Sonntag, 20. September 2020
Editorial E&W 9/2020

Nur Corona? Bloß nicht!

Hintergrund | Wolfgang Schalko | 13.09.2020 | Bilder | |  

Wolfgang Schalko
Zu jenen Dingen, die gemeinhin gerne als „nur allzu menschlich” bezeichnet werden, zählt zweifelsfrei, sich ab und an die Sinnfrage zu stellen. Oder in abgewandelter Form: Was ist lediglich eine zeitweilige Erscheinung, was hat wirklich Bestand und bleibt? Woran werden wir uns einmal erinnern, wenn wir in ferner Zukunft an 2020er zurückdenken? Bloß das verflixte Corona – das will und kann ich nicht glauben.

Nur selten ist es nämlich so offensichtlich, in Zeiten des grundlegenden Wandels zu leben, wie dieser Tage. Covid-19 stellt in vielen Bereichen und in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar. Gerade deshalb war es auch noch selten so spannend darüber zu sinnieren, was im mentalen Rückspiegel haften bleiben wird. Von der Pandemie selbst im besten Fall ja gar nichts (außer vielleicht ein paar zu wissenschaftlichen Zwecken konservierte Virenstämme), von den Begleiterscheinungen hingegen wohl jede Menge. Was das alles sein könnte, füllt nicht nur Tageszeitungen und Gazetten, sondern bereits die ersten Bücher, und würde den hier gegebenen Rahmen bei weitem sprengen.

Für mich steht allerdings fest (und damit bin ich alles andere als allein), dass wir uns an einem Punkt befinden, wo wir noch sehr viel von der Art und dem Ausmaß der Veränderung – bzw deren Richtung – bestimmen können. Ein besonders augenscheinlicher und speziell für die Elektrobranche relevanter Aspekt ist die Digitalisierung. Viel zitiert und oft bemüht schwang der Begriff (und insbesondere dessen Umsetzung) in den meisten Fällen nur am Rande mit, ehe im heurigen Frühjahr der unfreiwillige Sprung ins kalte Wasser erfolgte. Es galt, in Windeseile funktionierende Lösungen zu finden. Gefragt waren Pragmatismus, Kreativität und Flexibilität, um den Betrieb zumindest am Laufen zu halten. Wie wir heute wissen, gelang das durchaus passabel. Und auch wenn es bei Home Office, Distance Working, Web-Shopping, Videokonferenzen, Online-Meetings etc in den meisten Fällen in puncto Qualität noch Luft nach oben gäbe, so lässt es sich mit den aktuellen Lösungen doch leben – und vor allem arbeiten. Das Gute wie das Schlechte an diesen Lösungen ist: Sie funktionieren. Und bekanntlich hält sich ja nichts länger als ein Provisorium …

Diesen Themenkomplex einfach abzuhaken, nur weil die notwendigen Alternativen jetzt „eh funktionieren”, wäre jedoch voreilig. Deloitte hat dazu in seiner jüngsten Ausgabe der „Human Capital Trends“, einer Umfrage unter 9.000 Führungskräften aus 119 Ländern, folgendes angemerkt: „Die überwältigend raschen Veränderungen in den ersten Wochen der Covid-19-Krise haben gezeigt, dass Technologie nicht die zentrale Hürde war. Die größten Herausforderungen lagen vielmehr in der Frage, wie Menschen mit den Technologien arbeiten wollen und können: Es ging darum, schnell neue Fertigkeiten zu erlernen, neue Gewohnheiten zu entwickeln, Führungsverhalten anzupassen, Rollen neu zu denken – und das alles in der richtigen Balance zwischen Vertrauen und Kontrolle.” Offendkundig wird die inhärente Problematik durch den Zusatz „53% der Unternehmen rechnen damit, dass mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeiter in den kommenden drei Jahren völlig neue Kompetenzen lernen müssen. (…) Nur 17% der Befragten sagen, dass sie diese überhaupt benennen können.“

Wir alle sind derzeit Suchende. Reisende auf einem Schiff, dass zwar viel Wind, aber keinen exakten Kurs hat. Das zeigt sich auch beim aktuellen Thema der Herbst-Events von Lieferanten, Herstellern und Kooperationen. Passend zur Jahreszeit schießen virtuelle und Online-Events ja gerade wie die Schwammerl aus dem Boden. Doch nicht jeder Pilz ist schmackhaft, geschweige denn genießbar. Kaum ein Unternehmen kommt dieser Tage ohne ein eigenes Digital-Format aus – was grundsätzlich sehr begrüßenswert ist, denn die Vogel-Strauß-Taktik wäre definitiv die schlechteste aller Optionen. In wenigen Wochen werden wir auch wissen, welche Formate sich bewährt haben und woran es noch zu feilen gilt.

Angesichts der Geschwindigkeit und Dynamik, mit der sich Entwicklungen und damit einhergehende Veränderungen heute gestalten, sollten wir uns sehr genau überlegen, woran wir festhalten und was wir in Zukunft anders machen wollen. Denn die steigende Geschwindigkeit der Veränderungsprozesse bringt den Effekt mit sich, dass sich die Rückkehr zum Ausgangspunkt – dem „Ur-Zustand” – zusehends schwieriger gestaltet. Nachhaltigkeit kann in diesem Zusammenhang leider auch bedeuten, dass bestehende und selbst für bestens etabliert gehaltene Werte – insbesondere immaterielle und nicht quantifizierbare – dauerhaft vernichtet werden. Mit der fortschreitenden Digitalisierung wächst also die kollektive Verantwortung – bleibt zu hoffen, dass das Kollektiv auch an dieser Verantwortung wächst.

In Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen lautet ein Begriff, der mir im gleichen Maß gefällt wie er mir zu denken gibt, „Kontextkompetenz”. Verwendet hat ihn „brand eins”-Mitgründer Wolf Lotter. Dieser plädiert eindringlich dafür, sich Kontextkompetenz – die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen – anzueignen. Seine Argumentation: Wer Zusammenhänge erschließt und für andere zugänglich macht, erschließt Lösungen, Antworten, Aussichten. Komplexität ist in diesem Kontext kein Problem, sondern die wichtigste Ressource der Gegenwart. Erwerben lässt sich Kontextkompetenz übrigens ua durch Experimente – für die wiederum die Bekämpfung der Corona-Krise gerade ein äußerst weitläufiges Feld bietet. Laut Lotter braucht es auch keine „Wunderformel” oder Ähnliches: „Es reicht schon, wenn wir uns bemühen, Dinge nebeneinander stehen und einander ergänzen lassen.“

Daran anknüpfend möchte ich Ihnen noch einen Denkanstoß mitgeben, über den ich in einer Studie über „Future Skills” gestolpert bin und der mir seither nicht mehr aus dem Kopf gehen will: „Ist ein Verbot von Autos in Innenstädten eine Freiheitseinschränkung, wenn dadurch Kinder auf der Straße spielen können?”

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