Samstag, 7. Dezember 2019
ORS-GF Michael Wagenhofer über 5G Broadcast

So kommt der Rundfunk auf Smartphones und Tablets

Multimedia | Wolfgang Schalko | 28.11.2019 | | 1  
„Jede neue Technologie hat zunächst ein Henne-Ei-Problem – genau daher gibt's einen 5G-Test der ORS ab 2020, zu dem die Mobilfunkindustrie herzlich eingeladen ist”, blickt ORF-GF Michael Wagenhofer der Zukunft des Rundfunks im 5G-Zeitalter optimistisch entgegen. „Jede neue Technologie hat zunächst ein Henne-Ei-Problem – genau daher gibt's einen 5G-Test der ORS ab 2020, zu dem die Mobilfunkindustrie herzlich eingeladen ist”, blickt ORF-GF Michael Wagenhofer der Zukunft des Rundfunks im 5G-Zeitalter optimistisch entgegen. Für ORS-Geschäftsführer Michael Wagenhofer hat der neue Rundfunk-Übertragungsstandard 5G Broadcast einige Vorzüge. Im Interview erklärt er außerdem, warum eine Zusammenarbeit mit dem Mobilfunk sinnvoll ist und welche Rahmenbedingungen es für den Sendebetrieb braucht.

Was versteht man unter 5G Broadcast?

Wagenhofer: Mobile Endgeräte bestimmen unsere Kommunikation, können aber digitale Rundfunktechnologien für lineare Medieninhalte derzeit nicht direkt empfangen. 5G Broadcast bietet neue Möglichkeiten der Rundfunkverbreitung an Smartphones oder Tablets. Die Technologie ermöglicht Rundfunkveranstaltern somit, über das terrestrische Rundfunknetz ihre Kunden direkt zu erreichen.

Wie funktioniert das technisch?

Der neue Übertragungsstandard 5G Broadcast ermöglicht den Empfang linearer Inhalte auf 5G-fitten Endgeräten. Das Verfahren dahinter nennt sich FeMBMS (Further evolved Multimedia Broadcast Multicast Service) und ist Bestandteil des 5G Standards, der auch von Mobilfunkbetreibern genutzt wird.

Warum ist den Rundfunkveranstaltern das Thema so wichtig?

Linearer Rundfunk ist ungebrochen beliebt. Laut der Bewegtbildstudie 2019 von RTR und Arge Teletest entfallen rund 80% der Nutzung audiovisueller Angebote in Österreich auf lineares TV. Sorgen bereitet uns aber die wachsende IP-Verbreitung, weil diese zu einem zunehmenden Kontrollverlust des Rundfunks über seine Signale und sein Geschäftsmodell führt. Rundfunkveranstalter müssen jedoch hohe Reichweiten erzielen, um gesellschaftlich relevant zu sein und wirtschaftlich notwendige Werbeerlöse zu lukrieren. Daraus leitet sich für jeden Rundfunkveranstalter, gleichgültig ob öffentlich-rechtlich oder privat, der Anspruch ab, den TV- und Radionutzern einen niederschwelligen, kostengünstigen Zugang zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang wäre der Empfang von Inhalten mit 5G-fähigen Endgeräten eine naheliegende Lösung.

Wird es 5G Broadcasting auch auf anderen Endgeräten geben?

Sicher. Über 5G Broadcast ausgestrahlte Medieninhalte sollen auch abseits von Smartphones und Tablets empfangbar werden. Wichtig wird das gesamte Car-Entertainment, insbesondere bei selbstfahrenden Autos, aber auch eine Integration in Radios oder TV-Geräte wird angestrebt.

Was haben die Telekommunikationsunternehmen davon?

Da ergeben sich schon handfeste Vorteile, wenn aus beiden Welten das Beste genutzt wird. Rundfunknetze dienen der gleichzeitigen Verbreitung von linearen Inhalten an eine unlimitierte Nutzeranzahl in einem Verbreitungsgebiet. Trotz steigender Nutzung erhöhen sich weder die Grenzkosten, noch fällt die Servicequalität ab. Mangels Rückkanal können Rundfunknetze jedoch keine non-linearen Dienste anbieten. Dafür sind die Mobilfunknetze geradezu prädestiniert. 5G ermöglicht die Kombination von Rundfunk- und Mobilfunknetzen und lässt ein hybrides Kommunikationsnetz entstehen. Damit werden lineare- und non-lineare Medienanwendungen bestmöglich unterstützt. 5G Broadcast hat für Mobilfunknetze den entscheidenden Vorteil, dass sie von Spitzenlasten befreit werden.
Letztlich geht es darum, ein Nutzererlebnis zu ermöglichen, das eine langfristige Konkurrenzfähigkeit gegenüber globalen OTT-Anbietern bietet. Dieses Ziel verfolgen sowohl Mobilfunkbetreiber als auch Medieninhalteanbieter. Wir laden die Mobilfunkbranche ein, hier ein gemeinsames Eco-System mit neuen Erlösmodellen zu gestalten und an unserem für nächstes Jahr geplanten 5G Broadcast Testbetrieb in Wien (E&W Online berichtete) teilzunehmen.

Was bringt 5G Broadcast dem Nutzer?

Dass die Übertragung eines populären Fußballspiels oder des Finallaufs eines Schirennens zu einem völligen Zusammenbruch beim Streaming führt, wird nicht mehr passieren. Durch die Verknüpfung der beiden Infrastrukturen können außerdem Inhalte personalisiert übertragen werden. Gleichzeitig schmälert der TV-Konsum am Handy nicht das verfügbare Datenvolumen.

Welche Frequenzbedingungen benötigen die Rundfunkveranstalter für den 5G Standard?

Damit 5G Broadcast als vielversprechende Zukunftstechnologie den niederschwelligen Rundfunkempfang absichern kann, muss Investitionssicherheit herrschen. Dafür muss für den Rundfunk die langfristige Verfügbarkeit des „sub700“ MHz Bandes über 2030 hinaus gewährleistet sein. Wir haben ja über die Digitalen Dividenden 1 und 2 das 800 MHz- und das 700 MHz Band an den Mobilfunk abgegeben. Mehr geht nicht! Wir gehen daher davon aus, dass Österreich bei den kommenden Weltfunkkonferenzen für die Aufrechterhaltung der primären Rundfunkwidmung „sub 700 MHz“ eintritt.

Gibt es weitere Forderungen?

Wir brauchen natürlich rechtliche Rahmenbedingungen zur Gewährleistung maximaler Reichweiten für die österreichischen TV- und Radioangebote im 5G-Zeitalter. Vor allem die 5G-Netzbetreiber müssen den Zugang für die Rundfunkangebote diskriminierungsfrei und fair gewähren. Damit die Mediennutzer vom neuen Standard profitieren können, müssen die 5G Mobilfunk- und Rundfunknetze gekoppelt werden, da brauchen wir ebenfalls die Unterstützung des Mobilfunks. Freilich muss auch die Industrie die Endgeräte mit der Broadcast-Funktionalität ausstatten.

Und in Richtung Medienpolitik?

Die Politik muss generell die Fragen des niedrigschwelligen Zugangs zu Rundfunkdiensten über 5G beantworten. Am besten wäre eine EU-weite Regulierung.

Kommentare (1)

  1. Wobei ich dem ORF zutraue, dass HD verschlüsselt wird – so wie jetzt bei DVB-T2 und man extra ORF1 und 2 Wien in niedriger Auflösung für mobile Endgeräte sendet….

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