschätzen, sobald sie Beifahrer sind, und die Selbsteinschätzung fällt bemerkenswert schmeichelhaft aus. So halten sich 9% für total tiefenentspannt. Der Großteil, nämlich 42%, zählt sich zu den gemütlichen Mitfahrern, die zwar mitschauen, aber niemanden nervös machen. Weitere 35% sehen sich als vorsichtige Beobachter, also aufmerksam, im Zweifel aber zurückhaltend. Weniger gelassen zeigen sich nur wenige. So ordnen sich 13% als „Mitbrems-Beifahrer“ ein, und leidglich 1% der Befragten outet sich gar als „dauer-alarmiert“.
Typologie
Ob Bekannter, Freund, Kollege oder Partner – der Beifahrer kann nicht nur viele Gestalten haben, sondern auch in bestimmte Typen eingeteilt werden, mit denen man unterschiedlich umgehen sollte.
Typ 1: Der Schläfer

Der Schläfer ist noch der harmloseste unter den nervigen Beifahrertypen. Döst fünf Minuten nach der Abfahrt weg und wacht erst am Ziel wieder auf. Das kann Segen und Fluch zugleich sein. Im besten Fall nervt er nicht, lenkt nicht ab, verzichtet auf Kommentare und lässt Sie einfach nur fahren. Der Haken: Wenn Sie selbst Wert auf Unterhaltung im Auto legen, dann haben Sie schlechte Karten. Und schlafende Beifahrer sind auch keine Hilfe, wenn es etwa darum geht, Kinder auf der Rückbank zu versorgen oder auf unbekannten Strecken unterstützend zu navigieren.
Abhilfemöglichkeiten: Laute Musik, schärfere Bremsmanöver, Fenster so öffnen, dass es im Auto dröhnt. Stört Sie der schlafende Beifahrer hingegen nicht, genießen Sie einfach die Ruhe.
Typ 2: Das Plappermaul
„(…) und dann hab ich zu ihm gesagt, dass (…)“

Man mag die Fahrt noch so ausgeruht und ausgeglichen angetreten haben: Es gibt Beifahrer, die ziehen einem den letzten Nerv mit Anekdoten, Beziehungsgeschichten, Society-Dramen, oder der halben Lebensgeschichte und sonstigem nutzlosen Geplapper – ohne Punkt und Komma oder Atempausen. Dem Plappermaul ist jedes Thema recht, solange er oder sie nur reden kann. Das kann zwar unterhaltsam sein, aber auch extrem vom Verkehrsgeschehen ablenken.
Abhilfemöglichkeiten: Ohrstöpsel. Laute Musik. Oder versuchen Sie ihn abzulenken. Mit einem neuen Spiel auf dem Smartphone oder einer Zeitung – lassen Sie sich etwas einfallen.
Typ 3: Der Angsthase
Dieser Beifahrer verfolgt den Verkehr aufmerksam, beobachtet jede Bewegung des Fahrers, er krallt sich am Türgriff fest, sodass die Knöchel seiner Hand weiß werden, er macht schon fünf Kilometer im Voraus auf Gefahren aufmerksam und gibt panisch Laut, wenn der Fahrer „Breeeemsen!!!“ soll.
Abhilfemöglichkeiten – für den Fahrer: Verwickeln Sie ihn in ein Gespräch und versuchen Sie ihn abzulenken. Oder sprechen Sie mit ihm über seine Ängste.
Abhilfemöglichkeiten – für den Beifahrer: Sauerstoffmaske, Medikamente, frische Unterhosen.
Typ 4: Der Klugscheißer
Egal wann und wie man schaltet, lenkt, blinkt oder bremst: Der Copilot klärt gerne darüber auf, wie man es besser hätte machen können ( – und hat womöglich selbst gar keinen Führerschein). Klugscheißer sind einfach eine unglaublich nervige Spezies (nicht nur als Beifahrer) und vielleicht sogar die unangenehmsten Zeitgenossen auf dem Beifahrersitz. Sie wissen ALLES besser und kommentieren nahezu jede Fahrsituation. Klassische Kommentare wie „Das Gas ist unten rechts„, „Grüner wird’s nicht“ oder „Ich würde mal schalten“ gehören genauso dazu, wie Anmerkungen zur Navigation durch den Verkehr oder zum Einparken. Wenn Sie Ihre Nerven schonen wollen, verzichten Sie in jedem Fall auf einen „Machtkampf“ und diskutieren Sie nicht. In seinen Augen sind Sie ohnehin der schlechtere Autofahrer.
Abhilfemöglichkeiten: siehe Typ 1 + Typ 2

