Dienstag, 26. Mai 2020
Strategien, um dem Unausweichlichen auszuweichen

Die Sache mit dem toten Pferd

Hintergrund | Stefanie Bruckbauer | 24.03.2019 | |  

Kennen Sie die sogenannte Weisheit der Dakota Indianer? Wenn nicht, sollten Sie unbedingt weiterlesen. Wenn schon, dann auch ...

(Bild: Thomas Stallkamp/ pixelio.de)

Unlängst diskutierten wir im Freundeskreis wieder Mal das Spannungsverhältnis zwischen Stationär- und Online-Handel. Ich ergreife jedes Mal Partei für stationär (was sonst?!) und verteidige die Daseinsberechtigung für Ladengeschäfte, denn ich stelle mir eine Zukunft ohne Läden und Shops, ohne geschäftiges Treiben auf Einkaufsstrassen, in Innenstädten und Fußgängerzonen sehr trist und düster vor (mal abgesehen von den wirtschaftlichen Konsequenzen). Allerdings muss ich in den Diskussionen doch immer wieder einräumen, dass professionell aufgezogene Onlineshops mitunter schon auch richtig gut sein können. Und ich muss auch eingestehen, dass es tatsächlich stationäre Händler gibt, die nur über das böse Internet jammern und nichts an ihrer Situation ändern und für die es in letzter Konsequenz wahrscheinlich sogar besser wäre, ihr Geschäft zu schließen. Plötzlich brachte einer in der Runde die Weisheit der Dakota Indianer ins Spiel, von der ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört hatte. Tage später stöberte ich im Internet und fand dort Dinge, die mich herzlich schmunzeln ließen und die ich hier mit Ihnen teilen möchte.

Simpel, oder?

Die sogenannte „Weisheit der Dakota Indianer“ besagt folgendes: „Wenn du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“ Hört sich doch recht simpel an, oder? Aber statt einfach vom toten Pferd abzusteigen wurden in unserem beruflichen Leben (und vor allem in den Führungsetagen großer Unternehmen bzw. in der Politik) unzählige Methoden und Strategien – zum Teil bis zur Perfektion – entwickelt, um dem Unausweichlichen möglichweise doch ausweichen zu können. Vielleicht kommt Ihnen, lieber Leser, die eine oder andere der folgenden Taktiken ja bekannt vor? 😉

Strategien, um dem Unausweichlichen auszuweichen

Was also tun die Verantwortlichen, wenn sie entdecken, dass sie ein totes Pferd reiten …

  • Sie besorgen eine stärkere Peitsche.
  • Sie wechseln die Reiter.
  • Sie sagen: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“
  • Sie gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
  • Sie besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
  • Sie erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
  • Sie bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
  • Sie schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
  • Sie stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.
  • Sie ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.
  • Sie kaufen Leute von außerhalb ein, um das tote Pferd zu reiten.
  • Sie schirren mehrere tote Pferde zusammen, damit sie schneller werden.
  • Sie erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht noch schlagen könnte.“
  • Sie machen zusätzliche Mittel locker, um die Leistung des Pferdes zu erhöhen.
  • Sie machen eine Studie, um zu sehen, ob es billigere Berater gibt.
  • Sie kaufen etwas zu, das tote Pferde schneller laufen lässt.
  • Sie erklären, dass ihr Pferd „besser, schneller und billiger“ tot ist.
  • Sie bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
  • Sie überarbeiten die Leistungsbedingungen für Pferde.
  • Sie richten eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein.

Skurrile Auswüchse

Die Weisheit der Dakota Indianer inspirierte viele, viele Leute und das hatte teils skurrile Auswüchse, wie folgendes Internet-Fundstück zeigt. Die Autoren stellten hierbei fest, dass die Einstellung der Dakota Indianer geprägt sei von Resignation und Passivität und damit kein Vorbild für sie darstelle. Gemäß dem Motto „Na ja, was verstehen die Sioux auch schon von Pferden?“, beschlossen die Autoren (in dem Fall „hochqualifiziertes Führungspersonal in der kommunalen Verwaltung“, wie sie sich beschrieben), dass sie da schon ein paar Schritte weiter sind und entwickelten für derartige Situationen (also das Reiten eines toten Pferdes) zahlreiche „erfolgsorientierte Strategien und zielführende Methoden“:

Auch sie sagen erstmal: „So haben wir das Pferd doch immer geritten.“

Sie weisen den Reiter an, sitzen zu bleiben, bis das Pferd wieder aufsteht.

