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Montag, 27. Mai 2024
Zwischenbilanz zur Konjunkturentwicklung im österreichischen Handel

WKÖ-Trefelik: „Der Ausblick im österreichischen Handel bleibt trüb“

Hintergrund | Julia Jamy | 29.08.2023 | |  
Handelsobmann Rainer Trefelik präsentierte am Montagabend gemeinsam mit Handelsforscher Peter Voithofer (Institut der österreichischen Wirtschaft, iföw) und der stellvertretenden WKÖ-Bundesspartengeschäftsführerin Sonja Marchhart die Zwischenbilanz  zur Konjunkturentwicklung im österreichischen Handel. Handelsobmann Rainer Trefelik präsentierte am Montagabend gemeinsam mit Handelsforscher Peter Voithofer (Institut der österreichischen Wirtschaft, iföw) und der stellvertretenden WKÖ-Bundesspartengeschäftsführerin Sonja Marchhart die Zwischenbilanz zur Konjunkturentwicklung im österreichischen Handel. Die Folgen von Corona, die ansteigende Inflation und die damit einhergehende schwache Nachfrage der Konsumenten machen dem heimischen Einzelhandel schwer zu schaffen. Die Lage scheint sich auch in naher Zukunft nicht zu entspannen:„Am Konjunktur-Himmel zeigen sich viele dunkle Wolken, teilweise sogar Gewitter“, so Handelsobmann Rainer Trefelik bei einem Pressegespräch am Montagabend.

Der Handel blickt auf herausfordernde Monate zurück. Seit nunmehr neun Monaten in Serie verbucht der Handel in Österreich ein reales Minus. Nominell gab es im ersten Halbjahr 2023 zwar ein leichtes Plus von 1,9 Prozent. Inflationsbereinigt ergibt sich daraus aber ein Minus von vier Prozent. Sogar im Vergleich zum Vorkrisenniveau von 2019 ging das Absatzvolumen des heimischen Einzelhandels um 0,8 Prozent zurück. „Damit liegt die reale Einzelhandelsentwicklung in Österreich das sechste Halbjahr in Folge unter dem Durchschnitt der EU-27“, erläutert Handelsforscher Peter Voithofer. Das Absatzvolumen ist im ersten Halbjahr 2023 um 3,8 Prozent gesunken, während die Umsätze nominell um 4,4 Prozent zugelegt haben.“ 

Im Großhandel führt die Konjunkturflaute auch unter geringen Preissteigerungen zu einem realen Minus von 5,7 Prozent. Nominell sinken die Umsätze des Großhandels mit minus 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr erstmals seit der zweiten Hälfte des Jahres 2020. Besonders drastisch war der reale Umsatzrückgang mit mehr als einem Viertel im Möbelhandel. Aber auch Elektrohandelsgeschäfte (-9,9 Prozent), Buchhändler (-9,5 Prozent) und der Onlinehandel (-6,1 Prozent) waren in den ersten sechs Monaten real im Minus.

Alarmierende Bilanz

Die überaus herausfordernde Situation im Handel spiegelt sich aber nicht nur bei den Insolvenzen wider. Auch die Anzahl der Schließungen von Handelsunternehmen ist gegenüber den Vorjahren deutlich gestiegen. Alleine in den ersten sechs Monaten des Jahres mussten im Einzelhandel 6400 Betriebe schließen, eine Zunahme von 141 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum 2021. 480 Handelsbetriebe – darunter mehrere große Filialsysteme – meldeten zwischen Jänner und Juli zudem Insolvenz an, wie der Kreditschutzverband 1870 informiert. „Wir müssen die Schere zwischen ausufernden Kosten und der Umsatzentwicklung schnellstmöglich wieder schließen. Sonst werden noch deutlich mehr Geschäfte zusperren müssen“, so Trefelik. Am Konjunktur-Himmel würden sich viele dunkle Wolken zeigen, „teilweise sogar Gewitter“.

Beschäftigungsdynamik im Handel schwächt sich ab

Nach zwei Jahren mit hohen Zuwächsen bei den Beschäftigten im Handel und Rekord-Beschäftigungszahlen im zweiten Halbjahr 2022 schwächt sich das Beschäftigungswachstum im ersten Halbjahr 2023 auf plus 0,2 Prozent ab“, sagt Sonja Marchhart, die stellvertretende Geschäftsführerin der WKÖ-Bundessparte Handel.

Getragen wird das Wachstum im Wesentlichen vom Großhandel, in dem mit einem Plus von 1,8 Prozenterstmals die Beschäftigtenzahl von 200.000 überschritten wird.  Der Einzelhandel hingegen verzeichnet erstmals ein Minus, wobei das branchenmäßig sehr unterschiedlich ausfällt: So können nur zwei Branchen, nämlich der Spielwarenhandel mit plus 2,6 Prozent und der Bekleidungshandel (plus 0,6 Prozent) einen Beschäftigungszuwachs verzeichnen. Von den Beschäftigungsrückgängen ist – relativ betrachtet – der Onlinehandel am stärksten betroffen; Trotz eines Rückganges von 7,6 Prozent liegt dieser aber mit plus 46,4 Prozent weiterhin weit über den Vorkrisenwerten.

Mehr als 20.000 Jobs können derzeit im Handel nicht besetzt werden. Damit sinkt zwar die Zahl der offenen Stellen gegenüber dem Vorjahr um 4,5 Prozent. Mit 14.132 offenen Stellen ist der Einzelhandel am stärksten betroffen, gefolgt vom Großhandel (4.191) und der Kfz-Wirtschaft (1.774 offene Stellen).

Trübe Aussichten

Eine weitere Herausforderung für den Handel ist die getrübte Konsumstimmung Und: „Konsumentinnen und Konsumenten werden ihr Geld künftig wohl zunehmend anders verwenden als bisher“, erwartet Trefelik. Die weiterhin hohe Inflation trifft 2023 auf ein nahezu stagnierendes Wirtschaftswachstum. Das WIFO prognostiziert für das Gesamtjahr 2023 eine allgemeine Teuerungsrate von 7,5 Prozent bei 0,3 Prozent realem BIP-Wachstum. 

Insgesamt seien viele Handelsunternehmen zu Jahresmitte 2023 damit konfrontiert, dass die Kosten seit 2020 deutlich gestiegen sind, die Umsätze hingegen nicht in vergleichbarem Ausmaß bzw. gar nicht; das habe unmittelbare Auswirkungen auf die Ertragskraft der Unternehmen. „Wir brauchen Optimismus. Es muss weitergehen. Von leeren, zugesperrten Geschäften haben wir auch nichts“, so Trefelik.

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