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Donnerstag, 25. Juli 2024
Eine Formel? Fehlanzeige!

Die Zukunft gehört den Optikern

Hintergrund | Andreas Rockenbauer | 11.03.2018 | |  Archiv

Wenn man bloß einen Blick in die Zukunft werfen könnte... Vor ziemlich genau 200 Jahren hatte der französische Mathematiker Pierre-Simon Laplace eine faszinierende Idee zur Berechnung der Zukunft, die sich ziemlich rasch jedoch als praktisch undurchführbar und theoretisch falsch herausstellte.

Letzteres ist durchaus entschuldbar, weil Laplace zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch keine Ahnung davon haben konnte, dass hundert Jahre später der olle Einstein und dessen Kumpanen die komplette Physik und mit ihr unsere Sicht auf die Welt auf ein völlig neues Fundament stellen würden. Das mit der Zukunftsberechnung konnte man sich jedenfalls abschminken.

Zunächst einmal waren die Überlegungen des Franzosen recht einleuchtend und verlockend gewesen: Wenn man zu einem beliebigen Zeitpunkt eine Inventur des Universums machte – also den Ort aller Teilchen und die auf sie wirkenden Kräfte bestimmte –, dann könnte man sich anschließend an den großen Rechenschieber setzen und in Kenntnis aller Naturgesetze jeden x-beliebigen Zustand des Universums in der Zukunft berechnen.

Zum Glück ist das, was als „Laplace´scher Dämon” Eingang in die Schulbücher gefunden hat, nur ein schief gegangenes Gedankenexperiment, das aus gleich einmal einem halben Dutzend Gründen niemals praktische Relevanz bekommen kann. Geblieben ist jedoch unser unbefriedigter Drang, einen Blick hinter den geheimnisvollen Vorhang zu werfen, der alle zukünftigen Ereignisse vor unseren neugierigen Blicken verbirgt.

Dieser Wunsch, der vermutlich zu den ältesten der Menschheit gehört, treibt oft seltsame (sprachliche) Blüten. Etwa, wenn man in einem Text über Zukunftsmanagement aufgefordert wird, auch „über das Undenkbare nachzudenken”. Dabei scheint es doch gerade das Wesen des Undenkbaren zu sein, dass über es eben nicht nachgedacht werden kann. Ich gebe zu, dass das ein bisschen wie Haarspalterei klingt, das hat jedoch einen ernsten Hintergrund: Da draußen laufen nämlich allerlei Scharlatane herum, die allen Ernstes behaupten, sie hätten handfeste Informationen über die Zukunft.

Das ist allein schon deshalb völliger Blödsinn, weil DIE Zukunft – als eine Art vorgefertigter Film – gar nicht existiert, sondern von uns allen ständig neu produziert wird. Ich sehe das als eine Art Bugwelle, die wir durch unser Handeln erschaffen.

Übrigens ist auch das Wort „Zukunftsmanagement” ein widersprüchlicher Begriff, weil man ja immer nur das managen kann, auf das man gegenwärtigen(!) Zugriff hat. Also ist mit Zukunftsmanagement eher Gegenwartsmanagement gemeint, das zum Ziel hat, möglichst plausible Annahmen über die Zukunft zu treffen, um daraus den Kurs des Unternehmens im Hier und Jetzt zu bestimmen.

Klar ist jedenfalls, dass die Zukunft etwas ist, mit dem sich Unternehmer intensiv beschäftigen müssen, weil Umfang und Qualität dieser Beschäftigung von existenzieller Bedeutung sind. Das scheint den meisten auch bewusst zu sein. So weiß Zukunftsforscher Pero Micic, dass Unternehmer bei Befragungen im langjährigen Mittel stets angeben, dass die Beschäftigung mit möglichen zukünftigen Entwicklungen und das Vorbereiten des Unternehmens auf diese, 70% des Unternehmenserfolgs ausmachen.

Gleichzeitig überschätzen mit 10% der Arbeitszeit jedoch fast alle den Anteil an Zeit deutlich, den sie mit diesen, als unerlässlich eingeschätzten, Überlegungen zu verbringen glauben. Schließlich würden zwei bis drei Prozent reichen, beruhigt Micic, betont aber, dass dieses schmale Zeitbudget optimal genützt werden muss.

In diesem Zusammenhang plädiert er für das „Modell der fünf Zukunftsbrillen”, um sich strukturiert auf die Zukunft vorzubereiten. Dafür werden während des Managementprozesses nacheinander fünf verschiedene Perspektiven eingenommen, und gegebenenfalls die damit „sichtbar gewordenen” Entscheidungen getroffen. Für jede dieser Perspektiven steht eine eigene Brille mit einer jeweils charakteristischen Farbe (blau, rot, grün, gelb, und violett). Klingt einfach, ist aber eine Herausforderung.

Dabei repräsentiert etwa die blaue Brille die wahrscheinliche Zukunft. Sie gilt dem unmittelbaren Umfeld eines Unternehmens und steht z.B. für Zukunftsannahmen über Marktentwicklung, Entwicklung von Technologien, das Verhalten der Kunden, der Mitbewerber usw.

Die rote Brille steht für die überraschende Zukunft und erfordert Überlegungen über gefährliche Ereignisse und Entwicklungen, denen das Unternehmen ausgesetzt sein könnte und die man – durch die blaue Brille betrachtet – nicht erwartet. Schon Aristoteles wusste: „Zur Wahrscheinlichkeit gehört auch, dass etwas Unwahrscheinliches eintreten kann.”

Mit der grünen Zukunftsbrille steht die gestaltbare Zukunft im Fokus. Sie erfordert eine kreative Sicht und Antworten auf Fragen wie: Wovon lebt man morgen? Wie kann man innovative Technologien nutzen? Wie wird das Unternehmen zukunftsfähiger?

Mit der gelben Zukunftsbrille sind, in Abhängigkeit von den Ideen, die man mit der grünen Brille entwickelte, Überlegungen zur tatsächlich erstrebten Zukunft verbunden. Die Frage, für welche Mission(en) man sich entscheidet, steht hier im Vordergrund.

Die violette Zukunftsbrille schließlich steht für die geplante Zukunft und damit in Zusammenhang mit der gelben Brille für fokussierte und pragmatische Umsetzungskraft. Die alles entscheidende Frage: Was ist zu tun, um die erstrebte Zukunft zu verwirklichen? 

In diesem Sinne passiert Zukunft nicht einfach, sondern sie ist immer eine – komplexe und schwer vorhersehbare – Folge unserer Handlungen und der aller Anderen. In Abwandlung eines bekannten Merksatzes über die Wichtigkeit, die Geschichte zu kennen, möchte ich daher folgende Behauptung aufstellen:

Wer sich mit der Zukunft nicht beschäftigt, ist dazu verdammt, sich ihr zu unterwerfen. Die Klugen jedoch gestalten sie.

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