Sie stellen dem Reiter eine Beförderung in Aussicht.

Sie ordnen Überstunden für Reiter und Pferd an.

Sie schließen mit dem Reiter eine Zielvereinbarung über das Reiten toter Pferde.

Sie gewähren dem Reiter eine Leistungsprämie, um seine Motivation zu erhöhen.

Sie schicken den Reiter auf ein Weiterbildungsseminar, damit er besser reiten lernt.

Sie organisieren regelmäßige Teamgespräche mit einem externen Supervisor, um die Kommunikation zwischen Reiter und totem Pferd zu verbessern.

Mitarbeiter, die darauf hinweisen, dass das Pferd tot ist, werden als Bedenkenträger angeprangert und zu Motivationsseminaren „Positives Denken“ angemeldet.

Sie schlagen dem Personalrat vor, Leistungsanreize für tote Pferde einzuführen.

Sie sourcen den Stall für tote Pferde aus, um Futterkosten zu sparen.

Sie schreiben die Stelle des Reiters des toten Pferdes landesweit aus, nachdem sich unternehmensintern kein qualifizierter Bewerber gefunden hat.

Auch sie besorgen eine größere Peitsche.

Sie verdoppeln die Futterration für das Pferd.

Sie wechseln den Pferdelieferanten.

Sie wechseln den Futterlieferanten.

Sie wechseln das Stroh im Stall aus.

Sie lassen den Stall renovieren.

Sie berufen einen branchenübergreifenden Arbeitskreis, um das tote Pferd zu analysieren.

Sie besuchen andere Betriebe, um zu sehen, wie man dort Pferde reitet.

Sie stellen fest, dass die anderen auch versuchen, tote Pferde zu reiten und erklären dies zum Normalzustand.

Sie schließen sich einer internationalen Arbeitsgemeinschaft an, um entsprechend dem Best-Practice-Gedanken das tote Pferd zu optimieren.

Sie bringen im Rahmen des Budgets die Produkt- und die Finanzverantwortung des toten Pferdes zur Deckung.

Sie starten einen unternehmenssinternen Ideenwettbewerb zum Reiten toter Pferde.

Sie ernennen einen Mitarbeiter zum Beauftragten für das Totepferdewesen.

Sie beauftragen eine renommierte Beratungsfirma mit einem Gutachten, ob es billigere und leistungsfähigere tote Pferde gibt.

Das Gutachten stellt fest, dass das tote Pferd kein Futter benötigt und empfiehlt, nur noch tote Pferde zu verwenden.

Ein Ergänzungsgutachten ergibt, dass die Leistung des toten Pferdes etwa doppelt so hoch ist wie die Arbeitsleistung eines durchschnittlichen Beamten und empfiehlt die Verbeamtung des Pferdes.

Sie erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.

Sie lassen das tote Pferd nach DIN EN ISO 9001 zertifizieren.

Sie bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.

Sie stellen Vergleiche unterschiedlich toter Pferde an.

Sie ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.

Zur Steigerung der Effizienz stellen sie einen Antrag auf Förderung und schreiben öffentlich ein Upgrade „Totes Pferd 2.0″ aus.

Sie schirren mehrere tote Pferde zusammen, damit sie gemeinsam schneller werden.

Sie erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass man es nicht doch motivieren könnte.“

Sie beantragen Fördermittel der EU aus dem Landwirtschaftsfond für Pferdehaltung.

Alternativ schlagen sie vor, das tote Pferd als EU-Kommissar nach Brüssel zu berufen.

Sie erklären: „Wenn man das tote Pferd schon nicht reiten kann, dann kann es doch wenigstens eine Kutsche ziehen.“

Sie bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.

Sie überarbeiten die Dienstanweisung für das Reiten von Pferden.

Sie richten einen unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein.

Sie weisen darauf hin, dass im Rahmen des Neuen Kommunalen Finanzmanagements das tote Pferd als bewegliches Anlagevermögen zu bewerten ist.

Sie definieren ein eigenes Produkt „Reiten toter Pferde“.

Sie erstellen eine Power-Point-Präsentation, um zu zeigen, was das Pferd könnte, wenn es nicht tot wäre.

