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Mittwoch, 24. April 2024
Wenn Einsparungen nicht gut kommen

Die falsche Tugend

Über den Rand | Dominik Schebach | 31.03.2024 | Bilder | |  Meinung
Die Boeing 737 kam in letzter Zeit wegen der falschen Dinge in die Schlagzeilen. Die Boeing 737 kam in letzter Zeit wegen der falschen Dinge in die Schlagzeilen. (© pixabay/nickyhardinguk) Ich habe eine Schwäche für Sponti-Sprüche, die mit subversivem Wortwitz ihren Protest anbringen, oder auch nur überkommene Weisheiten auf den Kopf stellen und hinterfragen. Da kommt auch die Tugend der Sparsamkeit nicht gut weg. Nach einem Blick über den großen Teich will ich allerdings meinen Lieblingsspruch in dieser Hinsicht – „Spare in der Not, dann hast du Zeit dafür“ – durch eine Neuschöpfung ergänzen: „Spare in der Zeit, dann hast du bald die liebe Not“.

Der Anstoß dazu liegt in den von den Medien umfassend berichteten Schwierigkeiten eines prominenten Flugzeugbauers, die allesamt selbstverschuldet sind. Es geht, sie haben es erraten, um Boeing. Die Flugzeuge des Herstellers hatten in den vergangenen Wochen keinen guten „Run“. Der prominente Verlust eines wichtigen Teils der Rumpfverkleidung, eines so genannten „Door Plug“, welcher eigentlich einen nicht gebrauchten Notausgang im vorgefertigten Rumpf verschließen sollte, ist allen in Erinnerung. Der Grund dafür war ein haarsträubender Fehler in der Fertigung. Das ist allerdings nicht das einzige Missgeschick, welches Boeing passiert ist. Schon davor hat es mehrere sicherheitsrelevanten Vorfälle gegen, über die – da ohne Personenschaden – nicht so umfassend berichtet wurde. Heute erscheinen diese allerdings in einem anderen Licht.

Zuletzt hat die New York Times ausführlich über die Produktionsschwierigkeiten bei dem Unternehmen und seinen Zulieferern berichtet. Dabei trat ein zentrales Problem hervor: Für das Erreichen von Produktionszielen wurden bei dem Hersteller und seinen Partnerunternehmen Abstriche bei der Qualität hingenommen. Oder wie die NYT einen ehemaligen Mitarbeiter und Experten für Flugsicherheit zitierte: „Das  Motto lautet: Überall Abkürzungen – die Arbeit wird nicht richtig gemacht.“

Der Auslöser dieser Malaise waren und sind Managemententscheidungen, die über viele Jahre getroffen wurden. Ob das nun das Festhalten an einem Flugzeugmuster betraf, das seit den 1960er im Einsatz ist, anstatt rechtzeitig ein neues Modell zu entwickeln, oder erfahrene Mitarbeiter währen der Corona-Pandemie einfach der „Bottom Line“ wegen gekündigt wurden und nach Corona natürlich nicht mehr zurückgekommen sind, oder wenn es um darum ging, den Durchsatz in der Fertigung zu erhöhen und dafür – sagen wir es einmal wohlwollend – schlampig gearbeitet wurde (weil eben die erfahrenen Mitarbeiter nun fehlten).

All diese Fehler sind Ausdruck einer Kultur, in der notwendige Investitionen in Entwicklung und Fertigung nicht getätigt wurden. Stattdessen wurde im Namen der Effizienzsteigerung gespart. Und jetzt ist das Unternehmen in Not. Airlines wechseln zum Konkurrenten Airbus, Kunden fragen besorgt, ob das Flugzeug eine Boeing sei, oder berichten mit einem gewissen Galgenhumor über die glückliche Landung im Urlaub und in den USA wundert man sich inzwischen besorgt, ob da nicht gerade ein Flaggschiff der Industrie den Bach hinunter geht. Denn inzwischen sind die Probleme so groß, dass das Unternehmen nur mit dem Feuerlöschen beschäftigt ist, anstatt die nächsten Jahre zu planen.

Um es kurz einzufügen: Ich habe nichts dagegen, in guten Zeiten Reserven anzulegen. Nur müssen die Prioritäten stimmen. Wer auf Kosten der Zukunftsfähigkeit das Unternehmen auspresst, um den „Shareholdervalue“ zu steigern, setzt auf die falschen Tugenden – welche wiederum langfristig dem Unternehmen schaden.

Boeing ist in dieser Hinsicht ein Extrembeispiel, weil dieser Konzern ein Produkt fertigt, das besonders hohe Ansprüche an die Qualität stellt. Diese Qualität ist allerdings überlebensnotwendig – verzeihen Sie das Wortspiel. Der Hersteller steht mit der Betonung der falschen Schwerpunkte und Tugenden aber nicht alleine da. Wenn ich in den Wirtschaftsseiten diverser Medien lesen, dass derzeit viele Großkonzerne Mitarbeiter in der IT, Entwicklung oder Fertigung abbauen, weil es eben derzeit eine wirtschaftliche Delle gibt, dann sehe ich hier dieselben Mechanismen wirken. Sobald die Wirtschaft wieder anzieht, beginnt dann wieder das große Händeringen und Jammern, weil die notwendigen Mitarbeiter fehlen, und die neuen Kräfte nicht die notwendigen Fähigkeiten und Erfahrung mitbringen – um z.B. ein Motorrad zusammenzubauen, Medikamente entwickeln oder die App für eine große österreichische Bank lokal zu programmieren und zu warten.

Man kann allerdings nicht die gesamte Schuld den Managern jener Konzerne zuschieben. Die Shareholder und Eigentümer darf man ebenfalls nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Schließlich bestellen sie die Manager, welche diese fehlgeleiteten Unternehmensstrategien vorschlagen, entwickeln und schließlich umsetzen. Die Fixierung auf den kurzfristigen Gewinn fördert die Bestellung von „Ja-Sagern“, welche nicht die Produktqualität und den langfristigen Erfolg eines Unternehmens im Blick haben. Im Fall von Boeing gibt es zumindest einen einfach umzusetzenden Lösungsvorschlag, wie er in einigen Leserkommentaren zum oben genannten Beitrag angeführt wurde: Verpflichtet das Management in Zukunft, bei den Abnahmeflügen an Bord zu sein. Als Motivationsmaßnahme zur Qualitätssicherung mag das etwas extrem erscheinen. Aber wer den Schaden hat, spottet so oder so jeder Beschreibung.

Bilder
Die Boeing 737 kam in letzter Zeit wegen der falschen Dinge in die Schlagzeilen.
Die Boeing 737 kam in letzter Zeit wegen der falschen Dinge in die Schlagzeilen. (© pixabay/nickyhardinguk)
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