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Mittwoch, 24. April 2024
Editorial E&W 3/2024

Die Wahl der Qual

Wolfgang Schalko | 10.03.2024 | Bilder | | 1  Meinung
Ich hatte für dieses Editorial einmal mehr die schöne Aufgabe, mich für eines der unschönen Themen zu entscheiden, die aktuell die Elektrobranche plagen. Um dann dazu ein paar mehr oder wenige kluge Überlegungen niederzuschreiben und vielleicht sogar den einen oder anderen Lösungsansatz zu bieten. Dem wäre auch nichts im Wege gestanden, hätte ich nur gewusst, wo ich anfangen soll.

Lässt man die grassierenden Widrigkeiten auf sich einprasseln, fühlt man sich schnell in eine Hexenküche versetzt, in der zig Töpfe deckelklappernd vor sich hin brodeln und ständig irgendeiner der toxischen Inhalte zu explodieren droht. Dauerstress in Reinkultur, sozusagen. Oder eben die Wahl der Qual.

Der alphabetischen Ordnung halber beginne ich also bei A wie austro mechana. Die heimische Verwertungsgesellschaft hat wieder einmal einen Bock geschossen – bei einem weiteren verzweifelten Versuch, das antiquierte Urheberrechts-Abgabensystem mit dem digitalen Medienwesen der Jetztzeit zu verknüpfen. Dass es der Elektrohandel ist, bei dem (zurecht) die Wogen hochgehen, wo es doch eigentlich vielmehr die Künstler sein müssten, die ob der vermutlich sogar gut gemeinten, aber eben nicht gut gemachten Nacht-und-Nebel-Aktion ihrer „Interessenvertretung“ auf die Barrikaden steigen, sei hier nur am Rande erwähnt.

Ich setze fort mit A wie Asia-Importe. Chinesische Online-Shops wie Temu, Shein & Co. wachsen in Europa und auch Österreich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Was eine ebenfalls rasch steigende Zahl an „findigen” Endkunden freut, wird für den Handel zunehmend zur Existenzbedrohung – der Handelsverband sprach bei seiner Kritik an der aktuellen Entwicklung von „Schrott-Commerce” (Es reicht ein kurzer Blick auf die Seiten der einschlägigen Shops, um zu wissen warum) und fordert daher ebenso wie die Wirtschaftskammer faire Spielregeln am E-Commerce Sektor. Als wirksame Gegenmaßnahmen nannte Martin Sonntag, Obmann des Bundesgremium des Versand-, Internet und allgemeinen Handels der WKÖ, zuallererst die schnellstmögliche Abschaffung der 150 Euro Zoll-Freigrenze, die momentan für 2028 vorgesehen ist (Der HV plädierte für spätestens 2026, doch selbst das dürfte für viele Händler zu spät sein). Weiters sprach sich Sonntag für eine Aufstockung beim Personal der Zollbehörden und bei der technischen Ausstattung aus sowie für eine Anpassung des Weltpostvertrags (Derzeit profitieren chinesische Absender durch weitaus geringere Preise als EU-Absender, weshalb ein gleicher Preis für ein Paket in beide Richtungen gefordert wird). Dass durch die Schwemme mit chinesischer Billig-Ware nicht nur der heimische Handel bedroht ist, sondern ein ganzer Rattenschwanz an weiteren Problemen daran hängt, dürfte den Fernost-Shoppern entweder nicht bekannt oder herzlich egal sein. Jährlich gelangen mehr als zwei Milliarden zollfreie Pakete in die EU (alleine nach Deutschland täglich über 400.000), die Hälfte bis zwei Drittel davon dürfte falsch deklariert sein bzw. wird das Zollsystem durch gezielte Stückelung von Lieferungen umgangen. Dadurch entgehen dem europäischen Fiskus Beträge in Milliardenhöhe. Auf der anderen Seite verursachen die notwendigen Kontrollen immer höhere Kosten für das Personal und deren Equipment. Das Tüpfelchen auf dem „i” sind dann die Missachtung von Umweltschutz (Entsorgung der Verpackung, Entpflichtung & Co. – Fehlanzeige) und Sicherheitsstandards, wie eine Reihe aus dem Verkehr gezogener Produkte zeigt (wegen Gesundheitsgefährung, fehlendem Datenschutz, etc.)

