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Montag, 15. April 2024
Wenn sich mit dem Wetter auch die Stimmung eintrübt

Berechtigter Pessimismus?

Wolfgang Schalko | 29.10.2023 | Bilder | |  Meinung
Dass man sich ab und an Sorgen um die Zukunft macht, ist nicht ungewöhnlich. Erst recht, wenn man sich die aktuelle „geopolitische Großwetterlage“ vor Augen führt: Krieg in der Ukraine, Krieg in Nahost, Rezession der Wirtschaft, Klimawandel, Erstarken von China, Bedrohung durch KI, usw. usf. Wenn es dann draußen auch noch zu „herbsteln“ beginnt, ist die Stimmung bei vielen Menschen endgültig im Keller. Zurecht - oder doch nicht?

Natürlich nehme ich mich selbst beim eingangs Erwähnten nicht aus: Wenn draußen den milden Temperaturen und Sonnenstunden das herbstliche Grau in Grau und die ersten Frostnächte folgen, stellt sich bei mir zwar nicht der Blues (und schon gar keine Winter-Depression) ein, aber doch eine Phase des intensiveren Nachdenkens. Schließlich bedeutet das sich dem ende zuneigende Jahr, dass ein neues vor der Tür steht – das einerseits vorausgeplant werden will, und das es andererseits mit frischem Schwung und neuen Ideen bzw. Projekten in Angriff zu nehmen gilt. Dass sich dabei manche Sorgenfalte auf der Stirn breitmacht, liegt in der Natur der Sache.

Ich selbst beschreibe mich gern als „hoffnungslosen Optimist“ – mein Glas ist grundsätzlich immer halbvoll. Wenn ich die allgemeinen Stimmungsbilder in den Medien sowie in diversen Studien verfolge, unterscheidet mich das offenbar von einer wachsenden Zahl an Menschen, deren Einschätzung der Zukunft sich zum Negativen verkehrt. Eine bemerkenswerte Analyse dieser Entwicklung habe ich kürzlich im „Standard“ gelesen, die von der deutsch-französischen Politikwissenschaftlerin Florence Gaub verfasst wurde und den Titel „Warum leben wir auf einer Insel des Pessimismus?“ trägt.

„Wenn Zukunft ein Reiseziel wäre, hätte sie ein Problem: Aktuell will nur jeder dritte Österreicher, jede dritte Österreicherin gern dorthin. Alle anderen haben eher negative Vorstellungen davon, fürchten sich vor Klimawandel, Finanzproblemen und Kriegen in den kommenden Jahren“, schreibt Gaub. Damit seien wir ganz auf einer Linie mit Deutschen, Franzosen, Italienern und Spaniern – stünden jedoch „im krassen Kontrast dazu, wie China, Saudi-Arabien oder fast alle jungen Menschen auf der Welt die Zukunft sehen: nämlich als genau den Ort, an dem alles besser wird.“

Dass wir in Europa auf einer „Insel des Pessimismus“ leben, habe mehrere Gründe. „Als Erstes muss man verstehen, dass Pessimismus keine Vorhersagekraft hat – sprich, es gibt ganz objektiv keinen Zusammenhang zwischen dem, wie sehr man sich über etwas sorgt, und der Wahrscheinlichkeit, mit der es dann eintritt. Denn Pessimismus mag sich intellektuell anfühlen, es ist ein Gefühl und kein Gedanke – und dieses Gefühl sagt weniger aus, was passiert, und mehr, wie sehr man glaubt, es beeinflussen zu können. Deshalb können Menschen gleichzeitig sehr optimistisch sein, was den kommenden Urlaub betrifft, und sehr pessimistisch, wenn es um die nächsten Wahlen geht. Das Erste können sie stark beeinflussen, das Zweite weniger. Was heißt also unser aktueller Pessimismus? Dass Europa das Gefühl hat, es kann die Zukunft nicht oder nur wenig beeinflussen.“

Aber auch das sei nur ein Gefühl und kein Faktum: „Ohnmacht dieser Art tritt nämlich genau dann ein, wenn man sich keine Gedanken darüber gemacht hat, was man eigentlich tun könnte, um die Zukunft zu beeinflussen. Das passiert genau dann besonders gern, wenn man die Zukunft auf Autopilot gestellt und zu lange die Hände vom Lenkrad genommen hat. Quasi ganz Europa hat dies nach 1990 getan. Das Buch ‚Das Ende der Geschichte‘ von Francis Fukuyama fasste damals den Zeitgeist gut zusammen. Es war der Auffassung, dass die Zukunft der Menschheit quasi feststeht, überall würden nun Demokratie und Marktwirtschaft Einzug halten, ganz wie bei uns. Eine Weile war das auch so: Bis in die frühen 2000er stieg die Zahl der Demokratien in der Welt stetig an – aber seither stagniert es. Mit dem gescheiterten Arabischen Frühling, dem Erstarken Chinas und dem Krieg in der Ukraine ist somit unsere alte Zukunft abgelaufen. Wir brauchen dringend eine neue; nicht nur, um wieder auf etwas Positives hinzuarbeiten, sondern auch, um uns weniger hilflos den Zukünften der anderen ausgeliefert zu fühlen.“

Um eine „neue Zukunft“ zu bekommen, d.h. gedanklich einige Jahre nach vorne reisen zu können, bräuchten wir laut Gaub „das Wissen, das Handwerkzeug, die Kultur und auch die Institutionen. Fast nichts davon haben wir in ausreichendem Maße, denn wir sind nach wie vor ein sehr vergangenheitsorientierter Kontinent. In der Schule lernen wir Latein statt Zukunftsvorausschau, beim Psychologen betreiben wir emotionale Archäologie, und nicht wenige von uns wählen Parteien, die versprechen, uns die Zukunft vom Leib zu halten und alles so zu belassen, wie es ist. Zukunftsfähige Gesellschaften sehen anders aus: Sie haben Zukunftsausschüsse im Parlament (Finnland), Zukunftskommissare (Wales), lokale Zukunftsinitiativen (Japan), Zukunftsberichte (USA) und vor allem: eine positive Geschichte der Zukunft (Saudi-Arabien, China). Sich aktiv mit der Zukunft auseinanderzusetzen ist dabei nicht das Gleiche, wie alle seine Ängste aufzuschreiben – es ist ein strukturierter Prozess, bei dem Daten zusammengetragen, Annahmen geprüft, Szenarien durchgespielt und debattiert wird.“

Das habe vor allem einen entscheidenden Effekt: „Man entdeckt, was man alles tun kann, um die Zukunft zu beeinflussen – und damit fühlt man sich automatisch besser. Eine Zukunft muss also nicht gut sein, damit man weniger oder keine Angst vor ihr hat, sondern sie muss beeinflussbar sein. (…) Umgekehrt macht es unglücklich, sich nicht aktiv mit der Zukunft auseinanderzusetzen, denn dann fliegt sie auf einen zu wie ein Meteorit, dem man nicht ausweichen kann. Für uns Europäerinnen und Europäer heißt das Folgendes. Erstens ist die Zukunft nicht etwas, das einem widerfährt, sondern etwas, womit man sich intensiv und strukturiert beschäftigt und das man mit Entscheidungen und Handlungen heute beeinflusst.“

Ein schöner Gedanke, wie ich meine – privat, beruflich und überhaupt.

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