Donnerstag, 24. September 2020
Auch in der Krise braucht es ein Ziel

Leitsterne statt Worthülsen

Dominik Schebach | 10.05.2020 | Bilder | | 1  

Dominik Schebach
Dass wir uns den Start in die Selbstständigkeit anders vorgestellt haben und warum wir den Schritt trotzdem wagen, das hat mein Kollege Wolfgang Schalko hier schon das letzte Mal ausführlich beschrieben. Dem gibt es kaum mehr etwas hinzuzufügen, außer ein persönliches Geständnis: Dieser Platz hier auf der Seite 3, der hat auch etwas Magisches für mich. Diese Editorials sind sozusagen immer wieder ins Herz der Sache gegangen. Mein langjähriger Chef und Freund Andreas Rockenbauer hat uns hier ja die Latte recht hoch gelegt. Aber das ist eine Herausforderung, die wir gerne annehmen, womit wir auch schon beim Thema wären. Denn Herausforderungen haben wir derzeit wahrlich alle genug.

Angesichts der Durchhalteparolen der vergangenen Tage und des scheinbaren Stillstands im verordneten Lockdown ist mir allerdings ein alter Sponti-Spruch aus den 90ern wieder eingefallen: „Spare in der Not, dann hast du Zeit dazu.“ Das ist natürlich Käse. Aber im Moment haben die verschiedensten Sätze der Management-Literatur Hochkonjunktur, da muss man auch einmal eine humoristische Gegenposition einnehmen. Wenn unzählige leere Worthülsen laufend auf uns einprasseln, hilft es vielleicht einmal kurz innezuhalten und den Blick ein wenig zu heben. Wir haben schließlich alle ähnliche Sätze in den vergangenen Wochen selbst gebraucht, und da schließe ich mich ausdrücklich selbst mit ein, und wahrscheinlich noch öfters gehört. Parolen wie die Krise als Chance; Veränderungen sind möglich; die Herausforderung annehmen usw. Die stimmen zwar alle irgendwie, jetzt sollten wir uns allerdings einiges zur Umsetzung überlegen. In einer Situation, die so dynamisch ist wie die Corona-Krise, bleibt dies natürlich eine sehr gewagte Aussage. Dieser Tage ist doch jeder noch damit beschäftigt, auf die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen zu reagieren. Für das Formulieren und Anpeilen strategischer Ziele bleibt da scheinbar wenig Zeit.

Mitte April hatte ich die Möglichkeit, mit Adolf Thaller zu sprechen. Der wirtschaftliche Berater von Expert empfiehlt für die derzeitige Situation eine extrem agile und teilweise auf die Woche herunter gebrochene Unternehmensführung mit laufendem Soll-Ist-Vergleich und einem festen Blick auf die Liquidität der Unternehmen, damit man die sich nun bietenden Chancen auch nutzen kann. Denn das erste Ziel für jedes Unternehmen heißt jetzt einmal Überleben. Dem stimme ich vollkommen zu. Gleichzeitig wäre es jetzt aber an der Zeit, mit dem in der Krise geschärften Blick für das Wesentliche einige grundsätzliche Überlegungen zu tätigen und im Hinterkopf für die Zukunft mitzutragen. In welcher Welt wollen wir aufwachen, wenn dieser Albtraum vorbei ist? Welchen Leitsternen wollen wir jetzt folgen, wenn scheinbar die gesamte Wirtschaft aus den Fugen gerät?

Persönlich halte ich vom Gerede der schöpferischen Zerstörung wenig, das von manchem „Sofa-General“ so gern gebraucht wird. Ich baue lieber langsam und bedächtig etwas auf. Wenn allerdings wie eben jetzt durch äußere Einflüsse die Karten neu gemischt werden, dann macht es keinen Sinn, einfach den Status quo ante wieder herzustellen – so verlockend das auch sein mag. Einfach wieder Gas zu geben ist zu wenig, da landet man leicht im Graben, denn die Voraussetzungen haben sich geändert. Und seien wir uns ehrlich, wer hat sich nicht in den vergangenen Jahren z.B. über unfaire Wettbewerbsbedingungen zugunsten internationaler Online-Giganten geärgert, gegen die heimische Unternehmen so oft das Nachsehen hatten. Da hilft es, dass im Moment in gewisser Weise ein Fenster aufgeht.

Warum? Dazu müssen wir kurz einen Sprung über den großen Teich wagen. Dort hat der US-Blogger, Analyst und Unternehmensberater Shelly Palmer vor kurzem einen bemerkenswerten Satz veröffentlicht: „Alle Ihre bestehenden Konsumenten-Daten sind wertlos.“ Unter den gegebenen Umständen könne niemand aufgrund der vorhandenen Kundendaten Prognosen über das Konsumentenverhalten abgeben. Kaufabsichten, Interessen, verfügbares Einkommen usw seien nicht mehr vorhersehbar. Allerdings seien die Tech-Giganten in der Pole-Position, wenn es nun darum geht, die neuen Daten zum Konsumentenverhalten zusammenzutragen, auszuwerten und zu kommerzialisieren. Schließlich erhalten diese nun den Treibstoff für den nächsten Wirtschaftsaufschwung frei Haus von den Konsumenten geliefert, womit Giganten wie Amazon, Google, Apple oder Facebook ihre Hegemonie für die Zukunft vollkommen einzementieren würden. – Jetzt muss man wissen, dass sich Palmer in erster Linie an US-Tech-Unternehmen, Retailer und Start ups richtet, die ein ambivalentes Verhältnis – von gleichzeitiger Konkurrenz, Bewunderung und Abhängigkeit geprägt – zu den Konzernen haben und oft in den gesamten USA tätig sind. Andererseits glaube ich doch, dass konsumentenbezogene Daten auch in Europa der Mörtel sein werden, der unsere Wirtschaft der Zukunft zusammenhalten wird. Deswegen ist die Aussage des Bloogers in ihrer Radikalität bedenklich. Denn das Wettrennen um diesen Rohstoff der Wirtschaft ist natürlich schon eröffnet – bzw hat nie geendet.

Sind die Tech-Giganten deswegen alleine auf weiter Flur. Meiner Meinung nach NEIN! Denn der Fachhandel hat den direkten Kontakt zu den Kunden. Sie kennen ihre Kunden und haben nun die eine Möglichkeit, den Tech-Giganten den Marsch zu stehlen. Gleichzeitig müssen wir uns eingestehen, viele unserer Pre-Corona-Annahmen stimmen einfach nicht mehr. Sie sind irrelevant geworden. Trösten Sie sich mit dem Umstand, dass es Ihnen nicht alleine so geht. Aber das Wissen um die Kunden vor Ort kann Ihnen niemand nehmen und dies gehört derzeit zu den wertvollsten Ressourcen, die es gibt. Denn im Moment fahren wirklich viele nur auf Sicht (der Rest ist im Blindflug unterwegs.) Aber behalten Sie, wenn Sie die sich bietenden Chancen nutzen, dabei bitte Ihre Leitsterne im Blick. Denn wir brauchen auch in der Krise ein Ziel und keine leeren Worthülsen.

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