Typ 5: Der Übergriffige
Der übergriffige Beifahrer ist ein Konglomerat aus Typ 2, der nie seinen Mund halten kann und dabei wie Typ 3 aus purer Angst mit Typ 4 verschmilzt und somit immer alles besser weiß. Sind Typ 1 bis 4 für sich alleine betrachtet noch relativ harmlos, so verschmelzen in Typ 5 sämtliche negative Eigenschaften, die ein Beifahrer nur haben kann. Und der Übergriffige setzt dabei noch eins oben drauf: Er schreckt auch nicht davor zurück, aktiv ins Fahrgeschehen einzugreifen. Sprich: Er greift während der Fahrt „korrigierend“ ins Lenkrad und reißt bei Bedarf auch gerne mal an der Handbremse.
Abhilfemöglichkeit: Lizenz als Rallyefahrer absolvieren und genießen.
Typ 6: Der Hetzer
Auch der Hetzer ist ein sehr unangenehmer Zeitgenosse im Auto. Bei „Dunkelorange“ an der Ampel stehenbleiben? Niemals! Tempo 50 in der Innenstadt? Viel zu langsam. Überholverbot auf der Landstrasse? Ach, da ist doch weit und breit niemand! Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn? Das ist doch maximal eine Empfehlung! Ob er den Fahrer zum Schnellerfahren oder Überholen animieren will – der Hetzer hat’s stets eilig und egal wer (also jeder andere) fährt ihm mit großer Wahrscheinlichkeit zu langsam.
Abhilfemöglichkeit: siehe Typ 5 🙂

Klingt utopisch? Ist es auch!
Er ist wohl so selten wie ein Jaguar XK 120 C: Der perfekte Beifahrer. Er bietet unaufdringlich und im richtigen Moment ein Getränk an, sorgt dafür, dass die übrigen Fahrgäste unterhalten bzw. die Kinder ruhig sind, unterstützt wenn nötig bei der Navigation, erspäht freie Parkplätze und wirkt insgesamt positiv, entspannt, gut gelaunt und höflich. Klingt utopisch. Ist es auch.
Doch so nervig sie mitunter auch sein mögen: Beifahrer haben ebenfalls Gefühle und auch sie stören sich an so manchen Verhaltensweisen der Fahrer. Auf Platz 1 rangiert zu dichtes Auffahren. Gefolgt von stockender, ruckelnder Fahrweise und abruptem Abbremsen, zu schnellem Fahren, lautem Fluchen und Schimpfen sowie fehlenden Einparkkünsten und zu langsamem Fahren …. Immerhin: Jeden fünften befragten Beifahrer stört am Fahrer … nichts. Das sind vom Fahrersitz aus gesehen definitiv die liebsten 🙂
Abschließend sei noch gesagt: Ich finde es bemerkenswert, dass sich die große Mehrheit der Befragten selbst als ruhige, zurückhaltende Beifahrer einschätzt – ein offensichtlicher Widerspruch zu den Umfrageergebnissen von Autoscout. Aber gut, schließlich gaben im Rahmen einer Studie der Wiener Städtischen auch 83% aller Autofahrer an, selbst „sehr gut“ bis „gut“ zu fahren. Die Selbsteinschätzung ist halt ein Hund 😉

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