Dienstag, 20. Oktober 2020
Management aus dem Rückspiegel

Der verlorene Hausverstand

Wolfgang Grasl | 11.10.2020 | Bilder | | 1  
In Unternehmen wird häufig „Management aus dem Rückspiegel“ mit längst gegessenen Kennzahlen geführt, anstatt „am Ort des Geschehens“ zu sein. (Bild: Marcel Klinger/ pixelio.de) In Unternehmen wird häufig „Management aus dem Rückspiegel“ mit längst gegessenen Kennzahlen geführt, anstatt „am Ort des Geschehens“ zu sein. (Bild: Marcel Klinger/ pixelio.de) In meiner langen Karriere ist mir schon oft aufgefallen: Firmen und Institutionen ab einer bestimmten Größe scheinen weniger Hausverstand zu haben als jeder einzelne Beteiligte. Das betrifft allgemeine Handlungsweisen und Prozesse, aber auch die jedes Einzelnen, von scheinbar unbedeutenden Tätigkeiten bis zu strategischen Entscheidungen. Aber warum ist das so?

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz leicht. In Wahrheit ist es immer eine Mischung aus verschiedenen Gründen, unterschiedlich gewichtet, je nach Firmen- und Führungskultur.

Was sind solche Handlungen oder Entscheidungen, die mich am Hausverstand von Institutionen zweifeln lassen?

Das beginnt bei banalen Dingen wie gekippten Fenstern im Winter. Jeder weiß, einmal stündlich Stoßlüften bringt mehr Frischluft und spart Energie, niemand würde im Winter zu Hause den ganzen Tag die Fenster gekippt lassen, im Büro ist das oft normal. Schlimmer ist es bei strategischen Entscheidungen, bei denen die ganzheitliche Sicht fehlt.

Während der Corona-Krise gab es Lieferengpässe bei unterschiedlichsten Produkten die zuvor „outgesourct“ wurden. Sogar bei Medikamenten, wo es offensichtlich nicht nur Konzernen, sondern auch der Politik an Weitblick fehlte. Der kurzfristige, scheinbare finanzielle Vorteil kann schnell nach hinten losgehen.

Bei einer ganzheitlichen Betrachtung der Kosten, wäre es oft gar nicht zur Auslagerung und auch zu keinen Engpässen gekommen. Zusatzaufwände in Planung, Logistik und Qualität, Intransparenz bei Beständen, Mehrkosten durch hohe Durchlaufzeiten und „große Lose“ die gegebenenfalls nachgearbeitet oder verschrottet werden müssen … all das wurde vor der Entscheidung auszulagern, meistens zu wenig oder gar nicht berücksichtigt. Dabei kann man vieles mit einfachen Methoden wie „Wertstromanalysen“ ganz ohne Esoterik und Kristallkugel aufzeigen. Man muss sich jedoch dafür an die Basis begeben, sich mehr mit der Realität als mit Hochglanzpräsentationen beschäftigen und leider kann man es meistens erst im Nachhinein beweisen. Also sollte man doch öfter auf den Hausverstand hören und sich nicht aufgrund des Kostenstellendenkens selbst belügen. Corona war nur ein neuer Anstoß diese Dinge endlich wieder zu hinterfragen.

Ähnlicher fehlender Weitblick kann Industrieunternehmen attestiert werden, die ihre Vertriebskanäle – oft Händler die ihre Produkte jahrelang gepusht und verkauft haben – plötzlich hintergehen oder fallen lassen. Das tun sie, indem sie durch Preispolitik, unerfüllbare Mindestmengen, teure Auflagen oder den Direktvertrieb ausgesuchter Produkte die Zusammenarbeit unattraktiv machen. Der Händler wendet sich anderen Marken zu, die ihn (bisher) besser behandeln, oft sogar bei schlechteren Margen. Ein Jahr später bemerkt man den Schuss ins Knie, wundert sich dann über die eingebrochenen Verkaufszahlen, denn es wird ja häufig „Management aus dem Rückspiegel“ mit längst gegessenen Kennzahlen geführt, anstatt „am Ort des Geschehens“ zu sein. Dass die Misere eine langfristige, ganzheitliche Auswirkung der eigenen Entscheidung ist, wird oft gar nicht mehr erkannt, es scheint naheliegender die undankbaren Händler verantwortlich zu machen.

Was sind die Gründe für den „verlorenen Hausverstand“?

Eines vorweg: In all den Jahren habe ich noch keine Manager getroffen, die ihrer Firma absichtlich Schaden zugefügt haben. Schon gar nicht in Positionen, in denen strategische Entscheidungen getroffen werden. Vielmehr sind aus meiner Erfahrung das „Silodenken“, die mangelnde ganzheitliche Sicht bei Entscheidungen und ihren Auswirkungen, dies oft aufgrund eines fehlenden Bezugs zur Basis, also zum „Ort des Geschehens“, die Ursachen. Oft sind es auch politische Entscheidungen oder Vorgaben von Konzernmüttern, das Problem bleibt aber das gleiche.

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In Unternehmen wird häufig „Management aus dem Rückspiegel“ mit längst gegessenen Kennzahlen geführt, anstatt „am Ort des Geschehens“ zu sein. (Bild: Marcel Klinger/ pixelio.de)
In Unternehmen wird häufig „Management aus dem Rückspiegel“ mit längst gegessenen Kennzahlen geführt, anstatt „am Ort des Geschehens“ zu sein. (Bild: Marcel Klinger/ pixelio.de)

Kommentare (1)

  1. Stimme Voll und Ganz zu, Ich denke aber sich das vor allem Betriebe die in einigen Jahren vom „Mittelständler“ durch die Globalisierung Enorm wachsen – mit diesem rasanten Wachstum oftmals die „eigene Seele“ verkauft wird. Prioritäten ändern sich und Kennzahlen bekommen mehr Gewicht als die vorherigen Werte. Ein unaufhaltsamer Weg in die graue Masse and globalen Unternehmen mit wenig Charakter aber tollen Spreadsheets die sich Nachhaltigkeit an die Fahnen schreiben weil das nunmal ein Trend ist.

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