Navigieren Sie noch, oder verlaufen Sie sich schon?
Das Spiel SeaHeroQuest schult nicht nur den Orientierungssinn sondern liefert wichtige Daten für die Demenzforschung. (© Seaheroquest/Glitchers LTD.)
„Klein-LKW steckte fest – Navi lockte Transporter auf schmalen Wanderweg“ – diese Schlagzeile las ich unlängst überm morgendlichen Kaffeehäferl. In Tirol hatte sich jemand mehr aufs Display als auf die eigenen Augen verlassen und damit einen mittelgroßen Feuerwehreinsatz verursacht. Und das war anscheinend keineswegs eine Premiere für die Einsatzkräfte. Jeder von Ihnen kennt das vermutlich auch aus dem eigenen Umfeld, oder gar von sich selbst, dass die Technik einen schon auch in die Irre führen kann. Aber wie ist das eigentlich mit der Fähigkeit zur Orientierung?Etwas, das Sie vorab über mich wissen sollten: Ich liebe Karten. Besonders Stadtpläne haben es mir angetan, und ich schaue mir gerne vorab an, wo es mich hin verschlagen wird. Ich bin die, die auch in diesen größtenteils digitalen Zeiten einen Reiseführer in Buchform samt Karte dabeihat. Ich markiere Quartier, Landmarken, Sehenswürdigkeiten, mögliche schöne Ecken und hebe mir das Kunstwerk dann als Urlaubsandenken auf. Generell kann ich mich gut an neuen Orten orientieren, entsprechend ist es mir bisher erspart geblieben, aus der Einöde errettet werden zu müssen.
Doch warum eigentlich verlaufen sich manche Menschen ständig, während andere sich scheinbar überall sofort zurechtfinden? Leidet unser Orientierungssinn unter Karten-Apps? Kann man Orientierung lernen? Das beschäftigt mich seitdem, also bin ich auf die Suche nach Antworten gegangen, und nehme Sie jetzt mit auf eine kleine Exkursion – bis ins menschliche Gehirn.
Nicht nur im Tiroler Bergland gehen Fahrzeuge auf Irrwege, doch woanders ist es wesentlich brenzliger, zum Beispiel in der kalifornischen Wüste. An einem der trockensten und heißesten Orte der Erde nicht in der Lage zu sein, eine Karte richtig zu lesen, ist mitunter lebensgefährlich. Wissen Sie, was „Death by GPS“ ist? So nennen es die Ranger des Nationalparks Death Valley, wenn Menschen dort sterben, weil ihr Navigationsgerät sie in die Irre geführt hat und ihnen dann im Nirgendwo Benzin und Wasser ausgehen. Und dann gibt es wiederum Menschen, die sich so gut und gern in unbekannten Umgebungen zurechtfinden, dass sie das sogar als Sport betreiben: bei der anerkannten Wettbewerbssportart Orientierungslauf gibt es keine markierten Routen, die Sportler:innen haben zwar sehr wohl eine Karte, müssen aber während des Laufs nur mit Kompass navigieren. (2026 taucht der erste österreichische Vertreter auf der Weltrangliste übrigens immerhin auf Platz 17 auf)
Lernen mit den Sinnen
Um uns zu orientieren, müssen wir uns auf unsere Sinne verlassen. Menschen können sich einen Weg merken, in dem sie sich markante Umgebungspunkte einprägen. Solche sogenannten Landmarken, zusammen mit Richtungsangaben und Abbiege-Anweisungen, erzeugen das sogenannte Routenwissen. Solange man die bekannte Route nicht verlässt, kommt man mit diesem inneren Navi gut zurecht. Allerdings enthält das Routenwissen noch keine Informationen darüber, wie verschiedene Landmarken zueinander in Beziehung stehen.
Dafür braucht es Überblickswissen, dies meint räumliches Verständnis, und wird auch als kognitive Karte bezeichnet. Wir bilden aus Eindrücken unserer Umgebung eine Art mentale Straßenkarte, die uns ermöglicht, alternative Wege zu gehen, wenn wir einmal falsch abgebogen sind.
Machen Navis dumm, ist guter Orientierungssinn angeboren?
Apropos falsch abbiegen, heißt das jetzt, ohne Navi sind wir besser dran? Nur bedingt, sagt die Forschung. Wer sich an analogen Landkarten orientieren will, muss die nach Norden ausgerichtete Karte erst mit der eigenen Position und Blickrichtung vergleichen. Das ist vergleichsweise mental aufwendig, hat aber einen Vorteil. Man gewinnt automatisch Überblickswissen. Ein Navi nimmt dem Nutzer diese Arbeit ab. Und das ständige Navinutzung ohne zusätzliche Orientierung leidet also die Genauigkeit unserer kognitiven Landkarte.
Heißt das umgekehrt, wir können lernen, uns besser zu orientieren, unsere innere Umgebungskarte zu zeichnen? Ja, aber das erfordert etwas Hingabe.
Dazu kurz ein bisschen biologisches Fachwissen: Unter dem Begriff Orientierungssinn versteht man allgemein das Wissen darüber, in welcher Richtung sich bestimmte Ziele von der eigenen Position aus befinden. Die ganze Magie des Orientierungssinnes passiert im Hippocampus, das ist der Teil des Gehirns, der Informationen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis weiterleitet und somit Erinnerungen bildet. Kurz gesagt, hier passiert Lernen.