Sie bilden innerhalb des Unternehmens eine neue Abteilung mit der Integration aller toten Pferde, um Synergieeffekte zu nutzen.

Sie suchen einen finanzstarken Partner aus der Privatindustrie und gründen zusammen mit dessen toten Pferden ein Public-Private-Partnership-Projekt.

Sie tauschen das tote Pferd gegen ein anderes totes Pferd aus, das laut Produktbeschreibung schneller läuft.

Sie tauschen das tote Pferd gegen eine tote Kuh aus.

Sie erschießen alle lebendigen Pferde, um die Chancen ihres toten Pferdes zu erhöhen.

Im Rahmen eines internationalen Artenschutzabkommens verpflichten sich alle Partner, das Aussterben toter Pferde zu verhindern.

Sie kündigen nach Anhörung des Personalrates dem Pferd fristlos, da es sich um einen klaren Fall von Arbeitsverweigerung handelt.

Sie verklagen das Pferd zivilrechtlich auf Schadensersatz wegen Nichterbringung einer zugesicherten Leistung.

Sie gründen ein Crowdfunding-Projekt, damit Andere auch die Chance erhalten, ein totes Pferd zu reiten.

Sie lassen „Totes Pferd“ patentieren und markenrechtlich schützen, damit Nachahmer zur Kasse gebeten werden können.

Sie wenden die Helmut-Kohl-Strategie an. Soll heißen, sie setzen sich hin und warten sechzehn Jahre, ob das Pferd sich nicht einfach nur tot stellt.

Sie wenden eine der beiden Angela-Merkel-Strategien an:
a) Alle dürfen munter sich widersprechende Vorschläge machen und am Schluss ist der Koalitionspartner schuld, wenn das Pferd sich nicht bewegt.
b) Erst fordern, dass eine gemeinsame Lösung gefunden werden muss, dann das tote Pferd als alternativlos präsentieren und ihm danach das Vertrauen aussprechen.

Sie erklären, dass ein totes Pferd von Anfang an ihr Ziel war.

Sie behaupten, das tote Pferd sei von den Vorgängern beschafft worden.

Sie legen das tote Pferd jemand anderem in den Stall und erklären, es sei seines.

Sie leugnen, jemals ein Pferd besessen zu haben.

 

Folgende Leserkommentare wurden im alten System gepostet

(und von der Redaktion ins neue System übertragen)

Coach | 26. 3. 2019, 11:18 Uhr

Gute Metapher

Die Autorin des Artikels ist immer eine starke Unterstützerin und Verfechterin des heimischen Einzelhandels. Auch deshalb find ich den Humor gut. Die Metapher des toten Pferdes passt ja nicht nur manchmal im Bezug auf den EH, sondern noch viel öfter in anderen Bereichen des (Berufs)Lebens.

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kleinerhändler | 25. 3. 2019, 13:53 Uhr

Ein total geheimes Geheimnis

muß es wohl sein wie ein kleiner Händler es besser machen kann. Alle sprechen über Veränderung, aber wie hab ich noch nicht ansatzweise gelesen oder gehört.

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Anonymous | 25. 3. 2019, 07:53 Uhr

Trifft es irgendwie 🙂

Also ich fand den Artikel echt unterhaltsam!

Wenn wir den Handel objektiv betrachten hat er sich einfach die letzten 25 Jahre maßgeblich verändert.

Das Problem ist das viele stehen geblieben sind und sich nicht mitgerändert haben. Dabei wären schon viele kleine Impulse am Anfang der Veränderung hilfreich gewesen um mit zu machen! Wenn man jetzt etwas verändern möchte steht man vor teils unmöglichen Herausforderungen die man in den seltensten Fällen alleine meistern kann.
Das trifft die Metapher des Toten Pferdes ganz gut 🙂

… und ja die Kleinstädte werden immer einsamer und verwahrlosen teilweise sogar.
Also bei mir in der näheren Umgebung ist es einfach so das die Mieten so explodiert sind das es sich aus wirtschaftlicher Sicht kaum rechnet etwas neu zu eröffnen oder zu vergrößern! Also eher ein Politisches Thema… und hier sitzen dann die Gemeinden auf Toten Pferden und sagen sich selbst alles andere ist schuld das die Stadt leer ist und keiner eröffnen möchte.

