Donnerstag, 16. Juli 2020
Pandemie wirft KI-Systeme aus der Bahn

Schraubenzieher können nicht improvisieren

Hintergrund | Dominik Schebach | 24.05.2020 | Bilder | |  

Dominik Schebach
Es ist einer der spannendsten Beiträge, den ich in den vergangenen Wochen gelesen habe. Da schreibt das MIT Technology Review, dass die Folgen der Pandemie die sorgsam aufgebauten KI-Systeme, welche z.B. Kundenverhalten vorhersagen sollen, aus der Bahn geworfen hat. Was zeigt, dass eine KI auch nur ein glorifizierter Schraubenzieher ist. Ein Werkzeug, maßgeschneidert für bestimmte Anwendungen, aber unfähig zur Improvisation.

Systeme mit künstlicher Intelligenz haben in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben in der Wirtschaft übernommen. Besonders im E-Commerce sind sie nicht mehr wegzudenken. KIs spielen nutzerangepasste Werbung auf Webseiten ein, präsentieren im Online-Shop dem potenziellen Käufer die für ihn interessanten Produkte oder erstellen Forecasts für Einkäufer. Das können sie, weil sie anhand des üblichen Surf- und Kaufverhaltens der Kunden, Vorhersagen treffen, die sie wiederum laufend überprüfen, anhand der Ergebnisse lernen und sich weiter optimieren – nach den in ihren grundlegenden Modellen festgelegten Kriterien. Und das alles passiert auf der Basis einer Unmenge von Daten. Und solange sich die Entwicklung ohne große Brüche vorwärtsbewegt, sich die Daten nicht zu sprunghaft verändern, werden diese KI-Systeme immer besser und stechen innerhalb kürzester Zeit menschliche Spezialisten aus.

Wenn das Geschehen allerdings aus den Fugen gerät, da kommen auch diese teuren KI-Systeme schnell an ihre Grenzen, berichteten nun die Kollegen der MIT Technology Review. Die jetzige Pandemie war so ein Fall. Als sich in den wichtigsten westlichen Industriestaaten innerhalb von fünf Tagen im Februar die meistverwendeten Suchbegriffe bei Amazon von Handy-Ladegeräte, Smartphone-Hüllen und Lego auf Toilettenpapier, Handdesinfektionsmittel und Gesichtsmaske änderten, kamen die KI-Systeme ganz massiv ins Trudeln. Denn die einlaufenden Daten stimmten nicht mehr mit den grundlegenden Modellen überein. Das hatte Folgen in der automatisierten Betrugserkennung, der Bevorratung, der Werbung oder dem Bestellwesen. Viele dieser Systeme benötigten in der Folge eine massive menschliche Intervention, weil sonst die Entwicklung immer weiter aus dem Ruder gelaufen wären und sich die Fehler immer mehr kumuliert hätten.

Wer sich jetzt über die Überlegenheit des Menschen über die Maschine freut, sollte kurz innehalten. Denn es brauchte sozusagen die massivste wirtschaftliche Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, bevor die KI-Systeme entgleisten. Dh, für ihre Aufgaben waren bzw sind die Systeme schon verdammt gut. Schließlich hatten die Programmierer ihre Schöpfungen ja zuvor schon an Krisen der Vergangenheit wie dem Banken-Crash von 2008 trainiert. Dass es allerdings noch schlimmer kommen könnte, hatten die Entwickler offensichtlich nicht auf dem Radar.

Damit hat die Krise die Grenzen solcher KI-Systeme schonungslos aufgezeigt. Diese sind trotz aller „Lernfähigkeit“ eben immer nur so gut, wie das zugrundeliegende Modell. Stimmt das Modell nicht mehr, muss es erst von Menschen mühsam nachgeschärft werden, bevor die KI wieder verlässlich läuft und selbst dann muss man die Prozesse weiterhin sorgfältig im Blick behalten. Dh, ohne Menschen geht es nicht, denn eine KI kann eben nicht selbstständig improvisieren – im Gegensatz zu sagen wir einem gut eingespielten Team in einer Verkaufsabteilung. Natürlich können auch Menschen daneben liegen. Das tun sie sogar sehr oft, aber sie können auch grundsätzliche Fehler analysieren und ihre Handlungen im laufenden Betrieb unter außergewöhnlichen Umständen anpassen.

Was bedeutet das für die Zukunft? Die Pandemie hat uns wieder einmal gezeigt, dass KI-Systeme Werkzeuge sind – wie eben Schraubenzieher. Genauso wenig, wie sich Schraubenzieher zum Einschlagen von Nägeln eignen – es geht, aber es geht nicht gut – genauso wenig eignen sich KIs für ungewöhnliche Situationen abseits ihrer  grundlegenden Modelle. Wozu sich KI-Systeme allerdings perfekt eignen, ist das Erfüllen von Routineaufgaben, um Menschen für das Unerwartete, das Neue, das Analysieren oder das Revolutionäre freizuspielen.

Bilder

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.