Die schwierigste Geografieprüfung der Welt
Also: ja, wir können gute Orientierung erlernen. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist das Überblickswissen Londoner Taxifahrer:innen. Während jüngere Städte oft strukturiert, gar schachbrettartig angelegt sind, fährt das geschichtsträchtige London mit verwinkelten Straßen, dutzenden Brücken über die Themse, Einbahnen und chaotischem Hausnummern-System auf.
Eine Adresse allein bringt einen ortsfremden Menschen da oft nicht weiter. Daher durchlaufen Londons Taxler:innen eine geradezu legendäre und weltweit einzigartige Ausbildung, die sich über mehrere Jahre erstreckt, im Schnitt drei bis vier. Am Ende qualifizieren sich die Anwärter:innen für den Berufsstand durch eine Reihe von Prüfungen, die ihr Stadtwissen bis ins Detail prüfen.
„The Knowledge“ wird dieser spezielle Infoberg genannt. Wir sprechen hier von allein schon 25.000 Straßen- und Ortsnamen, insgesamt ein Netz aus 60.000 Straßen und Gassen sowie unzähligen sie verbindenden Routen. Auch Sehenswürdigkeiten, Hotels, Hot Spots, das nächstgelegene WC – einfach alles im Umkreis von sechs Meilen rund um den Trafalgar Square. Um so weit zu kommen, erkunden die potenziellen Fahrer:innen über die Jahre ihrer Ausbildung hinweg London auf eigene Faust. Sie gehen und fahren Routen ab, notieren sich markante Punkte, suchen Abkürzungen, erforschen Alternativrouten. Natürlich alles ohne Navi.
Über die Hälfte der Kandidat:innen gibt in der Regel auf. Doch die, die es schaffen, haben eine kognitive Karte von London im Kopf, die an Detailreichtum ihresgleichen sucht.
Diese Art, sich die Umgebung einzuprägen, ist wie Bodybuilding fürs Gehirn. Der Hippocampus, unser Lernzentrum, wächst dadurch nämlich, und zwar deutlich sichtbar. Das belegen Gehirnscans der frischgebackenen Londoner Taxifahrer:innen, die im Rahmen einer langjährigen Studie gemacht wurden.
Das heißt, lebenslanges Lernen ist möglich und wer sich mit seiner Umgebung bewusst auseinandersetzt, findet sich besser darin zurecht. Allerdings nimmt die Fähigkeit, sich zu orientieren, mit dem Alter ab. Auch Herkunft und Geschlecht spielen offenbar eine gewisse Rolle.
Können Männer sich wirklich besser orientieren?
Das ist ein sich wiederholendes Klischee, aber auch nicht ganz falsch, doch das hat andere Gründe, als man anfangs vielleicht vermuten würde. Die Antwort auf obige Frage ist ein klares Jein und wir verdanken sie der Demenzforschung. Mithilfe eines Handy-Spiels namens Sea Hero Quest haben Forscher:innen über zwei Jahre hinweg Daten zur Orientierungsfähigkeit gesammelt.
Sie wollten herausfinden, ob und unter welchen Lebensumständen die Fähigkeit zur Orientierung mit dem Alter abnimmt. Dies kann nämlich ein erstes Anzeichen für Alzheimer sein. Dafür prägten sich die Spieler:innen nach Angabe von Alter, Geschlecht und Herkunft Landkarten ein und navigierten zwischen virtuellen Inseln.
Mehrere Millionen Menschen aus 57 Nationen nahmen teil. Die Auswertung der umfangreichen Ergebnisse bestätigt auf den ersten Blick das Klischee., global gesehen navigieren Männer besser als Frauen. Schaut man sich aber an, woher die Proband:innen stammen, zeigt sich, dass dies stark von anderen Lebensumständen abhängig ist, vor allem persönlichen Freiheiten der Proband:innen und dem durchschnittlichen Wohlstand des Landes. In Ländern, in denen die Gleichstellung von Geschlechtern besonders weit ist, schnitten Frauen und Männer beim Navigieren nämlich gleich gut ab. Eine Folgestudie bestätigt dies und zeigt übrigens auch, dass Männer in Ländern, in denen maskulin assoziierte Eigenschaften mehr geschätzt werden, ihre Fähigkeit zur guten Orientierung tendenziell überbewerten. Unterschiede ergeben sich also weniger aus der Biologie, sondern vielmehr aus gesellschaftlichen Möglichkeiten, Sozialisierung und Genderrollen.
Mehr Mut zum Verlaufen
Das Fazit: gute Orientierung ist nicht angeboren und hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun, höchstens mit dem ansozialisierten. Der Orientierungssinn ist wie ein Muskel: man muss ihn trainieren, damit er besser wird, und zwar, indem man sich bewusst mit der Umgebung auseinandersetzt, sich bewusst Landmarken merkt, Karten vorab studiert, neue Wege ausprobiert, sich auch öfter einmal verläuft. Das geht auch spielerisch, und wenn Sie jetzt neugierig geworden sind: Sea Hero Quest gibt’s immer noch als Smartphone-Spiel. Mich finden Sie derweil schon über dem Stadtplan für meine nächste Reise, wenn ich mich nicht verlaufen hab. Es gibt für alles ein erstes Mal.

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