Also mir gefällt die Geschichte mit dem Pferd gut 🙂

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Fahrender | 24. 3. 2019, 10:35 Uhr

Geisterstädte

Ich weiß nicht wie es in anderen Ländern aussieht, aber hier in Österreich gibt es sehr wohl immer mehr Ortschaften in denen „nur mehr der Wind durchweht“. Ich bin seit mehr als 20 Jahren beruflich viel unterwegs und es ist erschreckend wie sehr sich das Ortsbild an vielen Stellen verändert hat. Vor den Städten, irgendwo in der Prärie, ein riesen Einkaufs-Komplex mit einem Lebensmittler, einem Textildiskonter und einem Drogeriemarkt (immer die selben) und die Innenstädte/ Dorfkerne, wo früher noch was los war, sind gähnend leer. Geisterstädte. Maximal noch ein Frisör und ein Wettspielanbieter – das wars. Also ich sehe da keine „anderen Shops“. Ich sehe viel mehr, dass die jungen Leute flüchten aus diesen Gegenden, die dann schlussendlich aussterben, und davon gibt es immer mehr Beispiele in Österreich.

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B.Trapp| 24. 3. 2019, 10:09 Uhr

Traurig aber wahr

Ich bin / war fast 50 Jahre in der Branche unterwegs und „tote Pferde“ hat es Jahr für Jahr gegeben. Der Grund hierfür war, dass wir keine Unternehmer hatten, sondern nur Unterlasser. Da hilft kein Jammern und Lamentieren, da müssen die Ärmel hochgekrempelt werden und Gehirnschmalz muss fließen. Die helfende Hand hängt bekanntlich am eigenen Arm. Wer es nicht glaubt, der soll’s mal versuchen.

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Unke | 24. 3. 2019, 09:55 Uhr

@Leser

Als Gott den Humor ausgeteilt hat, waren Sie wohl gerade nicht anwesend?

Man sollte nicht immer ALLES ernst nehmen, schon gar nicht an einem so wunderschönen Tag!

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Leser | 24. 3. 2019, 09:34 Uhr

eh lustig (als Artikel)

…aber auch nicht sehr gscheid (im Zusammenhang).

Ein totes Pferd ist ein klarer Zustand. Kein Herzschlag = Pferd tot.

Heisst das im Handel: kein Kunde für einen Tag = Geschäft tot? Vielleicht ist es so, aber manche überlegen sich was, stecken die eigenen Ansprüche zurück und kämpfen.
Aber: Wo ist als Händler der Punkt wo man aufgibt, und an welchen Schräubchen kann man drehen und kämpfen? Ein anderer platter Kalenderspruch lautet daß Erfolg 1% Idee, 1% Glück und 98% Durchhaltevermögen ist. Also Pferd tot oder einfach zu schnell aufgegeben, zu wenig probiert, keine Ideen gehabt, an sich selbst gescheitert?

Grundsätzlich für den stationären Handel Partei zu ergreifen ‚weil sonst die Strassen leer sind‘- ernsthaft? Gucken Sie doch in Ländern mit höherem Online Anteil als Österreich, ist dort die Apokalypse eingetreten und es weht nur noch der Wind durch die Innenstädte? Nein, es gibt eben andere Shops. Das ist nicht das Ende der Zivilisation, sondern Veränderung – und dafür braucht man Vorstellungsvermögen. Und wenn einem die Entwicklung nicht passt muss man Leute wählen die Amazon per Gesetz aufhalten und kapieren daß der Schwanz schon lange mit dem Hund wedelt.

An anderer Stelle schreiben die Hyänen über den Stellenabbau bei Media Saturn. Alle schimpfen auf ‚die Industrie‘ – dabei ist das alles ein System aus Wechselwirkungen.

An so einem schönen Sonntag für meinen Geschmack alles miteinander zu viel Fatalismus. Was in der Branche passiert, das ist nicht ‚Bestimmung‘, es ist das Ergebnis einer Entwicklung die vor 10 Jahren begonnen hat, an Geschwindigkeit aufzunehmen. Alle die jammern sind tote Pferde auf die keiner setzen und denen keiner zuhören sollte.
Am Dakota Indianer kann man sich mal kurz amüsieren, aber interessanter wäre es zu lesen wie der erfolgreiche heimische Elektrohandel aussieht.

Kommentare

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