Damit gehen wir weiter zu A wie Arbeitskräftemangel, zu dem wir in dieser Ausgabe einen Themenschwerpunkt gestaltet haben – wobei uns diese Problematik das ganze Jahr über (und leider wohl auch noch darüber hinaus) begleiten wird. Und so paradox es klingen mag: Während die einen vor den Auswirkungen der stetig wachsenden Weltbevölkerung warnen, suchen die anderen händeringend nach Personal, um ihre Geschäftstätigkeit ausüben zu können. Und beide haben Recht, denn die Verteilung der so dringend benötigten Ressource Mensch gestaltet sich global höchst unterschiedlich und als „Markenzeichen” aller Staaten mit einem halbwegs ausgeprägtem Wohlstandniveau kann gelten, dass eine sinkende Zahl von Erwerbstätigen eine überproportial steigende Zahl an Pensionisten & Co. sowie die dazugehörige staatliche Infrastruktur zu finanzieren haben. Richtig prekär wird es spätestens dann, wenn selbst die glühendsten Verfechter von Automatisierung und Digitalisierung eingestehen müssen, dass ihre Wünsche, fehlendes Personal durch bessere Technik zu ersetzen, deshalb nicht Wirklichkeit werden können, weil – richtig geraten – die Fachkräfte dafür fehlen. Grundsätzlich sagen Experten sagen, dass unsere Konzepte und Methoden nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Um das Problem nachhaltig zu läsen, brauche es ein radikales Umdenken und völlig neue Herangehensweisen, wie etwa mehr statt weniger Migration oder – auch in Anbetracht des Klimawandels ein grundlegend umgestaltetes (Land-)Wirtschaftssystem.

Wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen, aber nachdem ich Sie mit dieser A-Auswahl vermutlich schon genug gequält habe, möchte ich Ihnen den Rest des Alphabets ersparen und stattdessen noch ein paar Worte zu den Lösungsansätzen verlieren. Diese liegen oftmals, und auch bei den geschilderten Themenfeldern, nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Hand des Einzelnen, sondern in der Verantwortung der Politik – und hier haben wir alle es in der Hand, mit der berühmten Qual der Wahl. 2024 ist bekanntlich ein „Superwahljahr” und wir dürfen u.a. zur Bestimmung unserer Vertreter auf EU-Ebene sowie im Nationalrat zu den Urnen schreiten. Das ist Chance, Risiko und Verantwortung gleichermaßen, geht es doch gerade auch aus Sicht von Handel und Gewerbe um essenzielle Weichenstellungen für die nächsten Jahre – etwa bei der Energiewende, dem Mobilitätssektor, der Bekämpfung des Fachkräftemangels, der Sicherung des Produktionsstandortes Europa oder der Forcierung der Digitalisierung bzw. dem Umgang mit KI. Zu befürchten ist allerdings, dass in einem so wichtigen Wahljahr aus politischem Kalkül entweder über weite Strecken nichts oder in kurzsichtigem Aktionismus das Falsche passiert. Ich halte es jedenfalls für wichtiger denn je, heuer besonders genau hinzuschauen und sich gut zu überlegen, wo man sein Kreuzerl macht.

Die Hoffnungen, in den Untiefen der Hexenküche doch noch irgendwo ein Sahnetörtchen zu erspähen, sind an diesem Punkt endgültig dahin. Macht aber nichts, ist ja ohnehin Fastenzeit – und die nächste Saure Gurke lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

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Kommentare (1)

  1. „………….wie etwa mehr statt weniger Migration …………….. “
    Leider kann unser Sozialsystem mehr Migration nicht stemmen.
    Vielmehr ist weniger mehr sei gesagt. Die Heerscharen männlicher Moslems werden unsere
    Wirtschaft nicht retten, im Gegenteil sie führen zu gewaltigen Problemen.
    Laßt doch die Pensionisten noch arbeiten, so dass es sich für sie auszahlt und den
    vielen jungen Hochstudierten würde es auch nicht schaden ins Berufsleben irgendwann einmal einzusteigen.

    5

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